Alains Ehefrau Selena (Juliette Binoche) hat es als Hauptdarstellerin einer Krimiserie zu einiger Bekanntheit gebracht.
In "Zwischen den Zeilen" taucht Regisseur Olivier Assayas in den Pariser Literaturbetrieb ein.

Zwischen den Zeilen

KINOSTART: 06.06.2019 • Drama • F (2018) • 107 MINUTEN
Lesermeinung
prisma-Redaktion
Originaltitel
Doubles Vies
Produktionsdatum
2018
Produktionsland
F
Filmstudio
CG Cinéma, ARTE France Cinéma, Vortex Sutra
Laufzeit
107 Minuten
Regie
Olivier Assayas
Kamera
Yorick Le Saux

Filmkritik

Lieben und Debattieren in Paris
von Christopher Diekhaus

Wer eine Geschichte im klassischen Sinne sucht, ist in "Zwischen den Zeilen" fehl am Platz. Die Tragikomödie klinkt sich ungezwungen in den Alltag ihrer Menschen ein und ist vollgepackt mit anregenden Gesprächen – über die Liebe, die Digitalisierung und das Verhältnis von Realität und Fiktion.

Inzwischen ist es mehr als offensichtlich, auch wenn es noch immer nicht alle wahrhaben wollen: Die in Blitzgeschwindigkeit voranschreitende Digitalisierung verändert das Zusammenleben nachhaltig und erfordert neue Strategien und Antworten. Politiker müssen sich plötzlich mit YouTubern auseinandersetzen, die mit einem einzigen Video eine breite Diskussion über das angebliche Versagen der Volksparteien anstoßen. Den durch die Neuen Medien eingeläuteten Umwälzungen mutig stellen muss sich auch die Literaturbranche, die der Regisseur und Drehbuchautor Olivier Assayas ("Die Wolken von Sils Maria") in seinem neuen Spielfilm porträtiert.

"Zwischen den Zeilen" spielt im Intellektuellenmilieu von Paris und kreist um zwei Paare, die sich mit drängenden Zukunftsthemen und den Irrungen der Liebe herumschlagen. Die Frage, wie er sein Geschäft im digitalen Zeitalter gestalten soll, bereitet dem Verleger Alain (Guillaume Canet) großes Kopfzerbrechen. Noch dazu hat er wenig Lust, den aktuellen Roman seines Stammautors Léonard (Vincent Macaigne) zu veröffentlichen. Schließlich handelt das Buch abermals von den amourösen Erfahrungen des Schriftstellers, die er stets nur leicht verfremdet aufbereitet.

Während sich Léonards Partnerin Valérie (Nora Hamzawi) für ihren Job bei einem Politiker zerreißt, hat der kapitalismuskritische Literat eine Affäre mit Alains Ehefrau Selena (Juliette Binoche), die es als Hauptdarstellerin einer Krimiserie zu respektabler Berühmtheit gebracht hat. Alain wiederum bandelt heimlich mit der jungen Neukollegin Laure (Christa Théret) an, von der er sich wegweisende Tipps und Impulse für die Neuausrichtung seines Verlagshauses erhofft.

Regisseur Olivier Assayas weiß wieder mal zu überraschen. Nach der höchst eigenwilligen Geistermär "Personal Shopper", die Kristen Stewart als nachdenkliches Medium zeigte, legt der Franzose nun eine erfrischend unkonventionelle romantische Tragikomödie vor. "Zwischen den Zeilen" klammert sich nicht an klassische dramaturgische Regeln, spekuliert nicht auf große, pathetisch inszenierte Wendepunkte, sondern blendet sich ganz ungezwungen in den Alltag seiner Hauptfiguren ein. Die meiste Zeit wird debattiert. Das allerdings mit einer Leichtigkeit, die das Feuerwerk an Dialogen erstaunlich unterhaltsam macht.

Manchmal gerät das Ganze vielleicht etwas zu geschwätzig. Die Art und Weise, wie Assayas hochaktuelle Diskussionen aufgreift, ist aber in vielen Momenten absolut erhellend. Vom Einfluss der Digitalisierung auf die Kultur des Lesens über das Verhältnis der Geschlechter und das Phänomen der Filterblasen bis hin zur Beziehung von Werk und Autor schneidet "Zwischen den Zeilen" viele spannende Aspekte an. Schön und glaubwürdig zugleich ist das ständige Schwanken, das Zweifeln und Hadern der Protagonisten, die sich ein ums andere Mal in Widersprüche verwickeln und ihre Positionen revidieren. So, wie man es aus dem echten Leben kennt. Dass Assayas' Gedankenstrom kein bisschen langweilt, liegt freilich auch an der feinen Komik, die sich des Öfteren in die temporeichen Gespräche einschleicht.


Quelle: teleschau – der Mediendienst

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