Cecilia Kass (Elisabeth Moss) stiehlt sich heimlich aus dem Bett, um ihrem Partner Adrian Griffin (Oliver Jackson-Cohen) zu entkommen.
"Der Unsichtbare" basiert auf dem gleichnamigen Roman von H. G. Wells und dessen Verfilmung aus dem Jahr 1933.

Der Unsichtbare

KINOSTART: 27.02.2020 • Thriller • USA (2019) • 125 MINUTEN
Lesermeinung
prisma-Redaktion
Originaltitel
The Invisible Man
Produktionsdatum
2019
Produktionsland
USA
Laufzeit
125 Minuten

Filmkritik

Absolute Kontrolle
von Christopher Diekhaus

Nachdem sie aus einer missbräuchlichen Beziehung geflüchtet ist, sieht sich eine Architektin einer nicht greifbaren Gefahr gegenüber. "Der Unsichtbare" basiert auf dem gleichnamigen Roman von H. G. Wells und dessen Verfilmung aus dem Jahr 1933, nutzt die Grundideen der Geschichte aber für ein stark abgewandeltes Gruselszenario.

Ein Küstenabschnitt irgendwo in der Nähe von San Francisco. Wellen klatschen des Nachts an die Klippen und zerschellen an den Steinen. Hoch oben thront eine schicke Hightech-Villa, in der sich Cecilia Kass (Elisabeth Moss) heimlich aus dem Bett stiehlt, um – das wird schnell klar – ihrem Partner Adrian Griffin (Oliver Jackson-Cohen) zu entkommen. Regisseur und Drehbuchautor Leigh Whannell ("Saw") macht den Zuschauer gleich zu Beginn von "Der Unsichtbare" einem Komplizen der Protagonistin, lässt ihn um ihr Wohlergehen zittern und illustriert mit einfachen, aber prägnanten Mitteln, dass das Leben in dem schmucken Haus am Meer die Hölle sein muss. Eine umfassende Videoüberwachung und meterhohe Mauern rund um das Anwesen zeugen von der Kontrollsucht des Besitzers, der keineswegs bereit ist, seine Freundin einfach gehen zu lassen.

Der ungemein atmosphärische, sofort Nervenkitzel produzierende Auftakt legt die Messlatte hoch. Auch deshalb, weil zu erahnen ist, dass Whannell keines dieser uninspirierten Horrorremakes gedreht hat, die leider häufig die Kinosäle fluten. "Der Unsichtbare" greift auf die Grundidee von H. G. Wells' Science-Fiction-Roman gleichen Namens zurück, in dem ein unsichtbarer Wissenschaftler für Angst und Schrecken sorgt, nutzt die Prämisse aber bloß als Aufhänger für eine eigenständige Schauermär über eine schmerzhaft toxische Beziehung und deren drastische Auswirkungen.

Die Neuinterpretation der Wells-Erzählung und ihrer ersten Leinwandadaption aus dem Jahr 1933 sollte ursprünglich im Rahmen des sogenannten Dark Universe entstehen, einer zusammenhängenden Reihe von Horrorwerken, mit denen das Studio Universal seine alten Monsterklassiker wiederbeleben wollte. Nachdem "Die Mumie", der erste Teil dieses Großprojektes, 2017 von der Kritik verrissen wurde und an den Kassen weniger Geld als erwartet einspielte, geriet das Blockbuster-Vorhaben jedoch schon ins Schlingern. Unter dem Eindruck des Misserfolges entschloss sich Universal zu einem Richtungswechsel hin zu geringer budgetierten, für sich allein stehenden Gruselneuauflagen.

Regisseur Whannell hatte daher mutmaßlich mehr Freiheiten in der Gestaltung seiner Geschichte, die zwar weitgehend typischen Kino-Stalking-Mustern folgt, durch die unsichtbare Gefahr allerdings eine besondere Würze bekommt. Nach dem starken Einstieg und der erfolgreichen Flucht Cecilias nimmt sich der Regisseur ausreichend Zeit für ihre nach wie vor bedrückende Situation und die seelischen Wunden, die ihre von Kontrolle und perfiden Machtspielen geprägte Partnerschaft hinterlassen hat.

Obwohl die bei einem Jugendfreund (Aldis Hodge) und dessen Teenagertochter (Storm Reid) Unterschlupf findende Architektin über ihre Schwester (Harriet Dyer) von Adrians Selbstmord erfährt, wird sie das Gefühl der Angst nicht los. Merkwürdige Vorfälle bestärken sie vielmehr in der Annahme, ihr Ex, ein renommierter Forscher auf dem Gebiet der Optik, habe seinen Tod nur vorgetäuscht und stelle ihr nun in unsichtbarer Gestalt nach.

Der Film arbeitet mit vertrauten Genrekonventionen – so werden Cecilias Befürchtungen von ihrem Umfeld lange abgetan. Anders als viele moderne Horrorstreifen, die bevorzugt mit knalligen Geisterbahneffekten operieren, setzt er aber auf ein sich langsam zuspitzendes Gruselszenario. Die gespenstische Stimmung ist Whannell wichtiger als laute Schocks, die schnell wieder verpuffen.

Verglichen mit der ersten Stunde baut die zweite Hälfte des Films dann allerdings doch ein bisschen ab. Das Geschehen nimmt etwas hektischere Züge an. Manche Auseinandersetzungen mit dem unsichtbaren Gegner drohen ins unfreiwillig Komische zu kippen. Und stellenweise tun sich logische Widersprüche auf. Cecilias Kampf für Selbstbestimmung und den Ausbruch aus dem Opferdasein bleibt dennoch spannend. Nicht zuletzt dank der sich mit Inbrunst in ihre emotional fordernde Rolle hineinwerfenden Hauptdarstellerin.


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH

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