Sicherheitsmann Hagen (Moritz Bleibtreu) machen seine lebhaften Träume zu schaffen. In welcher Beziehung steht er zu dem rätselhaften jungen Mann, dem er im Traum immer wieder begegnet?
Moritz Bleibtreus Regiedebüt "Cortex" kommt ambitioniert daher. Der bewusst verwirrende, anspruchsvolle Psychothriller lässt die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit und das Leben zweier Männer verschmelzen.

Cortex

KINOSTART: 22.10.2020 • Thriller • D (2020) • 96 MINUTEN
Lesermeinung
prisma-Redaktion
Originaltitel
Cortex
Produktionsdatum
2020
Produktionsland
D
Laufzeit
96 Minuten

Filmkritik

Ich glaube, ich träume
Von Christopher Schmitt

Das Gegenteil von Popcorn-Unterhaltung: "Cortex", das ambitionierte Regiedebüt von Moritz Bleibtreu, spielt mit den Grenzen zwischen Traum und Realität und mit den Erwartungen des Zuschauers.

Für die einen klingt es wie ein Traum, für die anderen ist es tatsächlich einer: Klarträumer, auch luzide Träumer genannt, kennen im Schlaf keine Grenzen. Sie legen sich hin, schließen die Augen und reisen an jene Orte, die sie schon immer sehen wollten, oder führen ein ausschweifendes Leben im Luxus. Kurzum: Sie haben während des Schlafens die volle Kontrolle über ihre Träume. Im Psychothriller "Cortex" spielt luzides Träumen eine bedeutende Rolle, allerdings behandelt das ambitionierte Regiedebüt von Moritz Bleibtreu auch dessen Kehrseite: Was passiert, wenn man durch Träume die Kontrolle über die Realität verliert?

Der 49-Jährige, der auch Autor, Produzent und Hauptdarsteller des Films ist, hätte es sich mit seinem ersten Einsatz hinter der Kamera deutlich einfacher machen können. Doch "Cortex" setzt auf bewusste Irritation des Zuschauers und lässt die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit verschwimmen. Denn für Hagen, den von Bleibtreu gespielten Protagonisten, wird es immer schwerer, zwischen diesen beiden Welten zu unterscheiden. Er wird von unkontrollierten Schlafphasen geplagt, welche die Beziehung zu seiner Ehefrau Karoline (Nadja Uhl) vermehrt belasten. Immer wieder erscheint Hagen der Kleinkriminelle Niko (Jannis Niewöhner) in seinen Träumen, zu dem er eine diffuse und scheinbar immer stärker werdende Verbindung hat. Hagen plagt ein schlechtes Gefühl: Hat dieser Niko eine Affäre mit seiner Frau? Eine Verkettung von Umständen sorgt schließlich dafür, dass sich die Leben beider Männer auf dramatische Weise verknüpfen. Diese Spirale fühlt sich zunehmend wie ein Albtraum an.

Neben seiner eigenen starken Performance profitiert Regie-Neuling Bleibtreu bei seinem Ensemble von seinem über Jahrzehnte aufgebauten Netzwerk in der deutschen Filmszene. Nicht nur das in Form seiner Figuren schicksalhaft verwobene Dreiergespann Bleibtreu-Niewöhner-Uhl weiß uneingeschränkt zu überzeugen. Bis in die Nebenrollen – unter anderem Murathan Muslu als aufbrausender Gangsterboss und Nicholas Ofczarek als Apotheker und luzider Träumer – wirkt der bis zum Schluss spannende Psychothriller hochklassig und auf den Punkt besetzt. Für die dem Genre angemessene Bildgestaltung konnte Bleibtreu zudem Thomas Kiennast gewinnen, dessen Kamera die beklemmende Atmosphäre in entsprechend düsteren Bildern einfängt.

"Alles beginnt mittendrin und hört unfertig auf", sagt der entrückte Apotheker einmal über das Träumen. Dieser Satz gilt nicht nur für die Erzählweise von "Cortex", er wirkt vielmehr wie eine absichtlich gesetzte Metapher dafür: Denn in einem Film, der sich zwischen Traum und Wirklichkeit bewegt, sind Zeitachsen kaum mehr als Schall und Rauch. Bleibtreu erzählt seine Geschichte nonlinear, streut Hinweise, lässt sie manchmal ins Leere laufen. Dem Zuschauer wird es ganz bewusst nur teilweise ermöglicht, die Versatzstücke im Kopf in eine chronologische Reihenfolge einzusortieren und zwischen Schlaf- und Wachzustand zu unterscheiden. Aber genau in diesem, mit dem ein oder anderen Aha-Moment belohnten Rätselraten liegt auch der große Reiz des Films.

In Sachen Erzählstruktur erinnert "Cortex" manchmal an Christopher Nolans Meisterwerk "Memento". Aus seiner Bewunderung für den britisch-amerikanischen Regisseur macht Bleibtreu aber ohnehin keinen Hehl, vielmehr widmet er ihm sogar eine kleine Hommage, indem er den sogenannten Realitätscheck aus dessen Film "Inception" übernimmt: Fällt ein rotierender Kreisel irgendwann um, handelt es sich um die Realität, dreht er sich immer weiter, befindet man sich in einem Traumzustand. Nolans Science-Fiction-Thriller findet in derselben Szene sogar wörtlich Erwähnung.

Nicht, dass ein falscher Eindruck entsteht: Bei Bleibtreus Erstlingswerk handelt es sich keineswegs um einen deutschen Nolan-Abklatsch. Dies würde Bleibtreus Anspruch auch nicht ansatzweise gerecht werden, betrachtet er "Cortex" doch als Visitenkarte, die seine eigene Handschrift tragen soll. Und er hat sich für eine mutige, unkonventionelle Handschrift entschieden. Freunden der leichten Kinokost ist der Genrefilm möglicherweise zu verkopft und zu überambitioniert. Wer verspulte Psychothriller und ein cleveres Drehbuch jedoch zu schätzen weiß und nicht auf jede Frage eine Antwort erwartet, darf sich über frischen Wind für das deutsche Kino freuen.


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH

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