Der Bremer "Tatort" war diesmal weniger Krimi als eine Hommage an das klassische Vampir- und Gruselkino und spaltete die Gemüter. Aber war das nun ein Experiment – oder nicht?

Ostern 2019 lösen die Bremer "Tatort"-Kommissare Lürsen (Sabine Postel) und Stedefreund (Oliver Mommsen) nach knapp 22 Dienstjahren ihren letzten Fall. Dann darf wohl auch der gebissene Kommissar wieder ans Tageslicht zurück. Aber war der hanseatische Vampir-"Tatort" mit dem programmatischen Titel "Blut" nun krass gruselig, dolle Filmkunst oder doch eher albern?

Was ist geschehen, wer hat wen gebissen?

Eine junge Frau wurde nachts im Park zerfleischt. Die tödlichen Bissverletzungen am Hals stammten von einem Menschen. Früh offenbart der "Tatort" Nora Harding (Lilith Stangenberg) als Täterin. Die zurückgezogen mit ihrem kranken Vater (Cornelius Obonya) lebende Frau ernährte sich – abseits ihrer Beutezüge – von Rinderblut und trat nur in der Dunkelheit nach draußen. Ein Vampir im deutschen Krimifernsehen also? Als Kommissar Stedefreund (Oliver Mommsen) von der Blassgesichtigen gebissen wurde und sich ein Transformationsprozess anbahnte, wurde dieser "Tatort" zum interessanten Spekulationsobjekt.

War dieser "Tatort" nun experimentell?

Eigentlich klingt diese Frage kindisch, aber sie ist es nicht. Seit im Herbst 2017 öffentlich gewordenen Verdikt der ARD-Oberen, es solle pro Jahr nur noch zwei experimentelle "Tatort"-Folgen geben, zählt man leise mit, ob diese Zahl schon erreicht wurde. Lange Zeit sah dieser "Tatort" aus, als gehöre er natürlich zu den ästhetischen Ausreißern dazu. Doch am Ende? Pustekuchen. Der sich verwandelnde Stedefreund hatte doch nur eine Wundinfektion sowie Fieberträume. Und die Blutsaugerin? Litt an Lichtallergie, einem Trauma und Wahnvorstellungen. Alles klar, also nur ein stinknormaler "Tatort". Schade.

Wer war die Vampirin?

Die 30-jährige Berlinerin Lilith Stangenberg gilt seit ihrem 18. Lebensjahr als Theatersensation. Ohne jegliche Ausbildung wurde das Naturtalent für junge Hauptrollenrollen an den renommiertesten deutschen Bühnen besetzt. Drei Jahre spielte sie fest in Zürich, fünf Jahre an der Berliner Volksbühne. Einem breiteren Publikum wurde Stangenberg 2016 durch Nicolette Krebitz' für sieben Deutsche Filmpreise nominiertes Drama "Wild" bekannt. Die bleiche Blondine spielte eine junge Außenseiterin, die sich einen Wolf fängt und mit ihm in einer fast sexuellen Beziehung in ihrer zunehmend verwildernden Wohnung lebt. Einer der besten und verstörendsten deutschen Kinofilme der letzten Jahre – und wohl auch der Grund, Stangenberg mit einer neuen "animalischen" Rolle zu betrauen.

Welche Vampirfilme empfiehlt die Blutsaugerin?

Lilith Stangenberg bezeichnet sich selbst als Fan des Vampirfilm-Genres. Auch bei Philip Koch ("Picco"), der seinen "Tatort" mit vielen bildlichen Genrezitaten würzte – die Silhouette des Vampirs am offenen, vom Mond beschienen Schlafzimmerfenster des Opfers – dürfte das so sein. Lilith Stangenberg empfiehlt im Interview ihre beiden Lieblingsvampirstreifen: den feinfühligen schwedischen Coming-of-Age-Film "So zärtlich die Nacht" (2008) sowie das furiose koreanische Biss-Machwerk "Thirst" (2009) von "Oldboy"-Regisseur Park Chan-wook.

Warum guckt Sabine Postel immer so grimmig?

Zugegeben: das Gesicht der scheidenden Bremer "Tatort"-Kommissarin Inga Lürsen ist selten das einer Strahlefrau. Selten jedoch sah das hanseatisch unterkühlte Anlitz der 64-jährigen Schauspielerin, die in dieser Folge eher eine Nebenrolle spielt, so genervt aus wie in diesem Film. Dazu passt ein Interview, das Postel nun am Set ihres letzten Bremer "Tatort"-Krimis (Titel: "Wo ist nur mein Schatz geblieben?") gab, der am Ostersonntag 2019 ausgestrahlt wird. Darin rechnet sie mit der heutigen "Tatort"-Kultur ab: "Mit den Experimenten der letzten Jahre konnte ich nichts anfangen. Das war alles nicht meins", sagte Postel der TV-Zeitung "Auf einen Blick". Nun – bald ist sie ja von den quälenden Experimenten des ARD-Krimiflaggschiffes erlöst.


Quelle: teleschau – der Mediendienst