Die aktuelle TV-Kritik Freitag, 27. Januar 2012
Der Hans-Hoff-Blog

Oh mein Gott, der Dschungel

So egal, egaler geht es nicht

Sonja Zietlow und Dirk Bach lieferten genau das, was von ihnen erwartet wurde: jede Menge Gemeinheiten
¿T?
Oh mein Gott. Hätten Schlangen und Kakerlaken Hände, sie würden sich wohl die Ohren zuhalten, damit sie diese Phrase nicht mehr hören müssten. Oh mein Gott. Gefühlte 476 mal erklang sie in den vergangenen zwei Wochen. Oh mein Gott. Erst nur aus dem Munde von Brigitte Nielsen, dann überfiel die Wortkombination auch die anderen Insassen des Dschungelcamps. Oh mein Gott.

Mit Quotenrekorden kann die neue Staffel von "Ich bin ein Star, holt mich hier raus" aufwarten, was schön ist für RTL, denn so dürfte es dem Sender gelingen, aus dem einstigen Zuschussgeschäft endlich Profit zu ziehen. Eine Enttäuschung war es aber für Zuschauer, die sich hatten vom Dschungelcamp des vergangenen Jahres faszinieren lassen, die eine unglaublich spannende Reality-Soap gesehen hatten, die Teil einer medialen Aufklärungskampagne waren oder schlicht Freude empfanden bei all den skurrilen Konflikten und all den seltsamen Gestalten, die da im australischen Regenwald-Kammerspiel um ihre Restwürde kämpften.

Nichts davon ist geblieben. Das aktuelle Dschungelcamp ist nach Unterhaltungskriterien ein Flop auf ganzer Linie. Nichts war da mehr spannend, keine Person bot sich an als Kristallisationspunkt für Sympathie oder Abscheu, und selbst die einst so heftig diskutierten Dschungelprüfungen sorgten diesmal allenfalls noch für ein müdes Gähnen. Wer die täglichen Sendungen verfolgte, spürte schnell die Verzweiflung der Macher, die sich mühten, durch geschickte Bildauswahl und gemeinen Schnitt den Kandidaten Profil zu geben. Doch sie scheiterten ein ums andere mal, weil es im Camp niemanden gab, an dem ein Profil gehalten hätte. Das Versagen ist also schon in der Castingphase zu suchen. Da wurde versäumt, Menschen einzuladen, die wenigstens einen Charakterzug mit in den Busch hätten bringen können.

Nicht einmal der australische Dauerregen konnte so etwas wie Spannung erzeugen. Wenn aber schon die Naturgewalten daran scheitern, die Gestalten im Lager auf irgendeine Weise auf ihr Sosein zu reduzieren, sie irgendwie unterscheidbar zu machen, wie soll es dann RTL schaffen? Das vergebliche Mühen mag für manche im Sender eine bittere Erfahrung gewesen sein, hat sich doch beim Marktführer in den vergangenen Monaten immer mehr das Bewusstsein breit gemacht, dass man tun und lassen kann, was man will, man bleibt immer vorne in der Privatsenderbilanz. Nun muss der Kölner Kommerzkanal mit dem Verdacht leben, möglicherweise doch noch nicht in der Liga der Naturgewalten zu spielen.

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Foto: RTL/Ruprecht Stempell


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