Keiner erforschte die seelischen Abgründe der Bourgeoisie so furchtlos wie Luis Buñuel. Und nie gelang ihm das verführerischer als im Skandalfilm des Jahres 1967.

Luis Buñuel hat mit seinem Leben vor allem eins gemacht: es genossen. Der Aragonier aus Saragossa, einer der Väter des filmischen Surrealismus, liebte gute Cocktails, guten Tabak, intensive Träume und schöne Frauen. Stoffe aus denen Filme wurden, unvergessliche Meisterwerke wie sein Erstling "Ein andalusischer Hund" (1928, mit Salvador Dali) und der Oscar-Gewinner "Der diskrete Charme der Bourgeoisie" (1972). Buñuels Filme umwehte dabei immer der verwegene Wind des Skandals: "Belle de jour - Schöne des Tages", der Catherine Deneuve 1967 zum Fleisch gewordenen Zelluloidtraum der Swinging Sixties machte, wird nun in restaurierter 4K-Fassung wieder in den Kinos gezeigt.

"Ich habe unzählige Filme gedreht. Dennoch identifizieren mich die Leute am meisten mit der kühlen Blonden aus 'Belle De Jour", erkannte die französische Leinwanddiva auf dem Höhepunkt ihres Erfolges. In der Verfilmung eines bis dahin wenig bekannten Romans von Joseph Kessel brillierte die damals gerade erst 23-jährige Nachwuchsdarstellerin in der Rolle einer von erotischen Sehnsüchten geplagten Ehefrau. Obwohl glücklich mit einem erfolgreichen Arzt verheiratet, geht Severine jeden Nachmittag als Teilzeit-Callgirl ihren geheimen Wünschen nach und führt unter dem Namen "Belle De Jour" ein verhängnisvolles Doppelleben.

Eine einzige Kameraeinstellung wurde zum Sinnbild für den grandiosen Skandal, den der Film seinerzeit heraufbeschwor. Halbnackt und mit toupierter Wasserstoffmähne liegt die Deneuve darin auf einer Bettcouch, den Telefonhörer lasziv hinters Ohr geklemmt. Ein faszinierendes Zwitterwesen aus unschuldiger Bourgeoisie und triebhaftem Vamp war mit dieser Szene geboren, und die junge Schauspielerin hatte über Nacht ein unverwechselbares Image.

Obwohl viele französische Kritiker "Belle De Jour" heftig verrissen, wurde der Film 1967 in Venedig mit dem "Goldenen Löwen" ausgezeichnet - eine Ehrung auch für das Gesamtwerk des damals 66-jährigen Luis Buñuel. Sein mit rasanten Bildschnitten und Kamerafahrten angereichertes Meisterwerk gilt bis heute als Ur-Modell des erotischen Films, dessen surrealistische Dimensionen danach nur selten erreicht wurden.

Quelle: teleschau – der mediendienst