"Etwas Schreckliches ist passiert", stottert Beate in ihr Handy. Wenig später stirbt die völlig aufgelöste Frau bei einem Autounfall. Ihr Mann und ihre Tochter rätseln: Was ist bloß geschehen? So wird der Zuschauer von Beginn an in die Handlung von "Gestern waren wir Fremde" hineingezogen.

Interessante Idee: Der Regisseur Matthias Tiefenbacher beginnt sein Melodram mit einem Rätsel. "Gestern waren wir Fremde" (2012), mit Lisa Wagner und Thomas Thieme in den Hauptrollen stark besetzt, versteht es, seine Zuschauer früh zu packen. Die ARD wiederholt den sehenswerten TV-Film zur besten Sendezeit.

Sophie Ferber (Lisa Wagner, "Weissensee") ist ein Papakind. Sie hat denselben Beruf wie ihr Vater Karl (Thomas Thieme, "Babylon Berlin") erlernt und kniet sich nun in München in ihre Arbeit als Bauingenieurin. Alles, um ihren alten Herren stolz zu machen. Auch an seinem Geburtstag hetzt sie sich ab, um pünktlich zur Feier zu erscheinen und ihn mit einer Venedig-Reise zu überraschen. Doch er erkennt ihren Erfolg nicht an. Und er freut sich auch nicht über das Geschenk seiner Tochter. Stattdessen erntet Sophie nur Vorwürfe.

Verletzt von diesem Verhalten kehrt sie in ihre Wohnung und die Arme ihres neuen Nachbarn Max Seefeld (André Szymanski) zurück. Als dann plötzlich ihre Mutter Beate (Julia von Sell) vor der Tür steht und ebenso eilig wieder auf dem Absatz kehrtmacht, nachdem sie den Freund ihrer Tochter kennengelernt hat, bleibt nicht nur Sophie verwirrt zurück.

Auch der Zuschauer fragt sich nun: Warum macht sich Sophies Mutter so überstürzt und sichtbar schockiert auf den Nachhauseweg? Etwas Schreckliches sei passiert, stottert sie noch schnell in ihr Handy, als sie ihren Ehemann informiert, dass sie bereits wieder auf der Rückfahrt ist. Was geschehen ist, kann sie ihm nicht mehr mitteilen – vollkommen aufgelöst hat sie einen Autounfall und stirbt wenig später im Krankenhaus.

Dort treffen der trauernde Witwer und seine Tochter wieder aufeinander und versuchen zu verstehen, was der Auslöser für Beates emotionalen Auftritt gewesen ist. Die erschütternde Antwort erhalten die beiden, als der Vater Sophie und Max wenige Tage später im Urlaub am Ammersee besucht. Danach ist in Sophies Leben nichts mehr, wie es vorher war.

Die Hauptdarstellerin Lisa Wagner, seit 2013 auch für ihre Rolle als "Kommissarin Heller" bekannt, wurde für ihre Darstellung als Anwältin im Tatort "Nie wieder frei sein" 2011 mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet und überzeugte 2012 erneut in ihrer Rolle als ehrgeizige und ein wenig eigenbrötlerische Sophie, die ebenso wie der Zuschauer versucht, die unerklärliche Kluft zwischen ihr und ihrem Vater zu ergründen. Das Drehbuch-Autorenpaar Martin Kluger und Maureen Herzfeld zeichnete ein präzises Bild von zwischenmenschlichem Schein und Sein und den daraus resultierenden Konflikten – und beantwortete im Film die Frage, ob Lügen vor Leid bewahren können oder es nur vergrößern.


Quelle: teleschau – der Mediendienst