Frauengespräch auf der Toilette: Die ungleichen Schwestern (Thelma Buabeng, links, und Nina Weniger) sind endlich ehrlich.
Ein Roadmovie gen Norwegen - und da eine der beiden Protagonistinnen Therapeutin ist, folgt die Patientenschar nach ...

Wenn Fliegen träumen

KINOSTART: 27.06.2019 • Drama • D (2018) • 83 MINUTEN
Lesermeinung
prisma-Redaktion
Originaltitel
Wenn Fliegen träumen
Produktionsdatum
2018
Produktionsland
D
Laufzeit
83 Minuten

Filmkritik

Mit der Lust am Fabulieren
Von Claudia Nitsche

Katharina Wackernagel macht in ihrem Regiedebüt vielleicht nicht alles richtig, aber dafür, was sie will. Heißt: "Wenn Fliegen träumen" ist wahrlich kein Film für Jedermann.

Die schwarze Frau trägt weiß, der blasse Mann schwarz. Sie führen einen Dialog im Schnee, die Kamera springt zeitlich vor und zurück. Schnitt. Eine andere Frau geht an der Berliner Mauer entlang und erklärt einer Reisegruppe die deutsch-deutschen Befindlichkeiten. Dann taucht Schauspielerin Katharina Wackernagel auf und klagt darüber, dass sie nichts habe außer ihren Beruf. Keine Frage: Schon der Vorspann von "Wenn Fliegen träumen" macht deutlich, dass einen hier ein vollkommen verworrener Film erwartet. Ausgedacht haben sich das Ganze Wackernagel und ihr Bruder Jonas Grosch, die als Team hinter der Kamera bisher witzige und unterhaltsame kleine Produktionen verwirklicht haben.

Während Grosch für lustige Drehbuchideen bei Dokumentationen (!) bekannt ist, ist Wackernagel ("Stralsund") nicht aus der deutschen Fernsehlandschaft wegzudenken. Fernab des Mainstreams arbeitet das Geschwisterpaar nun bereits zum vierten Mal miteinander. Vor zehn Jahren präsentierten sie mit "Résiste! – Aufstand der Praktikanten" den zeitgeistigen Film, der heißt wie ihre Produktionsfirma. Es folgten "Die letzte Lüge" und der wunderbar gelungene Beitrag über Freundschaft, "bestefreunde", den das umtriebige Duo ans ZDF verkaufte und damit den finanziellen Grundstein für die aktuelle Produktion legte.

Bei "Wenn Fliegen träumen", einer Erzählung über die menschliche Einsamkeit, führte Schauspielerin Katharina Wackernagel erstmals Regie. Die Geschichte von zwei Frauen in einem Feuerwehrauto stammt von Grosch: Eigentlich wollte Psychotherapeutin Naja (Thelma Buabeng) ihrer Halbschwester (Nina Weniger) den Wagen nur zeigen. Man könnte ja irgendwann mal eine Reise zusammen planen. Doch die gute Hannah hat nicht mehr viel Zeit, und so fahren sie direkt los, Richtung Norwegen, wo ihr verstorbener Vater ein Haus besaß.

Unterwegs gabeln sie einen hippiesken Spanier (Johannes Klaussner) auf, der nicht viel mehr als eine Flasche Wodka im Handgepäck hat. Bevor die Schwestern über ihren Anhalter herfallen, erlebt parallel auch der Freund von Hannah (Sebastian Schwarz) eine enthemmende Drogenorgie, mit der Narkoseärztin seiner Freundin, gespielt von Wackernagel. Warum? Weil die Ärztin die krebskranke Hannah zum Klinikbesuch und zur nächsten Operation hätte überreden sollen. Da sie dies nicht schaffte, droht ihr der Chef mit Entlassung.

"Wenn Fliegen träumen" erzählt seine Geschichte mit viel skurrilem Humor und einer wagemutigen Lust am Fabulieren. Dieser Film ist Nische. Genau richtig, findet Wackernagel, die sich nicht an Zielgruppen orientieren musste, da ihr Langfilmdebüt ohnehin keine Filmförderung erhielt. Ihrer Meinung nach müsse ein Film nicht perfekt sein, aber Mut zur Kreativität zeigen. Also versuchte sie etwas Neues "ohne Angst, uneindeutig zu sein", wie sie sagt. Ob das ein besonderes Verdienst ist, ist die Frage. Ja, in Skandinavien, wohin es ihre Heldinnen zieht, dreht man herrlich skurrile Tragikomödien. Und nein, "Wenn Fliegen träumen" kann sich nicht mit ihnen messen. Mit Raum und Zeit und auch mit der Logik zu spielen, macht viel Spaß, nur nicht unbedingt dem Publikum.

Wie oft bei derartigen Produktionen werden persönliche Sehnsüchte eingewoben, in diesem Fall zieht es die beiden ungleichen Halbschwestern an den Urlaubsort der Kindheit von Grosch und Wackernagel. Auf ihrem Weg – und das ist wenig kreativ – folgen ihnen Najas Patienten und der Testamentsvollstrecker und schließlich noch die Polizei. Hat man sich an die Ansammlung bemüht bunter Charaktere gewöhnt und verkneift sich Fragen nach dem Warum, hat die Selfmade-Tragikomödie aber ihre charmanten und warmherzigen Momente. Denn manche Menschen müssen die Einsamkeit endlich aushalten, andere müssen zurück ins Leben.


Quelle: teleschau – der Mediendienst

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