Die neunjährige Vittoria (Sara Casu) kann sowohl ihrer Adoptivmutter Tina (Valeria Golino, rechts) als auch ihrer leiblichen Mutter Angelica (Alba Rohwacher) etwas abgewinnen.
In Laura Bispuris herausragendem Drama "Meine Tochter - Figlia Mia" steht ein Mädchen zwischen zwei Müttern.

Meine Tochter - Figlia Mia

KINOSTART: 31.05.2018 • Drama • I / D / CH (2018) • 100 MINUTEN
Lesermeinung
prisma-Redaktion
Originaltitel
Figlia mia
Produktionsdatum
2018
Produktionsland
I / D / CH
Filmstudio
Vivo Film, The Match Factory, Bord Cadre Films, Colorado Film, RAI
Laufzeit
100 Minuten
Regie
Laura Bispuri
Music
Nando Di Cosimo
Kamera
Vladan Radović

Filmkritik

Mutterschaft neu gedacht
von Gabriele Summen

Weibliche Identitätskonflikte sind ein Thema, das die italienische Regisseurin Laura Bispuri beschäftigt. Bereits in ihrem spannenden Spielfilmdebüt "Sworn Virgin" (2015) zeigte sie eine Frau im traditionsverhafteten Albanien, die gegen die ihr zugedachte, eng gefasste Frauenrolle aufbegehrte. In ihrem neuesten Coming-of-Age-Drama, das bei der diesjährigen Berlinale seine Premiere feierte und unverständlicherweise keinen Preis gewann, geht es um gleich drei Frauen, die sich in den patriarchalischen Strukturen einer gottverlassenen Gegend neu finden müssen. Zu Recht besetzte Bispuri eine der weiblichen Hauptrollen wieder mit Alba Rohrwacher, die bereits in "Sworn Virgin" brillierte. Aber auch die neunjährige Hauptdarstellerin Sara Casu und Valeria Golino liefern eine sehr authentische Schauspielleistung ab.

Die neunjährige Vittoria (Sara Casu) wächst überängstlich behütet bei ihrer Mutter Tina (Valeria Golino) und deren Ehemann in einem kleinen Fischerdorf auf. Eines Tages "erwischt" Vittoria eine Frau beim Rodeo in einer eindeutigen Situation – es handelt sich um Angelica (Alba Rohrwacher), die "Dorfschlampe", die außerhalb des Ortes auf einem arg heruntergekommenen Hof haust. Das rothaarige Mädchen, dessen Eltern beide dunkle Haare haben, ist vom ersten Augenblick an von der ihr erstaunlich ähnlich sehenden, freizügigen Angelica fasziniert, ahnt jedoch noch nicht, dass sie mit ihr mehr gemeinsam hat, als ihr Aussehen.

Seit Jahren kümmert sich Vittorias Mutter heimlich um die so ganz andere Angelica, und dem Zuschauer dämmert es eher als der – bislang vor allen Übeln der Welt bewahrten – Neunjährigen: Angelica ist ihre leibliche Mutter. Die beiden Frauen haben einen Deal gemacht: Tina unterstützt sie finanziell, wenn Angelica sich von Vittoria fernhält. Nun fordert der Gerichtsvollzieher jedoch eine noch größere Summe von Angelica, die auch Tina nicht aufbringen kann. Doch bevor Vittorias leibliche Mutter die Insel für immer verlässt, will sie einen Tag mit ihrer Tochter verbringen.

Dank der grandiosen Handkamera des bosnischen Kameramanns Vladan Radovic, die nicht nur eng an den Frauen bleibt, sondern auch die verstaubte, von der erbarmungslosen Sonne verbrannte, Landschaft so in Szene zu setzen weiß, dass sie viel über ihre Darsteller erzählt, ist man als Zuschauer von Anfang an atemberaubend nah an den drei Frauen dran. In den zudem weitgehend ohne Schnitt aufgenommenen Szenen kommt so überhaupt kein Schwarz-Weiß-Denken auf, obwohl Bispuri und ihre Co-Autorin Francesca Manieri Tina und Angelica extrem gezeichnet haben: Auf der einen Seite die madonnengleiche, besitzergreifende Mutter, auf der anderen Seite die unverantwortliche Sexschlampe.

Dennoch kann man, ebenso wie Vittoria, beiden Frauen viel abgewinnen: Tina vermag Geborgenheit und Zärtlichkeit zu schenken, während die charismatische Angelica, die sich nicht um gesellschaftliche Normen schert, verlockende Wildheit, Eigenständigkeit und Sinnlichkeit verkörpert. Die auf der Schwelle zur Pubertät stehende Vittoria, die bislang in ihrer Altersgruppe immer eine Außenseiterin war, fühlt sich von Angelica angezogen und verbringt immer mehr Zeit mit ihr. Angelica, die eine verborgene neue Seite in sich entdeckt, schenkt Vittoria Ohrringe, lacht und tanzt mit ihr, verhält sich aber auch immer wieder völlig unverantwortlich. Die kontrollsüchtige Tina dreht inzwischen fast durch vor Eifersucht, bis sie anfängt, selbst ein wenig loslassen zu lernen. So hinterfragen bald beide Frauen ihr starres Bild von Mutterschaft.

Doch Bispuri, die weitgehend ohne Rückblenden auskommt, um die Dynamik zwischen den Protagonistinnen aufzuzeigen, schlägt sich auf keine Seite. Stattdessen bleibt sie ganz bei Vittoria, die alles genau beobachtet und erkundet – und dann sinnbildlich neu geboren wird, indem sie in eine gefährliche, vulvaartige Erdspalte hinein- und wieder herausklettert. Kurz nach ihrem zehnten Geburtstag sieht sich das gereifte, junge Mädchen – und mit ihr die beiden Frauen – in der Lage, Mutterschaft ganz neu zu denken, weit weg von altbackenen Konventionen.

Quelle: teleschau – der Mediendienst

Darsteller

Spielte schon mit Madonna: Udo Kier.
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