60 Sekunden über den Niedergang des Tatorts

Mitten im Schwarm


Nein, das ist kein Tatort. Das sind Henry Hübchen (links) und Uwe Steimle
¿T?
Der Tatort sendet sich von Masse zu Masse. Mehr als acht Millionen Zuschauer für eine Folge aus Bremen mit Kommissarin Inga Lürsen, von der man annehmen musste, Umfragen zufolge, dass kaum jemand sie sehen will.

Neun Millionen Zuschauer für einen Bodensee-Tatort, der nicht aufregender war als ein Besuch auf der Blumeninsel Mainau.

Zehn Millionen Zuschauer für einen Kölner Tatort, der, weil das Ruhrgebiet gerade Kulturhauptstadt ist, in Essener Kulissen verlegt wurde.

Was ist los? Erleben wir eine Schwemme brillanter Krimis? Inszeniert von Top-Regisseuren? Ersonnen und ausbaldowert von neuen Drehbuch-Autoren, die sich für keine Recherche im Milljöh zu schade sind?

Nichts von alledem. Denn was sehen wir? Kleinkrimis mit der einlullenden Wohligkeit eines Absackers! Das Wochenende geht, der Tatort trägt die rote Laterne der Müdigkeit. Man sieht vertraute Gesichter bei bedeutungsvoll unsinnigen Handlungen und der Andeutung eines Scherzes, dann und wann.

Jüngst rannte Kiels Borowski orientierungslos durch finnische Wälder und wusste nicht, wie ihm geschah. Die Zuschauer konnten ihm nicht helfen, sie wussten es auch nicht und bekamen es auch nicht erklärt. Eva Mattes ist eine der besten deutschen Schauspielerinnen, aber als Bodensee-Kommissarin muss sie jene Fernsehregel beherzigen, die der gute Horst Tappert für seinen Derrick vorgab: nur nicht schauspielern!

Maria Furtwängler als Kommissarin Lindholm schafft das; sie kann nicht anders. Aber um die Matthes ist es schade.

Selbst die Westfalen-Cowboys, Liefers und Prahl, litten zuletzt darunter, dass ihrem federleichten Nonsens ernsthaft sein sollende Probleme untergeschoben wurden; Schampus und seriöses Getue vertragen sich schlecht. Tatort-Gucken in Deutschland ist ein Beweis, dass Schwarmverhalten wirklich funktioniert. Ein Massenritual am Sonntagabend.

Gern erinnern wir uns manchen 110-Notrufs mit Uwe Steimle und Henry Hübchen. Kleine Oasen der Echtheit, mit Poesie und Witz und ruhigen Kamerafahrten, die in Erinnerung bleiben. Der Tatort bringt das nicht mehr, schon lange nicht. Er ist zur Massenware geschleift, entkernt und entkantet worden. Die Dialekte, die ihn auszeichneten, sind verstummt. dh

PS: Der nächste Münster-Tatort, am 16. Mai 2010, ist von kostbarer Albernheit. Endlich mal wieder!

Foto: ARD


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