Kinos unter Polizeischutz, empörte Feministinnen, Amok-Angst: "Joker" spaltet, bevor er überhaupt in den Kinos läuft. Was ist los mit diesem Film?

Es ist mehr eine Andeutung; was da genau passiert, sieht man nicht. Aber dennoch ist es eine Szene mit Sprengkraft. Da schleicht sich der von Joaquin Phoenix gespielte Arthur Fleck, der sich später "Joker" nennen wird, in die Wohnung seiner Nachbarin Sophie (Zazie Beetz). Bis dahin hatte man noch gedacht, die beiden seien ein Paar. Doch als Sophie ihren Nachbarn entdeckt, gerät sie in Panik, und das Lügengebilde, das der Film dem Publikum so lange präsentiert hatte, fällt in sich zusammen. Arthur, der von Sophie offenbar zurückgewiesen wurde, vergewaltigt die junge Mutter.

Todd Phillips' Meisterwerk "Joker", so tönte es aus den USA, noch bevor der Film dort überhaupt in den Kinos anlief, sei ein Aufruf zu sexueller Gewalt. "Joker" löste erneut eine Debatte aus über die sogenannte "Incel"-Kultur, über meist weiße, heterosexuelle Männer, die unfreiwillig zölibatär leben und sich in Gewaltfantasien gegen Frauen ergehen. Mehrere Amokläufe werden mit der Incel-Bewegung in Zusammenhang gebracht, oft mit vielen Toten. In den USA, berichteten mehrere US-Medien, soll am Kinostartwochenende die Polizeipräsenz erhöht werden; auch das Militär sei alarmiert. Ist "Joker" ein gefährlicher Film?

Es ist eine Diskussion, die an jene über angeblich gewaltverherrlichende Videospiele erinnert. Im Falle von "Joker" muss man festhalten: Wer sich mit der Hauptfigur dieses Filmes identifiziert, hat wohl ganz grundsätzlich ein Problem. Joaquin Phoenix spielt den späteren Batman-Bösewicht Arthur Fleck als seelisches Wrack, als psychisch kranken Mann, der an der Welt um ihn herum völlig zerbricht und schließlich dem Wahnsinn anheimfällt. Ein Sympathieträger ist das nicht; höchstens verspürt man so etwas wie Mitleid für diesen armen Schlucker.

Auf Oscar-Kurs

Für seine Rolle hat Hauptdarsteller Phoenix rund 25 Kilo abgenommen. Geblieben ist ihm ein abgemagerter, bisweilen grotesk verformter Körper. Den Joker zu spielen ist schon immer eine Herausforderung gewesen. Jack Nicholson meisterte sie in Tim Burtons "Batman" 1989 mit Bravour, und Heath Ledger wurde für seine Darstellung des Mannes mit dem fiesen Grinsen in Christopher Nolans "The Dark Knight" 20 Jahre später posthum der Oscar verliehen. Joaquin Phoenix hätte ihn nicht weniger verdient. Dagegen sieht selbst Robert De Niro, der in "Joker" einen Fernsehmoderator spielt, ein wenig blass aus.

"Joker" versteht sich als "Origin story", als Film, der ergründen will, woher der berühmteste aller Gegenspieler des Comichelden Batman eigentlich stammt. Regisseur Todd Phillips, der bislang eher fragwürdige Werke wie die "Hangover"-Trilogie zu verantworten hat, hat mit "Joker" allerdings keine klassische Comicverfilmung gedreht, keine Materialschlacht wie "Avengers", die man überhaupt erst verstehen kann, wenn man zwei Dutzend Filme zur Vorbereitung schaut. Sein "Joker" steht für sich, und auch eine Fortsetzung, beteuerte der Regisseur unlängst, sei nicht geplant. Verweise auf das Batman-Universum lässt Phillips zwar nicht völlig aus, ihm geht es aber vor allem um das Psychogramm eines kranken Mannes und einer verkommenen Gesellschaft. Dass er sein vergleichsweise geringes Budget von schätzungsweise 55 Millionen US-Dollar wahrscheinlich überhaupt nur bekommen hat, weil Comic-Verfilmungen derzeit die Kassen klingen lassen, ist fast schon traurig.

"Joker" spielt im Jahr 1981. Gotham City ist ein von Ratten bevölkerter, dreckiger Moloch, in dem verwahrloste Jugendgangs durch Straßen ziehen, in denen sich der Müll stapelt. Arthur Fleck, kürzlich aus der Psychiatrie entlassen, arbeitet hier als Clown. Mit roter Nase im Gesicht besucht er Kinder im Krankenhaus oder macht auf der Straße Werbung für Schlussverkäufe. Er will Stand-up-Comedian werden, obwohl selbst seine Mutter (Frances Conroy) feststellt, dass er nicht lustig ist. Aber er lacht viel. Andauernd sogar und in den unpassendsten Situationen. Deswegen hat Arthur Fleck immer ein kleines, laminiertes Kärtchen bei sich. Das zeigt er dann den erschrockenen Passanten und erklärt ihnen so, dass er an einer seltenen Krankheit leidet, einer Art Lach-Tourette.

"Taxi Driver" mit Clown

Arthur Fleck weiß, dass er ein Freak ist. Deswegen besucht er regelmäßig eine Sozialarbeiterin, um mit ihr über seine Probleme zu sprechen. Er weiß aber auch, dass die eigentlichen Freaks auf den Straßen der Stadt herumlaufen und es noch nicht einmal wissen. "Geht es nur mir so, oder wird es da draußen immer verrückter?", fragt er seine Sozialarbeiterin. In der U-Bahn laufen ihm eines Tages drei Yuppies über den Weg, belästigen erst eine Frau und dann ihn. Arthur greift zur Waffe, die ihm kurz vorher ein Kollege zur Selbstverteidigung gegeben hatte, und erschießt die Männer. Der Mann mit der Clownsmaske ist fortan ein Held für all die Menschen in Gotham City, die wie er selbst von der Gesellschaft so lange übersehen wurde. Ein Rächer der Armen, ein Robin Hood mit Clownsgesicht.

Regisseur Phillips und sein Kameramann Lawrence Sher haben fantastische Bilder für ihre düstere Neo-Noir-Geschichte gefunden. Pate standen ihnen Filme wie Martin Scorseses "Taxi Driver", vielleicht aber auch die James-Franco-Serie "The Deuce". Die New Yorker U-Bahn wird hier zu einem Labyrinth, das direkt in die Unterwelt zu führen scheint. Der Blick nach oben, auf die Menschen, ist nicht weniger freundlich.

"Joker" zeichnet das Bild einer Welt, in der jeder für sich allein ums Überleben kämpft, während eine kleine, reiche Oberschicht ihre Privilegien genießt. Arthur Fleck lebt mit seiner Mutter in einer heruntergekommenen Wohnung, man lacht über ihn, spuckt ihn an. Die sieben verschiedene Psychopillen, die er jeden Tag nehmen muss, helfen ihm nur wenig bei der Bewältigung seiner Ängste und Traumata. Irgendwann streicht der Staat auch noch die Stelle seiner Sozialarbeiterin.

Natürlich macht es sich "Joker", der in Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet wurde, mit seinen Erklärungen etwas einfach. Schuld sind immer die anderen, selten man selbst. Aber in dieser Einfachheit liegt auch eine große Kraft, weil so die Botschaft des Films umso deutlicher hervortritt: Der Fisch stinkt immer vom Kopf. Und manchmal hat der Einzelne eben wirklich keine Chance angesichts all des Wahnsinns da draußen. Dann nämlich, wenn er zu Schwächsten der Gesellschaft gehört. Arthur Fleck aber will kein Mitleid, er wehrt sich. Und irgendwann steht ganz Gotham City in Flammen. "Joker" erzählt all das mit einer Kraft und mit Bildern, die einen überwältigen und atemlos zurücklassen – ein Ereignis von Film, das man fast körperlich spürt.

Hauptdarsteller Phoenix hat übrigens eine klare Meinung zur aktuellen Debatte um den Film. "Ich glaube nicht, dass es die Aufgabe eines Filmemachers ist, Morallektionen zu erteilen", sagte er kürzlich der Seite "IGN". "Wer den Unterschied zwischen richtig und falsch nicht kennt, wird viele Dinge so interpretieren, wie es ihm passt."


Quelle: teleschau – der Mediendienst