Der durch den Unfalltod seiner Frau schwer angeschlagene Early (John Carroll Lynch) entflieht für einen Nachtspaziergang seiner überfürsorglichen Schwester, die ihn bei sich in Los Angeles aufgenommen hat.
Das Indie-Drama "Anything" von Timothy McNeil erzählt eine  ungewöhnliche, aber berührende Liebesgeschichte.

Anything

KINOSTART: 09.05.2019 • Drama • USA (2018) • 93 MINUTEN
Lesermeinung
prisma-Redaktion
Originaltitel
Anything
Produktionsdatum
2018
Produktionsland
USA
Filmstudio
Kintop
Laufzeit
93 Minuten
Regie
Dídio Pestana

Filmkritik

Jenseits von Vorurteilen
von Gabriele Summen

Nach dem Tod seiner Frau verliebt sich ein Mann in eine transsexuelle Prostituierte: Die Besetzung von "Anything" sorgte im Vorfeld für hitzige Diskussionen.

"Ich weiß nicht viel. Aber ich weiß, was es bedeutet, jemanden zu lieben", sagt der heterosexuelle Witwer aus Mississippi in Timothy McNeils Regiedebüt "Anything" zu seiner entsetzten Schwester. Early, so heißt er, hat sich in die charismatische Nachbarin verliebt, eine Transsexuelle mit dem fantastischen Namen Freda von Rhenburg. Gespielt wird diese Freda von einem homosexuellen Mann, dem Schauspieler Matthew Bomer. In der Trans-Community hatte die Entscheidung, einen nicht-transsexuellen Schauspieler zu besetzen, für einigen Unmut gesorgt.

Ungewöhnlich ist eine solche Besetzung allerdings nicht. 2016 erhielt Eddie Redmayne eine Oscarnominierung für seine Rolle als intersexuelle Malerin in "The Danish Girl", Jared Leto gewann zwei Jahre zuvor die begehrte Filmtrophäe für seine Rolle als aidskranker Transvestit in "The Dallas Buyers Club". Einen anderen Weg beschritt der chilenische Oscar-Gewinner "Eine fantastische Frau", der mit Daniela Vega tatsächlich einer transsexuellen Schauspielerin die Hauptrolle gab.

Rein künstlerisch hat Regisseur McNeil, der für "Anything" sein gleichnamiges Theaterstück selbst adaptierte, beim Casting alles richtig gemacht. Neben Matt Bomer glänzt besonders John Carroll Lynch ("Fargo"), der 2018 als Regisseur mit "Lucky" einen der berührendsten Filme des Jahres ablieferte, in der Hauptrolle des 54-jährigen Early. Nach dem plötzlichen Tod seiner Frau, mit der er 26 Jahre verheiratet war, verfällt Early in tiefste Depressionen und versucht, sich das Leben zu nehmen. Doch sein Selbstmordversuch, der sich jenseits der Kamera abspielt, misslingt.

Seine besorgte, zum Kontrollfreak neigende Schwester Laurette (Maura Tierney) verpflanzt den Südstaaten-Mann daraufhin kurzerhand in ihr nobles Heim nach Los Angeles, um besser auf ihn aufpassen zu können. Early entflieht jedoch schon bald Laurettes Fürsorglichkeit, indem er sich ausgerechnet in einem heruntergekommen Viertel ein eigenes Häuschen anmietet. Bald finden seine selbstzerstörerischen Nachbarn, der heroinabhängige Musiker David (Micah Hauptman) und seine Freundin Brianna (Margot Bingham), Gefallen an dem schwermütigen Mann mit den ausgezeichneten Manieren. Auch die transsexuelle Prostituierte Freda, die stets einen flotten Spruch auf den Lippen trägt, ist empfänglich für Earlys Freundlichkeit und Zuvorkommenheit.

Die Momente, in denen sich die lebhaft-gefühlvolle, aber auch verbitterte Freda und der unendlich traurige, aber großherzige Early einander annähern, sind äußerst berührend. Großartig inszeniert ist auch jene Schlüsselszene, in der Early seiner snobistischen Schwester und ihrer Familie seine neue Freundin vorstellt. Während Laurettes Ehemann Freda höflich behandelt und Earlys Neffe ihr mit jugendlicher Offenheit begegnet, reagiert seine Schwester mit unverstelltem Ärger und Verachtung. Authentischer hätte man das nicht darstellen können.

Regisseur McNeil umschifft gekonnt viele Klischeefallen, und seinem herausragend agierenden Ensemble gelingt es, tiefe Gefühle im Zuschauer anzutriggern, auch wenn Dialoge und Dramaturgie nicht immer sitzen. "Anything" ist eine lohnenswerte Indie-Perle, die eine sehenswerte Geschichte über Liebe, Gemeinschaft, Respekt und die vorurteilsfreie Neugier auf einen anderen Menschen erzählt.


Quelle: teleschau – der Mediendienst

Weitere Darsteller
Suleimane Biai Mariana Caló Filipa César Mário Gomes Sana Na N'Hada Dídio Pestana Francisco Queimadela Rui Ribeiro Gonçalo Tocha Jenny Lou Ziegel

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