Joel Schumacher

Joel Schumacher inszenierte die beiden jüngsten Batman-Filme Vergrößern
Joel Schumacher inszenierte die beiden jüngsten Batman-Filme
Joel Schumacher
Geboren: 29.08.1939 in New York, USA

Die werbegläubige Pat Kramer, die alles in sich hineinsaugt, was Marketingstrategen ihr als ego- und bewußtseinsfördernd vorgaukeln, beginnt eines Tages zu schrumpfen. Die Konsumüberdosis hat die universelle Ordnung in ihrem Organismus zerstört, Pat schrumpft auf die Größe einer Barbie-Puppe. Mit dem originellen Film "Die unglaubliche Geschichte der Mrs. K." (1981) gab Regisseur Joel Schumacher seinen viel versprechenden Kinoeinstand. Diese hübsche Komödie ist nicht nur eine intelligente Parodie auf Jack Arnolds "Die unglaubliche Geschichte des Mr. C." (1957), Schumacher geht auch noch ein Stück weiter. Bei Arnold war das Schrumpfen das Ergebnis von Experimenten einer skrupellosen Wissenschaft, hier geht es um die Macht des Kapitalismus: nicht Gruselgeschichte, sondern Karikatur der Konsumgesellschaft. Dabei haben sich die Perspektiven verändert: Eigentlich schrumpft nicht Pat, sondern die Umwelt schwemmt auf und wird dadurch grobrastig und lächerlich.

Wenn Pat wieder normal wird, deutet sich bereits ihr Riesenwachstum an. Mit diesem Film weist sich Schumacher als intelligenter Beobachter aus, zu wirklichem Erfolg kommt er nach "Die Chaotenclique" von 1983 erst mit seinem dritten Kinofilm, "St. Elmo's Fire - Die Leidenschaft brennt tief" (1985) über Jugendliche und Drogen, eine modische Musik-Collage mit sieben unterschiedlichen Geschichten von College-Studenten und ihren Träumen. Nur einer macht als Saxophonist wirklich Karriere.

Schumacher beginnt seine Laufbahn als Dekorateur in der Modebranche und eröffnet nach Abschluß als Designer eine eigene Boutique, deren Kollektion sehr erfolgreich ist. Revlon-Chef Charles Revlon wird auf den talentierten Modedesigner aufmerksam und nimmt ihn unter Vertrag. In der Branche gefragt, übernimmt Schumacher auch Arbeiten für andere Auftraggeber wie beispielsweise "Vogue". Drogenprobleme machen ihn unzuverlässig, schließlich arbeitsunfähig. Nach einer erfolgreichen Entziehungskur arbeitet er wieder als Dekorateur, doch er interessiert sich mehr und mehr für den Film. Beim Film beginnt er als Ausstatter und Art Director für Fernsehspots, bis ihn Dominick Dunne als Kostümbildner in Hollywood engagiert, wo er beispielsweise Filme von Woody Allen ausstattet. Schumacher versucht dabei, immer wieterzukommen. Er qualifiziert sich als Drehbuchautor und kann schließlich in dem Fernsehfilm "The Virginia Hill Story" 1973/74 erstmals selbst Regie führen.

"The Lost Boys" von 1987 erzählt von "verlorenen Jungen", die nachts auf ihren schweren Motorrädern zu Heavy-Metal-Klängen durch die Freizeit-Unkultur rasen und in entlegenen Höhlen an der Steilküste Kaliforniens hausen. Nachts werden sie zu Vampiren. In Form einer schrillen Komödie spielt Schumachers Film auf die in den Staaten als "Lost Boys" bezeichneten Jugendlichen an, die das Elternhaus verlassen haben und in der Drogenszene verschwinden. In Hollywood, wo es Ende der Achtzigerahre besonders an guten Stoffen mangelte, verlegte man sich darauf, erfolgreiche europäische Filme neu aufzulegen. Coline Serreaus Kassenhit "Drei Männer und ein Baby" etwa wurde flugs von einem amerikanischen Team neu verfilmt und auch Schumachers "Seitensprünge" (1989) geht auf ein französisches Vorbild zurück: Jean-Charles Tacchellas Oscar gekrönte Komödie "Cousin - Cousine" (1977). Bei einer Hochzeitsfeier lernen sich Maria (Isabella Rossellini) und Larry (Ted Danson) kennen. Sie sind beide verheiratet und haben Familie: er mit Tish (Sean Young) und sie mit Tom (William Petersen). Marias Mutter Edi (Norma Aleandro) und Larrys Onkel Phil (Lloyd Bridges) sind gerade ein Paar geworden. Doch lange wird das Eheglück der flotten Großmutter nicht dauern, bald stirbt ihr neuer Mann an Herzversagen. Bei der Beerdigung vertieft sich die Freundschaft zwischen Maria und Larry.

In "Flatliners" von 1990 läßt Schumacher fünf junge, ehrgeizige Medizinstudenten die Grenze zwischen Tod und Leben ausloten. In unerlaubten Experimenten überschreiten sie die Grenzen der Wissenschaft und Moral, lassen sich ins Koma versetzen und wiederbeleben und erleben dabei alptraumhaft verdrängte Vergangenheit. In dem arg schmalzigen "Entscheidung aus Liebe" (1991) spielt Julia Roberts, die auch schon in "Flatliners" dabei war, die Pflegerin und Geliebte eines leukämiekranken Patienten.

D-Fens, der Held von "Falling Down" (1993) - so nennen sie ihn nach dem Autoschild - ist ein ganz normaler Amerikaner. Er liebt Ordnung und Sauberkeit, haßt Kommunisten ebenso wie Gartenzäune mit Stacheldraht und kann es nicht ab, wenn man ihm im Restaurant um 12.33 Uhr sagt, Frühstück gäbe es nur bis 12.30 Uhr und das sei jetzt vorbei. Auch für die kumpelhafte Anbiederung eines Waffen- und Insignienverkäufers, der Homos und Nigger am liebsten tot sehen würde, hat er kein Ohr, denn D-Fens ist kein Radikaler. Doch eines Tages knallt er durch und läuft Amok. Wie der Name schon sagt: "Defense" - Verteidigung.

Der Film ist eine Bestandsaufnahme von Partikeln unserer Gegenwart, ohne den Versuch, das Ganze in eine gefällige Story zu gießen. Dennoch bleibt die Gesellschaftskritik am Rande. Denn diesem ausrastenden D-Fens steht der Kriminalbeamte Prendergast (Robert Duvall) gegenüber, der ausgerechnet an seinem letzten Arbeitstag eine besondere Aktivität entfaltet. Daneben glänzen zwei hervorragende Schauspielerinnen: Barbara Hershey als ängstliche Ehefrau und Rachel Ticotin als Polizeibeamtin.

Die schauspielerische Präsenz hebt den oft allzu prätentiös inszenierten Film immer wieder über sein Mittelmaß hinaus. Doch die Diskussion über die latente Gewalt, über Radikalität und Rassismus wird hier nicht kanalisiert, die Gewalt wird freigesetzt, die Reaktion im Kino macht das deutlich: Beklatscht wird das radikale Handeln, einen Denkprozeß setzt dieser Film wohl nicht frei. Das unterscheidet ihn von einem Meisterwerk wie Martin Scorseses "Taxi Driver". Und das ist ein wirkliches Manko, - mitberücksichtigt wohlgemerkt, daß man in diesen Tagen bei uns in Deutschland sehr sensibel geworden ist, wenn es um Gewalt, um Amoklauf geht.

Auf einem Bestseller von John Grisham schließlich beruht "Der Klient" (1994), die Geschichte eines erfolgsgeilen Staatsanwaltes, der über einen Elfjährigen einen mächtigen Mafiaboß zur Strecke bringen will. Doch Anwältin Susan Sarrandon setzt sich für den gefährdeten Jungen ein. Eine weitere Grisham-Verfilmung, "Die Jury" (1996), geriet Schumacher zur fragwürdigen Verherrlichung von Lynchjustiz, und das unter dem Deckmantel eines vordergründigen Liberalismus. Vor allem die extrem manipulativen Mittel des Films verärgern.

Außerdem inszenierte Schumacher zwei "Batman"-Filme: "Batman Forever" (1995) mit Val Kilmer und Jim Carrey, sowie "Batman und Robin" (1997) mit Arnold Schwarzenegger, George Clooney und Uma Thurman. Das moderne Hollywood-Action-Kino braucht längst keine Geschichten mehr, man setzt auf Mythen, auf Ausstattung, auf Technik. Interessant daran ist, daß man längst die Themen für die teuren Ausstattungs-Action-Filme bei den Trivialstoffen aus den frühen Jahren des Kinos sucht: "Superman", "Flash Gordon" und "Batman" waren in den 30er und 40er Jahren erfolgreiche Serienfilme, die - meist nicht länger als 50 Minuten - im Doppelpack mit einer ebenfalls kurzen Groteske im Kino liefen. Heute begegnen sie uns wieder als aufwendige Multimillionenprodukte.

Inhaltlich geht es immer um den Kampf des Guten gegen das Böse, es mischen sich Legende und Märchen. Doch so edel die Helden und so grauenhaft die Bösewichte sind: Die Grenzen sind fließend - vor allem in Joel Schumachers "Batman"- Filmen. Für den letzten "Batman" entwarf Barbara Ling faszinierende Kostüme; das Pflanzenareal der wahnsinnigen Botanikerin Pamela Isley alias Poison Ivy ist ein höchst amüsanter poppiger Spielort, und wenn zu Beginn die Heerscharen des gewalttätigen Freeze mit Eishockeyschlägern durch die Szene surfen, feiert das Ausstattungskino Triumphe. Nach klassischen Tugenden wie Spannungsbogen oder gar Story fragt man besser nicht.

Weitere Filme von Joel Schumacher: der manirierte Thriller "8 mm" (1998), in dem Nicolas Cage als Privat-Detektiv im fies-finsteren Porno- und Snuff-Milieu recheriert, der an den Haaren herbei gezogene Thriller "Bad Company" (2002), "Die Journalistin" (2003), "Das Phantom der Oper" (2004), "The Number 23" (2007), "Twelve" (2010).


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