Regisseur Neil Jordan drehte Meisterwerke wie "The Crying Game" und "Interview mit einem Vampir". Aber was hat er sich nur bei diesem Film gedacht?

Alles beginnt in der U-Bahn: Die junge New Yorker Kellnerin Frances (Chloë Grace Moretz), die mit dem noch nicht lange zurückliegenden Tod ihrer Mutter zu kämpfen hat, entdeckt eben dort eine scheinbar vergessene Handtasche. Neben einem Personalausweis findet sie darin auch einige Geldscheine. Statt die Kohle auf den Kopf zu hauen, wie es ihre Mitbewohnerin Erica (Maika Monroe) vorschlägt, bringt die pflichtbewusste Frances die gefundenen Sachen der rechtmäßigen Besitzerin zurück. Die verwitwete Greta (Isabelle Huppert) ist hocherfreut und lädt die junge Frau kurzerhand auf eine Tasse Kaffee ein.

Aus dem netten Plausch entwickelt sich trotz des großen Altersunterschieds schon bald eine freundschaftliche Beziehung, über die sich Erica zunehmend wundert. Als Frances aber in der Wohnung ihrer neuen Bekannten auf andere sorgsam präparierte Handtaschen stößt und begreift, dass ihr Kennenlernen keineswegs ein Zufall war, bricht sie den Kontakt erschrocken ab. Greta will die Zurückweisung jedoch nicht akzeptieren und stellt Frances immer aggressiver nach.

Dass Stalking-Thriller nicht immer nach Schema F verlaufen müssen, sondern auch überraschen können, haben Filme wie "Wahnsinnig verliebt" von Laetitia Colombani und "The Gift" von Joel Edgerton eindringlich gezeigt. Während Ersterer seiner bedrohlichen Geschichte dank eines überraschenden Perspektivwechsels eine neue Richtung gab, legte Letzterer Schicht für Schicht die moralische Verdorbenheit des nur auf den ersten Blick unschuldigen Protagonisten offen. Ähnliche Verschiebungen und Abwandlungen sucht man in Neil Jordans Psychoschocker "Greta" leider vergeblich. Vielmehr liefert der einst gefeierte irische Regisseur und Drehbuchautor, der 1993 für sein Skript zu "The Crying Game" mit einem Oscar ausgezeichnet wurde und Klassiker wie "Interview mit einem Vampir" inszenierte, einen enttäuschend formelhaften, eigenartig abstrusen Reißer ab.

Leinwandikone Isabelle Huppert lässt dennoch auch hier ihr Können aufblitzen. Mit kühlen Blicken, einem boshaften Lachen und einer manchmal urplötzlich hervorbrechenden Wut sorgt die Französin beim Zuschauer ein ums andere Mal für handfestes Frösteln. Insgesamt bleibt Huppert allerdings sträflich unterfordert, was vor allem an der eindimensionalen Figurenzeichnung liegt. Viel zu schnell und viel zu offensichtlich entpuppt sich Greta als Inbegriff des Wahnsinns und bedient alle nur erdenklichen Klischees. Frances hingegen bleibt die meiste Zeit gefangen in der undankbaren Rolle des hilflosen Opfers. Ihr mitunter himmelschreiend naives Verhalten beschädigt nachhaltig die Glaubwürdigkeit der Geschichte und lässt das Interesse an ihrem Schicksal spürbar abfallen.

Verwunderlich ist mit Blick auf Neil Jordans Reputation nicht nur die überraschungsarme, manchmal geradezu lächerlich anmutende Handlung. Zum Augenrollen verleiten auch die überexpliziten Dialoge, die wenig subtile Inszenierung und der aufdringliche Musikeinsatz. Fast alles ist eine Spur zu dick aufgetragen, zu plump arrangiert, sodass man fast meinen könnte, der Regisseur habe die Konventionen des Thriller- und Horrorkinos persiflieren wollen. Raffinesse im Umgang mit den Genremustern kann man "Greta" aber beim besten Willen nicht bescheinigen. Am Ende drängen sich vor allem zwei Fragen auf: Was hat Jordan an diesem trivialen Kolportagestoff begeistert? Und welche spannenden Herausforderungen mag Huppert wohl in ihrer abgegriffenen Psycho-Rolle gesehen haben?


Quelle: teleschau – der Mediendienst