Modernes Leben / Reisen

Hauptbahnhof und Handelsplatz

Einkaufsbummel an den Gleisen: Warum Bahnhöfe zu gefragten Flaniermeilen werden

Köln: Der Hauptbahnhof feierte gerade seinen 150. Geburtstag. Das Gebäude ersetzt in seiner heutigen Architektur den im Krieg zerstörten Vorgängerbau und stammt aus den 50er-Jahren
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Wer vor noch gar nicht so langer Zeit auf Reisen ging, betrat die Schalterhalle, löste eine Fahrkarte und gab vielleicht noch Gepäck auf. Am Kiosk versorgte er sich mit Zeitungen und Proviant, danach setzte er sich in den Wartesaal. Heute hingegen besorgt sich der Reisende Zugauskünfte und Tickets zunehmend per Computer, Handy oder - wenn er funktioniert - am Automat. Dafür hat er dann um so mehr Zeit, durch belebte Bahnhofspassagen zu flanieren, Einkäufe zu erledigen oder sich an vielfältigen Speisen zu laben.

Spötter deuten dies als einen geschickten Zug der Bahn, an den Frustkäufen von Verspätung heimgesuchter Fahrgäste mitzuverdienen. Tatsache ist zwar, dass sich das Unternehmen neue Einnahmequellen durch die Verpachtung von Gewerbeflächen erschließt. Bahnhöfe haben jedoch auch eine merkliche Funktionsverschiebung erfahren: Weg von Zughaltestellen hin zu Orten urbanen Lebens, die Lust auf Konsum und Unterhaltung machen.

Der neue Berliner Hauptbahnhof, die denkmalgerecht sanierten Hauptbahnhöfe in Dresden und Frankfurt oder der derzeit modernisierte Düsseldorfer Hauptbahnhof - Belege gibt es zuhauf. Aber auch die grunderneuerten Hauptbahnhöfe von Köln und Leipzig stehen beispielhaft dafür: Köln, das Drehkreuz des Westens, und Leipzig, der größte Kopfbahnhof Europas.

Im Kölner Hauptbahnhof locken mehr als 70 Läden und Gastronomiebetriebe zum Shoppen, Schlemmen und Verweilen. Wo heute die schöne neue Konsumwelt glänzt, herrschte noch bis Ende der 90er-Jahre die Trostlosigkeit düsterer Kellerräume. Täglich mehr als 260000 Reisende durchqueren die Bahnhofshalle. "Diese Passantenströme müssen aber auch an den Geschäften vorbeiführen", nennt Peter Kradepohl, Leiter des Bahnhofsmanagements, einen Erfolgsfaktor für die Ladenbetreiber. Klingt selbstverständlich, setzt aber eingehende Marktbeobachtung voraus. So findet der Besucher im Eingangsbereich zur Domseite erst einmal spezifische Dienstleistungen: Reisebüros, Reisezentrum, Gepäckaufbewahrung und Information. Dahinter breitet sich im Koordinatensystem der Längs- und Querpassagen ein ausgeklügelter Branchenmix aus Apotheke und Autovermietung, Brezel-Bäcker und Bio-Supermarkt, Mode und Multimedia, Sushi-Bar und Shop für Kaffee.

Leipzig: Wo, bitte, geht es hier zum Zug? Passagen auf drei Etagen
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Der Leipziger Hauptbahnhof rühmt sich, mit seinen 142 Geschäften auf drei Ebenen zu den bundesweit modernsten Shoppingzentren zu zählen. "Ein attraktiver Branchenmix mit den Schwerpunkten junge Mode, Elektronik, Lebensmittel, Gastronomie und Gesundheit" ist für Center-Manager Stefan Knorr das A und O. "Zwischen 80000 und 150000 Promenadenbesucher pro Tag sichern dem Bahnhof die Marktführerschaft als Einkaufszentrum in puncto Besucherzahl und Umsatzleistung."

Die großen Bahnhöfe entwickeln eine Eigendynamik und ziehen nicht nur Reisende an. Der eine fährt zum Bahnhof, weil der Frisör dort bis 22 Uhr geöffnet hat, 365 Tage im Jahr. Der andere besucht Events wie Mode-Nacht, Insektenschau, Talkrunde und demnächst das Public-Viewing zur Fußball-WM. Und dann sind da die Genießer. Sie erfreuen sich an der Geschäftigkeit eines Ortes, der niemals schläft, schlürfen ihren Caffé Corretto und lassen sich treiben.

Der moderne Bahnhof - nur mehr ein Shoppingzentrum mit Gleisanschluss? Manchem Eisenbahn-Puristen ist das ein Dorn im Auge. Aber wer will schon zurück zu den ungastlichen Schmuddelplätzen von einst? JB

Buchtipp Clemens Niedenthal, Bahnhöfe in Deutschland. Moderne städtische Zentren, Jovis Verlag, 128 Seiten, mit 200 farb. Abb., 38 Euro

Fotos: DB AG/Roland Horn, Raimond Spekking/Wikimedia Commons


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