Im Kampf gegen sich selbst: Walter (Godehard Giese) lässt sich treiben. Er hat seinen Job verloren.
Was tut der Mann mittleren Alters ohne Arbeit? Wenn das das wüsste ... Godehard Giese sucht in "Jetzt.Nicht." Antworten.

Jetzt.Nicht.

KINOSTART: 09.11.2017 • Drama • D (2017) • 90 MINUTEN
Lesermeinung
prisma-Redaktion
Originaltitel
Jetzt.Nicht.
Produktionsdatum
2017
Produktionsland
D
Filmstudio
W-film, Heimatfilm
Laufzeit
90 Minuten
Regie
Julia Keller
Music
Jonas Förster
Kamera
Janis Mazuch

Filmkritik

Präzise und mit Fingerspitzengefühl
von Claudia Nitsche

Ein Mann wird entlassen und geht auf eine kurze, harte Tour, um sich selbst anders kennenzulernen. Lässt sich das ohne Theatralik, ohne Klischee verfilmen? Offensichtlich, wie "Jetzt.Nicht" von Julia Keller beweist.

Was ist das liebste Ding des Mannes? Also das Schlimmste, was man ihm wegnehmen kann? Die Frau? Das Auto? Von wegen, es ist der Job. Ein Mann ohne Arbeit fühlt sich offensichtlich um das Wichtigste gebracht. Zum dritten Mal in nur neun Monaten wird jenes Thema jetzt im deutschen Kino aufgearbeitet. Nach "Wilde Maus" und "Der Hund begraben" verzichtet Julia Kellers "Jetzt.Nicht" zwar auf Tiernamen, ist aber dennoch ein sehenswerter Film.

Walter (Godehard Giese) mag seinen Job. Er liebt Zahlen, die seinen Erfolg belegen, seine Leidenschaft ist es, Träume zu verkaufen. Und so ist für ihn das Leben ein gutes, solange er abends kauend vor seinem Computer sitzt, tippt und sich mit einem Drittel seiner Aufmerksamkeit mit seiner Freundin (Loretta Pflaum) unterhält. So ist das eben als Marketingdirector – und Nicola ist ja auch auf Karriere gepolt. Dann wird Walter entlassen. Schon in diesem Moment zeigt Regisseurin Julia Keller ihr Fingerspitzengefühl. Die Ohren schalten auf Durchzug, die Kamera befasst sich mit der Zimmerpflanze, an der er geistesabwesend herumknispelt statt sich mit seinem Auflösungvertrag zu beschäftigen.

Und jetzt? Sowohl Justus von Dohnányi in "Der Hund begraben" als auch Josef Hader in "Wilde Maus" entschieden sich fürs Schweigen, erzählten der Frau erst mal nichts. Die beiden Filme waren begeisternde, eigenwillige Komödien, mit zum Teil sehr schwarzem Humor. Alleine für Godehard Giese als Hauptdarsteller ist es schon schwierig, gegen die Hochkaräter anzukommen, kennt man ihn ja mehr als gut gebuchten Darsteller in Fernsehkrimis aller Art denn als einen, der einen Film trägt. Seine guten Leistungen im Kino mit "Liebmann" und "Im Sommer wohnt er unten" waren einem eher kleinen Publikum vorbehalten.

Jetzt schickt ihn Julia Keller auf die Reise. Walter knallt mit Nicola aufeinander und haut erst mal ab. Die Regisseurin aus Erding stellt klare Fragen und lässt dem Protagonisten am Anfang viel Zeit. Die schmerzhaften Folgen werden nicht dargestellt, bekommen aber Raum in einer oft nur mit wenigen Geräuschen ausgestatteten Kulisse. Tatsächlich ist Julia Kellers Film handwerklich so gut gemacht, dass es allzeit spannend bleibt, diesem Mann zu folgen. Wenn er mit dem Auto im Kreis fährt, ist das eine Metapher für Hilflosigkeit – oder auch der gezielte Versuch, den Firmenwagen herunterzuschrubben, solange er noch kann.

Stetige Unberechenbarkeit

"Jetzt.Nicht" kommt ohne Humor aus, insbesondere das Treffen mit Anton (Ronald Kukulies), einem anderen Exemplar auf der beruflichen Überholspur, dürfte den Zuschauer gedanklich das Notizbuch öffnen lassen. Julia Keller, die zusammen mit Janis Mazuch das Drehbuch schrieb, inszeniert eine denkwürdige Autofahrt der beiden Männer. Durch ihre unaufgeregte Art gibt sie den Szenen Tiefe. Sie wuchtet keine essenziellen Fragen auf die Theke, behält eine stetige Unberechenbarkeit bei. Man hat selten eine Ahnung, was Walter als Nächstes passiert und wie diese Reise ausgehen könnte.

Die Regisseurin hat zunächst Freie Kunst in Großbritannien studiert und zeigt in ihrem Kinodebüt eine eigene Handschrift. Sie findet aber auch in Godehard Giese einen Mann, auf den sie sich verlassen kann. Der 45-Jährige streift nur durch seine Mimik den alten Walter ab und bleibt jederzeit real.

Fakt ist, auch ein dritter Film in kürzester Zeit zu diesem Thema ist gerechtfertigt. Insbesondere weil dieser so geschickt und ohne viele Worte erzählt. Mit tollem Licht, toller Akustik und gelungener Bildauswahl bleibt die Regisseurin ihrer Wahrhaftigkeit bis zum konsequenten Ende treu. Eine reife Leistung.

Quelle: teleschau – der Mediendienst

Weitere Darsteller
Godehard Giese Loretta Pflaum Ronald Kukulies Tinka Fürst Maximilian Strestik Folker Banik Isabelle Barth Moritz Heidelbach Nicole Johannhanwahr Bettina Kerl Martin Reik Bernd Wöllmer Natalia Romanova

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