Farid (Soufiane Guerrab, links) und Ben (Pablo Pauly) verstehen sich super, lassen aber auch keine Möglichkeit aus, sich eins reinzuwürgen.
Ein Film, um Längen besser als sein Plakat: "Lieber leben".

Lieber leben

KINOSTART: 14.12.2017 • Drama • F (2017) • 112 MINUTEN
Lesermeinung
prisma-Redaktion
Originaltitel
Patients
Produktionsdatum
2017
Produktionsland
F
Filmstudio
Gaumont, Mandarin Production, Kallouche Cinéma, Fimalac Entertainment, OCS, Ciné+, La Région Île-de-France, CNC
Laufzeit
112 Minuten
Regie
Grand Corps Malade, Mehdi Idir

Filmkritik

Ohne therapeutische Wirkung
von Claudia Nitsche

Man könnte es sich leicht machen und sagen, Rollstuhlfilme sind erfolgversprechend. Zumindest seit allen voran die französische Produktion "Ziemlich beste Freunde" die halbe Welt begeisterte. Auch die amerikanische Literaturverfilmung "Ein ganzes halbes Jahr" oder die deutsche Produktion "Renn wenn du kannst" waren ganz großes Gefühl. Und doch wäre es unangemessen, jetzt "Lieber leben" an anderen zu messen. Dieser Film ist ein ganz besonderer, der mit und ohne seine Hintergrundgeschichte funktioniert und aus gutem Grund vorab bei den Französischen Filmtagen in Tübingen ausgezeichnet wurde.

Gleich zwei Regisseure, Grand Corps Malade und Mehdi Idir, haben sich daran gemacht, die Geschichte von Ben (Pablo Pauly) zu erzählen. Alle Jungs machen Blödsinn, manche werden dafür bestraft. Gerade noch war Ben Sportstudent, jetzt liegt er bewegungslos im Krankenbett. Erfreulicherweise hält sich der Film wenig mit Jammern auf, wenngleich man die Verzweiflung des Jungen sofort miterlebt. Es reicht schließlich, jeden Morgen mit einem Pfleger (Alban Ivanov) konfrontiert zu sein, dessen gute Laune so unaussprechlich ist, dass man sich gerne weigern möchte, in diesen Tag zu starten. Überhaupt ist eigentlich alles am Gesicht von Pablo Pauly abzulesen. Ebenso wichtig ist die Kamera, die dem Zuschauer den Bewegungsradius der Hauptperson klarmacht.

Ben wird es schaffen, sich irgendwann in einen Rollstuhl hieven zu lassen und die Flure und Räume der Reha-Anstalt, in der der Film eigentlich komplett stattfindet, zu erobern. Alleine aufgrund der tristen Kulisse sollten die Charaktere funktionieren – und das tun sie. Die Clique aus Jungs und einem Mädchen erzählt spannende Geschichten, die lustig sind und manchmal, ganz plötzlich, erschreckend traurig. Nie hat man das Gefühl, es wird hier ein Drehbuch abgehakt. Selbst die Vielleicht-Liebesgeschichte passiert mit Selbstverständlichkeit, nicht um eine Story zu garnieren.

In Maßen ist "Lieber leben" immer wieder lustig. Und dieser Humor ist glaubwürdig. Freilich erträgt das Publikum die Schicksale der jungen Männer leichter, wenn das Ganze amüsant serviert wird. Hier aber erlebt man absolut nachvollziehbar, wie junge Männer in ihrer besonderen Situation auf falsche Rücksicht verzichten.

Handwerklich brillant

Dass diese Erzählung zu einem rundum gelungenen Kinoerlebnis wird, kann daran liegen, dass der Regisseur mit dem klangvollen Namen Grand Corps Malade sein Leben verfilmt. Dies muss man aber auch erst mal handwerklich so brillant und ohne Sentimentalität schaffen. Der Poetry-Slammer und HipHop-Musiker kennt die Situation, nicht mehr alleine essen oder telefonieren zu können. Fabien Marsaud, so sein eigentlicher Name, hatte einen Schwimmbadunfall und kämpfte sich trotz schlechter Prognosen zurück in die Selbständigkeit.

"Lieber leben" zeigt diese Kämpfe nicht, für das notwendige zähe Training benutzen die Regisseure einen cleveren filmischen Kniff. Mehdi Idir drehte neben Dokus alle Musikvideos von Grand Corps Malade, der in seiner zwölf Monate dauernden Reha-Zeit die Buchvorlage schrieb. Die beiden verstehen sich eigenen Angaben zufolge ohne große Worte. Es ist den beiden Regisseuren ein Kompliment zu machen für die Grazie, mit der sie einen Alltag voller Wiederholungen verfilmen, ohne zu straucheln. Sie schaffen es, mitzunehmen in diese begrenzte und abgeschottete Welt, in der man den Blickwinkel auf das kleine Große des Lebens ändert. Sie wollten kein Pathos, lieber Selbstironie.

Dazu passt, dass der Mann, der sich "großer kranker Körper" nennt, beim Dreh nicht den Eindruck hatte, sich zu therapieren. "Ich hatte nie das Gefühl, schmerzhafte Momente wiederzuerleben." Nein, er hat einfach einen guten Film gedreht, bei dem übrigens auch die Musik gut ist.

Quelle: teleschau – der Mediendienst

Weitere Darsteller
Pablo Pauly Soufiane Guerrab Moussa Mansaly Nailia Harzoune Franck Falise Yannick Renier Alban Ivanov Jason Divengele Côme Levin Dominique Blanc Anne Benoît Rabah Nait Oufella Xavier Mathieu Florence Muller

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