Auch ohne Perücke ist klar, dass das blonde Mosel Sasha Luss sich als "Anna" in den Fußstapfen von "Nikita" bewegt.
Nach finanziellen Desastern wie "Valerian und die Stadt der tausend Planeten" kehrt Luc Besson mit dem Actionthriller "Anna" zu seinen "Nikita"-Wurzeln zurück - und zwar origineller, als zu erwarten war.

Anna

KINOSTART: 18.07.2019 • Thriller • F (2019) • 119 MINUTEN
Lesermeinung
prisma-Redaktion
Originaltitel
Anna
Produktionsdatum
2019
Produktionsland
F
Filmstudio
EuropaCorp, TF1 Films Production, Summit Entertainment, Work in Progress, Fetish Film, Skyprod, Ondamax Films
Budget
30.000.000 USD
Einspielergebnis
30.041.730 USD
Laufzeit
119 Minuten
Regie
Music
Éric Serra
Kamera
Thierry Arbogast, Shanna Besson

Filmkritik

Bitte recht aufmerksam
von Andreas Günther

Der Job als Model ist Tarnung, eigentlich ist sie Attentäterin. Aber für wen? Und wann – und warum? Luc Besson experimentiert mit diesen Fragen in "Anna" eher klug und kühn als brutal. Der Actionthriller an sich steht hier auf dem Prüfstand, mit einer höchst begabten Newcomerin in der Titelrolle.

Anna (Sasha Luss) löst sich aus ihrer Pose, ergreift eine schwere Kamera und streckt damit einen sadistischen Fotografen nieder. Sie setzt sich rittlings auf ihn und ohrfeigt ihn, bis er bereit ist, für die Kamera hübsch zu lächeln und das Hündchen zu geben. Luc Besson zeigt so im Kalter-Krieg-Actionthriller "Anna", wie die Welten von Killerin und Model, in denen die Titelheldin lebt, allmählich durcheinandergehen. Wie nebenbei zitiert Besson ironisch Antonionis Filmklassiker "Blow Up" – mit militant feministischer Pointe.

Der Regisseur ("Das fünfte Element") sah sich privat im vergangenen Jahr mit Anschuldigungen sexueller Übergriffe konfrontiert. Für Branchenblätter wie den "Hollywood Reporter" schwächen die Vorwürfe das Amerika-Geschäft von Bessons Produktionsfirma Eurocorp noch über die existenzgefährdenden Desaster von "Valerian und die Stadt der tausend Planeten" und "Kursk" hinaus. "Anna", lange wegen einer (mittlerweile abgewiesenen) Vergewaltigungklage gegen Besson auf dem Regal, läuft sehr mau in den USA. Aber Kunst, Leben und Geld gehen eben manchmal verschiedene Wege. Besson experimentiert mit "Anna", so wie er es auf andere Weise mit "Lucy" tat. Das Ergebnis ist durchaus faszinierend, auch dank Sasha Luss, und gerade wegen der vielen Zeitsprünge des Films, die manchen nerven mögen.

Ein Staat bildet eine junge Frau mit krimineller Vita zur Killerin aus: Darin gleicht "Anna" Bessons fast 30 Jahre altem Klassiker "Nikita". Der Autor und Regisseur scheut das Selbstzitat nicht, wenn Anna wie Nikita düster Stirn und Waffe vorstreckt und als tödlicher Brummkreisel zerhackt und zusammenschießt, was in ihren Radius gerät. Aber Nikita musste sich in einer linearen Bäng-Bäng-Nummernrevue zur empfindsamen Frau entwickeln, während Anna menschlich von Anfang an ganz in Ordnung ist. Nur ist ihr kein gerader Weg gegönnt.

Anna wird 1990 in Moskau als Model entdeckt, geht nach Paris und erschießt dort einen zwielichtigen Geschäftsmann. Nachweisen kann ihr CIA-Mann Miller (Cillian Murphy) aber nichts. Tatsächlich hat der KGB Anna ein paar Jahre zuvor als Attentäterin ausgebildet, um ihr "eine Chance" zu geben, aus ihrem Junkie-Dasein etwas zu machen, und nun ist sie für die kauzige Olga (Helen Mirren) tätig. Aber warum erschießt sie dann Olgas Chef? Und wieso ist sie nach einem Anschlag auf einen deutschen Diplomaten so durcheinander?

Die Antworten liefern – weitere Zeitsprünge. Mikroeinheiten ("drei Monate früher") spreizen sich ab, immer neue Zeitfragmente treten hinzu, eingeführt mit Überlappungen. Wie oft bewegt sich Anna bei Pariser Morgensonne auf das Auto von Olga zu? Jeder Zeitabschnitt liefert seine eigenen Informationen darüber, wo Anna gerade steht. Doch insgesamt ist alles dunkel und widersprüchlich. Manche Hinweise lesen die Akteure im Film richtig, andere völlig falsch. Der Zuschauer dürfte bei dieser "Detaction", dieser Kontraktion aus Action- und Detektivfilm, so gut wie alles übersehen. Dabei gibt es genug Zeit und Gelegenheit für das Publikum, selbst Detektiv zu spielen.

Einzelne vermögen gegen die Zeit sich selbst oder gar die Welt zu retten: Diesen Lockruf des Actionfilms stellt Besson infrage. Die Grausamkeit des Fashion-Business dient als kühne Metapher für das Agenten-Hamsterrad der Fremdsteuerung und gebrochenen Versprechen. Revolte ist äußerst riskant. Sasha Luss, selbst Model, lässt eindrucksvoll Erschöpfung und Enttäuschung von ihrer Figur Besitz ergreifen. "Anna" ist weder ganz Arthouse noch bloßer Blockbuster. Aber es lohnt sich, diesen Film aufmerksam zu verfolgen.


Quelle: teleschau – der Mediendienst

Darsteller

Schauspieler Cillian Murphy.
Cillian Murphy
Schauspielerin Helen Mirren.
Helen Mirren
Luke Evans 2022 auf der Premiere von "Pinocchio".
Luke Evans
Weitere Darsteller
Sasha Luss Lera Abova Александр Петров Никита Павленко Anna Krippa Алексей Маслодудов Éric Godon Ivan Franěk Jean-Baptiste Puech Adrian Can Alison Wheeler Andrew Howard Jan Oliver Schroeder Louise Parker Sasha Beliaeva Greta Varlese Lauren de Graaf Михаил Сафронов Maria Luss Сергей Бачурский Ernest Gromov Сергей Жарков Julia Munrow Jess Liaudin Christopher Craig Yuriy Zavalnyouk David Coburn James Joint Tonio Descanvelle Réginal Kudiwu Manuel Sinor Gérard Graillot Laurent Ferraro Zac Andianas Aya Yabuuchi Mabô Kouyaté Eric Lampaert Fany Le Gac Pauline Hoarau Noam Frost Jordan Dwayne Peter Lamarque Grace Hancock Cansu Tosun Niccolò Senni Scott Thurn Terrence Amadi Jean-Marc Montalto Alexandre Majetniak Toni Hristov Leonid Glushchenko Anthony Weber Elise Lissague Wendy Grenier Viatcheslav Ardachev Paul Lefèvre Alain Figlarz Игорь Савочкин Kamila Hovorková Nastya Sten Colin Bates François Girard Дмитрий Гриневич Maxence Huet Travis Kerschen Emmanuel Ménard William Sciortino Christophe Tek Rupert Wynne-James Эдуард Флёров Victoria Cyr Scott Thrun

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