Im Leningrad des Jahres 1945 arbeitet Iya (Viktoria Miroshnichenko) in einem Krankenhaus und kümmert sich um die Verwundeten des Krieges.
Der russische Film "Bohnenstange" erzählt eine tragische Geschichte aus der Sowjetunion nach dem Krieg.

Bohnenstange

KINOSTART: 22.10.2020 • Drama • RUS (2019) • 137 MINUTEN
Lesermeinung
prisma-Redaktion
Originaltitel
Dylda
Produktionsdatum
2019
Produktionsland
RUS
Laufzeit
137 Minuten

Filmkritik

Ein Leben für ein Leben
Von Sven Hauberg

Leningrad nach dem Krieg: In einer geschundenen Stadt entfaltet "Bohnenstange" ein Drama voller moralischer Wucht.

Im Jahr 1945, im ersten Herbst nach dem Krieg, ist Leningrad eine Stadt der Frauen. Die Männer sind tot, gefallen im Kampf, oder sie sind Krüppel, die im Krankenhaus vor sich hin vegetieren. Die, die noch da sind, sind schwächliche Gestalten, Schatten ihrer selbst. Aber nicht nur die Männer waren im Krieg, auch die Frauen mussten an die Front. Iya (Viktoria Miroshnichenko), die alle um sie herum um mindestens einen Kopf überragt und die jeder nur "Bohnenstange" nennt, hat gekämpft, bis sie verwundet wurde. Nun leidet sie unter einer seltsamen Krankheit, dem Postkommotionellen Syndrom, das auftritt, wenn jemand eine Gehirnerschütterung erlitten hat. Iya fällt immer wieder in eine Art Trance, bleibt plötzlich unbewegt stehen oder liegen, für Sekunden oder Minuten, bis sie ebenso unvermittelt ins Leben zurückkehrt.

Iya ist die Hauptfigur in Kantemir Balagovs rätselhaftem, in Cannes für die beste Regie ausgezeichneten Drama "Bohnenstange". Ihre Krankheit, ihr Pendeln zwischen Leben und Scheintod, ist eine Art Symbol für die Sowjetunion nach dem Kriege, für ein Land, das den Krieg überstanden hat, auf dessen Äckern und Feldern aber noch immer die Reste von Millionen von Toten liegen.

Iya arbeitet in einem Leningrader Krankenhaus, sie pflegt die vielen Verwundeten, die hier auf Besserung oder auf die Erlösung warten. Wenn der Tod nicht schnell genug kommt, hilft sie nach, setzt eine Spritze, die ihr der Arzt in die Hände legt. Zu Beginn des Films kümmert sich Iya um einen kleinen Jungen, man meint, es sei ihr Sohn. Dann aber geschieht ein tragisches Unglück: Iya erleidet einen ihrer Anfälle, fällt auf das Kind und erdrückt es.

Der Junge war nicht ihr Kind, er war der Sohn von Iyas Freundin und einstiger Kameradin Masha (Vasilisa Perelygina), die mittlerweile aus dem besetzten Berlin zurückgekehrt ist. Der Tod ihres Kindes lässt Masha merkwürdig kalt, vielleicht, weil sie in den letzten Jahren mehr Leid und Sterben erlebt hat, als ein Mensch ertragen kann. Auch Masha wurde verletzt, sie kann keine Kinder mehr zeugen. Einen Nachkommen wünscht sie sich dennoch. "Du hast mein Kind nicht am Leben gehalten". sagt sie zu Iya. "Jetzt gibts du mir ein Neues."

Der junge Regisseur Kantemir Balagov, 1991 im russischen Nordkaukasus geboren, macht aus dieser ungewöhnlichen Ausgangslage einen spannenden, leisen, fordernden Film. Es geht ihm um Vergebung und um die Schuld, die die Menschen auf sich geladen haben – oder vielmehr: die der Krieg ihnen aufgeladen hat. Die Schrecken der Belagerung Leningrads durch die Nazis, der eine Million Menschen zum Opfer fielen, macht er in den Gesichtern seiner Protagonisten sichtbar. Iya, mit ihrer fast durchsichtigen weißen Haut und den weißblonden Haaren, scheint immer wieder in den warm ausgeleuchteten Räumen, in denen "Bohnenstange" spielt, zu verschwinden.

Der Roman "Der Krieg hat kein weibliches Gesicht" der weißrussischen Nobelpreisträgerin Swetlana Alexjiewitsch sei seine "Hauptinspiration" zu seinem Film gewesen, sagt Regisseur Balagov. In "Bohnenstange" gehe es ihm um die Rolle, die die Frauen im Krieg gespielt hatten. "Was würde mit einer Frau nach Kriegsende passieren, wenn sich ihr Geist und ihre Natur tektonisch verändern würden, eine Verletzung ihrer Natur?" Die Antwort, die sein Film darauf gibt, ist so rätselhaft wie beunruhigend.


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH

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