Patrick Stein (Trystan Pütter, rechts) und Markus Bach (Felix Kramer) verschaffen sich nur langsam ein Bild von den Verhältnissen und Konflikten in der ländlichen Region.
Ein westdeutscher Polizist und sein ostdeutscher Kollege suchen im Kriminalthriller "Freies Land" tief im Osten der vor kurzem wiedervereinten Republik nach zwei vermissten Schwestern.

Freies Land

KINOSTART: 09.01.2020 • Thriller • D (2019) • 129 MINUTEN
Lesermeinung
prisma-Redaktion
Originaltitel
Freies Land
Produktionsdatum
2019
Produktionsland
D
Filmstudio
Telepool, Syrreal Entertainment, ZDF
Laufzeit
129 Minuten
Regie
Christian Alvart
Music
Christoph Schauer
Kamera
Christian Alvart

Filmkritik

Blühende Tristesse
von Christopher Diekhaus

Christian Alvart adaptiert den spanischen Post-Franco-Thriller "La Isla Mínima – Mörderland" und verpflanzt die Geschichte in die Zeit kurz nach dem Untergang der DDR. Herausgekommen ist eine grimmige Serienkillerjagd, die sich ruhig etwas stärker von ihrer Vorlage hätte lösen können.

Denkt man an den Zusammenbruch der DDR, hat man sofort Bilder des Freudentaumels vor Augen: jubelnde Massen in den Straßen und wildfremde Menschen, die sich weinend vor Glück in den Armen liegen. Der ausgelassenen, hoffnungsfrohen Stimmung folgte allerdings sehr bald ein handfester Kater, da sich die im ersten Überschwang versprochenen blühenden Landschaften nicht einfach aus dem Boden stampfen ließen. Regisseur Christian Alvart (verantwortlich für mehrere Til-Schweiger-"Tatorte"), der unermüdlich versucht, deutsches Spannungskino salonfähig zu machen, legt den Finger mit seinem neuen Film in die Wunde namens Wiedervereinigung.

"Freies Land" spielt im Jahr 1992 und handelt von zwei denkbar gegensätzlichen Polizisten, die im Oder-Delta das Verschwinden eines Schwesternpaares untersuchen sollen. Der beherrschte, aus Westdeutschland kommende Patrick Stein (Trystan Pütter, "Toni Erdmann") und sein ruppiger ostdeutscher Kollege Markus Bach (Felix Kramer, "Dogs of Berlin") stoßen zunächst auf eine Mauer des Schweigens. Abgesehen von der Mutter der Vermissten (Nora von Waldstätten) scheint niemand an einer Aufklärung interessiert zu sein. Bewegung kommt erst dann in den mysteriösen Fall, als die übel zugerichteten Leichen der jungen Frauen auftauchen und ein schrecklicher Verdacht Gestalt annimmt. Offenbar treibt in der abgeschiedenen Region ein Serientäter sein Unwesen.

Mit seinen matschig-farblosen Winterimpressionen erzeugt Regisseur Alvart, der auch für die Kameraarbeit verantwortlich zeichnet, von Anfang an ein beklemmend-frostiges Klima. Die Ermittler Stein und Bach werden in ein trostloses Provinzsetting beordert, in dem von den Verheißungen des Mauerfalls nicht mehr viel geblieben ist. Immer wieder geraten heruntergewirtschaftete Schauplätze in den Blick. Orte, die das unterstreichen, was im Drehbuch ständig zur Sprache kommt: Gerade für junge Menschen gibt es hier keine Perspektiven. Die einzige Chance auf ein besseres Leben ist die Flucht, von der auch die beiden Schwestern geträumt haben sollen.

"Freies Land" versteht es, die bedrückende Atmosphäre auf den Zuschauer zu übertragen, wartet in den Hauptrollen mit überzeugenden Darbietungen auf und hat einige gelungene Spannungsmomente in petto. Wer allerdings die spanische Vorlage für Alvarts Postwende-Thriller kennt, dürfte sich verwundert die Augen reiben, wie eng sich die Adaption an den preisgekrönten Film "La Isla Mínima – Mörderland" klammert. Nicht nur die Figurenkonstellation und der Großteil der Handlung werden fast eins zu eins übernommen. Auch die markanten Vogelperspektiven aus Alberto Rodríguez' grandios fotografiertem Hinterland-Krimi, der die Nachwehen der Franco-Diktatur seziert, finden sich in der deutschen Version wieder.

Etwas mehr Eigenständigkeit hätte der Neuverfilmung sicher nicht geschadet. Die Idee, den düsteren Serienkiller-Plot auf die hiesigen Verhältnisse nach dem Ende der DDR zu projizieren, ist durchaus reizvoll. Manchmal bleibt Alvarts Bestandsaufnahme der konfliktbehafteten Zusammenführung aber zu sehr an der Oberfläche. Und das, obwohl der Riss zwischen alten und neuen Bundesländern gerade in diesen Tagen immer stärker spürbar wird. Spannend sind im Film vor allem die kleinen Hinweise darauf, wie rücksichtslos und raubtierhaft der Westen nach dem Zusammenbruch des Unterdrückungssystems bisweilen über den Osten hergefallen ist. Schade nur, dass der finster-pessimistische Polizeithriller hier nicht noch ein bisschen tiefer gräbt.


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH

Darsteller

Alexander Radszun.
Alexander Radszun
Arndt Schwering-Sohnrey als "Winnetou" in Quentin Tarantinos "Inglourious Basterds".
Arndt Schwering-Sohnrey
Nora von Waldstätten (Biographie Bild)
Nora von Waldstätten
Weitere Darsteller
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