Hauptbahnhof und Handelsplatz
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Spötter deuten dies als einen geschickten Zug der Bahn, an den Frustkäufen von Verspätung heimgesuchter Fahrgäste mitzuverdienen. Tatsache ist zwar, dass sich das Unternehmen neue Einnahmequellen durch die Verpachtung von Gewerbeflächen erschließt. Bahnhöfe haben jedoch auch eine merkliche Funktionsverschiebung erfahren: Weg von Zughaltestellen hin zu Orten urbanen Lebens, die Lust auf Konsum und Unterhaltung machen.
Der neue Berliner Hauptbahnhof, die denkmalgerecht sanierten Hauptbahnhöfe in Dresden und Frankfurt oder der derzeit modernisierte Düsseldorfer Hauptbahnhof - Belege gibt es zuhauf. Aber auch die grunderneuerten Hauptbahnhöfe von Köln und Leipzig stehen beispielhaft dafür: Köln, das Drehkreuz des Westens, und Leipzig, der größte Kopfbahnhof Europas.
Im Kölner Hauptbahnhof locken mehr als 70 Läden und Gastronomiebetriebe zum Shoppen, Schlemmen und Verweilen. Wo heute die schöne neue Konsumwelt glänzt, herrschte noch bis Ende der 90er-Jahre die Trostlosigkeit düsterer Kellerräume. Täglich mehr als 260000 Reisende durchqueren die Bahnhofshalle. "Diese Passantenströme müssen aber auch an den Geschäften vorbeiführen", nennt Peter Kradepohl, Leiter des Bahnhofsmanagements, einen Erfolgsfaktor für die Ladenbetreiber. Klingt selbstverständlich, setzt aber eingehende Marktbeobachtung voraus. So findet der Besucher im Eingangsbereich zur Domseite erst einmal spezifische Dienstleistungen: Reisebüros, Reisezentrum, Gepäckaufbewahrung und Information. Dahinter breitet sich im Koordinatensystem der Längs- und Querpassagen ein ausgeklügelter Branchenmix aus Apotheke und Autovermietung, Brezel-Bäcker und Bio-Supermarkt, Mode und Multimedia, Sushi-Bar und Shop für Kaffee.
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Die großen Bahnhöfe entwickeln eine Eigendynamik und ziehen nicht nur Reisende an. Der eine fährt zum Bahnhof, weil der Frisör dort bis 22 Uhr geöffnet hat, 365 Tage im Jahr. Der andere besucht Events wie Mode-Nacht, Insektenschau, Talkrunde und demnächst das Public-Viewing zur Fußball-WM. Und dann sind da die Genießer. Sie erfreuen sich an der Geschäftigkeit eines Ortes, der niemals schläft, schlürfen ihren Caffé Corretto und lassen sich treiben.
Der moderne Bahnhof - nur mehr ein Shoppingzentrum mit Gleisanschluss? Manchem Eisenbahn-Puristen ist das ein Dorn im Auge. Aber wer will schon zurück zu den ungastlichen Schmuddelplätzen von einst? JB
Fotos: DB AG/Roland Horn, Raimond Spekking/Wikimedia Commons



