"Ein Pferd ist dafür bestimmt, über die Prärie zu rennen und ein Cowboy ist dafür bestimmt, zu reiten", erklärt der Cowboy Brady seiner Schwester. Unerträglich ist es für ihn, dass seine Ärztin ihm verboten hat, sich jemals wieder aufs Pferd zu begeben. Die chinesische Regisseurin Chloé Zhao erzählt in ihrem zweiten Langfilm "The Rider" eine zutiefst berührende Geschichte um einen jungen Mann, der den Sinn in seinem Leben verliert und sich wieder neu finden muss. Wie bereits in ihrem ersten Film "Songs My Brother Taught Me" arbeitet Zhao mit Laiendarstellern, die sich berührend selbst verkörpern.

Es braucht Geduld, um sich in den ruhig erzählten, 104 Minuten langen Film einzuspüren: Behutsam wird der Zuschauer mit Brady Blackburn (Brady Jandreau) bekannt gemacht, der im Pine Ridge Reservat in South Dakota seine furchterregende Narbe am Kopf im Spiegel betrachtet und sich erbricht. Beim Rodeo hat er sich schwer verletzt und einen Schädelbruch zugezogen. Der Rücken der Pferde ist für den vielversprechenden Rodeo-Reiter und einfühlsamen Pferdetrainer fortan tabu. Doch im amerikanischen Heartland definiert sich ein Mann tragischerweise nur darüber, wie gut er sich auf einem Pferd hält. Bradys alleinerziehender, spielsüchtiger Vater, gespielt von Bradys wirklichem Vater Tim Jandreau, und seine geistig behinderte Schwester (Bradys echte Schwester Lilly Jandreau) können ihm bei seiner Sinnkrise kaum helfen.

Selbstmord kommt für ihn nicht infrage, da er sich um seine kleine Familie und seinen besten Kumpel Lane (Lane Scott) kümmern muss. Lane, der sich ebenfalls erschütternd selbst spielt, ist ein ehemals berühmter Rodeo-Reiter, der nun schwer behindert im Rollstuhl sitzt. So findet Brady sich bald als Aushilfe in einem tristen Supermarkt wieder – was für ein Gegensatz zu der von Kameramann Joshua James Richards in atemberaubenden Panoramaeinstellungen eingefangenen Prärielandschaft.

Auch seinen Freunden fehlen die Worte angesichts Bradys kaum zu ertragenden Schicksals. Obwohl sie einander in beinahe zärtlicher Freundschaft zugetan sind, fehlt den jungen Cowboys ein Gegenentwurf zum herrschenden Männlichkeitsideal. Wenn sie gemeinsam am Lagerfeuer sitzen und Brady hilflos davor warnen, seinem Handicap nachzugeben, dankt man innerlich der feinfühligen Regisseurin: Ihr gelang es mit den – gelegentlich zwar ein wenig steif wirkenden – Laiendarstellern so zu arbeiten, dass sie auf subtile Weise am zynisch-raubeinigen Westernheld-Image kratzen und dem Zuschauer das Gefühl geben, einen Film anzuschauen, der an Wahrhaftigkeit kaum zu überbieten ist.

Hervorzuheben ist besonders das nuancierte Spiel von Hauptdarsteller Brady Jandreau, der fast alles, was in dem Neo-Western geschieht, am eigenen Leibe erlebt hat. Dies spürt man in jeder Einstellung des zurecht mit dem Werner-Herzog-Preis und dem Art Cinema Award 2017 in Cannes ausgezeichneten Films. Der seelisch gebrochene Rodeo-Reiter, der stur an seinen Träumen festhält, ist dem Zuschauer so nah, dass man den beinahe dokumentarisch anmutenden Film wohl kaum ohne Taschentuch durchsteht. So als würde einem ein guter Freund seine traurige Geschichte erzählen.

Die Kraft des Films liegt auch in den Gesten und Blicken zwischen den Dialogen, den Landschaftsbildern und darin, wie Zhao die beeindruckende Arbeit Bradys mit Pferden einfängt. Denn Brady gibt seinen Traum nicht auf, jobbt zumindest wieder als Pferdetrainer und zähmt einen als unreitbar geltenden Hengst. Wenn man schließlich wieder mit ihm durch die Weiten der Prärie galoppiert, durchströmt auch den pferdefernen Zuschauer ein erstaunliches Glücksgefühl.

Quelle: teleschau – der Mediendienst