Rory O'Hara (Jude Law) will hoch hinaus, muss aber erst einmal mit der Bahn zur Arbeit pendeln.
Wie ein ehrgeiziger Unternehmer auf der Suche nach größeren beruflichen Erfolgen den Zusammenhalt seiner Familie riskiert, beleuchtet Sean Durkins Drama "The Nest - Alles zu haben ist nie genug".

The Nest - Alles zu haben ist nie genug

KINOSTART: 08.07.2021 • Drama • GB (2020) • 107 MINUTEN
Lesermeinung
prisma-Redaktion
Originaltitel
The Nest
Produktionsdatum
2020
Produktionsland
GB
Filmstudio
FilmNation Entertainment, BBC Film, Element Pictures, Elevation Pictures
Einspielergebnis
1.200.000 USD
Laufzeit
107 Minuten
Regie
Sean Durkin
Music
Richard Reed Parry
Kamera
Mátyás Erdély

Filmkritik

Unglück im neuen Heim
von Christopher Diekhaus

Geld und Ansehen sind einem Unternehmer so wichtig, dass er dafür den Zusammenhalt seiner Familie aufs Spiel setzt: "The Nest – Alles zu haben ist nie genug" ist ein präzise beobachtetes, stark gespieltes Drama, das trotz bedächtiger Erzählweise eine thrillerartige Spannung erzeugt.

Wärme, Geborgenheit, einen sicheren Zufluchtsort – all dies kommt einem bei dem Wort "Nest" in den Sinn. In seinem zweiten Spielfilm "The Nest – Alles zu haben ist nie genug" verkehrt Sean Durkin die Vorstellungen allerdings ins Negative. Das Nest, in das der Protagonist seine Liebsten nach einem Umzug verpflanzt, ist keineswegs behaglich und erweist sich als Motor der schnell einsetzenden Entfremdung. Wie schon in seiner Debütarbeit "Martha Marcy May Marlene", einem Mix aus Charakterstudie und Psychothriller über eine Sektenaussteigerin, demonstriert der in Kanada geborene Regisseur und Drehbuchautor, dass er ein Händchen für untergründig brodelnde Spannungsszenarien hat.

Das Unglück der eigentlich nicht von Sorgen geplagten Familie O'Hara nimmt seinen Lauf, als Rory (Jude Law) seiner amerikanischen Gattin Allison (Carrie Coon) eines Tages eröffnet, dass er in seiner Heimat England eine berufliche Chance ergreifen müsse. Das Leben in der US-Vorstadt und sein Job füllen ihn offenbar nicht mehr richtig aus. Seine Frau, die seinen Klagen offenbar schon öfters nachgegeben hat, ist alles andere als begeistert. Dennoch stellt sie sich seinen hochfliegenden Plänen nicht in den Weg. Rory sprüht vor Enthusiasmus, als er Allison, ihrem gemeinsamen Sohn Ben (Charlie Shotwell) und seiner Stieftochter Sam (Oona Roche) den alten Gutshof vor den Toren Londons zeigt, den er als neues Domizil auserkoren hat. Nach dem Umzug werden Allison und die Kinder jedoch schnell von Unbehagen erfasst, während Rory Schwierigkeiten hat, richtig durchzustarten.

Jude Law bringt die Begeisterungsfähigkeit, die charmante Seite des Unternehmers im ersten Drittel gut zum Ausdruck. Bereits hier zeichnen sich aber auch seine problematischen Charakterzüge ab. Das ständige Gefühl, festgefahren zu sein, und der Wunsch, immer mehr Geld zu verdienen, sorgen für eine gefährliche Unzufriedenheit. Den Entschluss, einen Neustart an einem anderen Ort zu wagen, trifft Rory ohne Rücksprache. Und sehr gerne wirft er mit großen Versprechungen um sich.

Nicht von ungefähr siedelt Sean Durkin seine Geschichte in den 1980er-Jahren an, einer Zeit, da die neoliberalen Ideen Ronald Reagans und Margaret Thatchers um sich griffen und die Deregulierung der Märkte zum Zauberwort vieler Geschäftsleute wurde. Rory steht für einen entfesselten Kapitalismus, verkörpert die Sehnsucht nach dem permanenten Mehr, dem nächsten großen Ding und scheut nicht vor Lügen und Manipulationen zurück. Sein ungestümes Wesen tadelt selbst sein Chef, als er Rory vorhält, dass er stets nach oben wolle, dabei aber nie auf die kleinen, entscheidenden Details achte.

Die Frage, warum der Protagonist Wohlstand und Ansehen geradezu obsessiv nachjagt, beantwortet der Regisseur mit küchenpsychologischen Erklärungen, was der unheimlichen Wirkung des Films allerdings keinen Abbruch tut. Law, der auch das Großspurige und Selbstgefällige seiner Rolle überzeugend herausarbeitet, liefert sich mit der ebenfalls beeindruckenden Carrie Coon einige packende Wortduelle. "The Nest – Alles zu haben ist nie genug" lebt aber nicht so sehr von gelegentlichen, die Gedanken und Gefühle freilegenden Ausbrüchen. Einen Großteil des Reizes macht die schleichend beklemmender werdende Stimmung aus, die Schlimmes befürchten lässt.

Im Zentrum steht dabei der neu bezogene, kalt und leer erscheinende Landsitz, in dem sich Allison, Sam und Ben zunehmend unwohler fühlen. Ganz bewusst spielt Durkin mit Inszenierungsmitteln und Assoziationen des Spukhausfilms, ohne sich in ihnen zu verlieren. Der Schrecken entspringt hier eindeutig der Wirklichkeit, dem Drama einer sich langsam zersetzenden Familie. Zur Qualität dieses gemächlich erzählten, von unaufdringlicher Musik begleiteten Films gehört freilich auch das nicht unbedingt vorhersehbare, für manche Zuschauer vielleicht unbefriedigende Ende, das sich eine gewisse Offenheit erlaubt.

The Nest – Alles zu haben ist nie genug, im Kino ab: 08.07.2021


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH

Darsteller

Erfolgreicher Exportartikel aus Großbritannien: Jude Law.
Jude Law
Weitere Darsteller
Carrie Coon Charlie Shotwell Oona Roche Adeel Akhtar Wendy Crewson Anne Reid Michael Culkin Tanya Allen Tattiawna Jones Marcus Cornwall Annabel Leventon Peter Hamilton Dyer Bamshad Abedi-Amin Oliver Gatz Christian Jenner Stuart McQuarrie Francesco Piacentini-Smith Charlie Shaw Polly Allen Gunnar Cauthery Kaisa Hammarlund Andrei Alén Alexandra Moloney James Craze James Nelson-Joyce Tommy Gene Surridge

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