Oscars der Extreme: Die größten Skandale, Pannen und Ausraster der Geschichte
Zum 98. Mal trifft sich dieses Frühjahr das Who is Who der Filmszene in Hollywood. Die begehrteste Auszeichnung für Filmschaffende wird verliehen. In der Nacht vom 16. März heißt es wieder: „And the Oscar goes to …“ Doch, Moment mal! Hieß es früher nicht: „And the winner is …“? Seit der ersten Verleihung 1929 hat sich so einiges geändert, das auch aufgrund von Skandalen, die in der Öffentlichkeit für Aufschreie und viel Kritik gesorgt haben.
Bestechungsvorwürfe
Als der Goldjunge noch in den Kinderschuhen steckte, sorgten bereits Gerüchte für Unruhen: Mary Pickford gewann 1930 den Academy Award als beste Hauptdarstellerin. Und das, obwohl ihre Darbietung in „Coquette“ schlecht gewesen sein soll. Ein abgekartetes Spiel oder ein erkaufter Preis, wie man munkelt. Denn ihr Mann, Douglas Fairbanks Senior, war damals Präsident der Academy. Beide luden im Vorfeld die fünf Jurymitglieder zum Tee in ihr Anwesen ein.
Seitdem wurde das Votingsystem geändert. Bis heute dürfen alle Academy-Mitglieder wählen, wer ihrer Meinung nach einen Oscar verdient hat.
Protestwahl
Wenn viele abstimmen dürfen, ist es bekanntlich schwierig, alle zufriedenzustellen. So auch 1934. Bette Davis war als beste Hauptdarstellerin gar nicht nominiert. Sehr zur Empörung der Academy-Mitglieder. Aus Protest schrieben einige ihren Namen auf einen Stimmzettel. In letzter Sekunde verkündete die Academy, dass sie dieses Jahr auch handschriftliche Stimmen zulassen würde. Davis gewann zwar trotzdem nicht, belegte aber einen guten dritten Platz. Im Folgejahr wurde die Wahlpraxis beibehalten, führte jedoch zu keinem Erfolg. Nur eine Person wählte handschriftlich für einen nicht-nominierten Kameramann. Die handgeschriebenen Stimmen wurden daraufhin wieder abgeschafft.
Autoren-Boykott
1936 etablierten sich allmählich Gewerkschaften im Filmbereich. Den Studios und damit auch der Academy ging dies gegen den Strich. Die „Screen Writers Guild“ und die „Screen Actors Guild“ riefen deshalb zum Boykott der Preisverleihung auf. Ein Gewinner beteiligte sich daran: Drehbuchautor Dudley Nichols blieb der Preisverleihung fern und lehnte seine Trophäe ab, um die Gewerkschaften zu unterstützen. Er war der erste Oscar-Gewinner, der seinen Preis ablehnte. Wenige Jahre später wurde er zum Vorsitzenden besagter Gewerkschaft ernannt.
Oscar-Diebstahl
1938 erhielt Alice Brady einen Oscar als beste Nebendarstellerin. Wegen eines gebrochenen Knöchels konnte sie ihn jedoch nicht persönlich entgegennehmen. Ein Unbekannter betrat die Bühne und nahm den Oscar an ihrer Stelle in Empfang. Sowohl der mysteriöse Mann als auch der Oscar verschwanden in jener Nacht spurlos.
Happy End für Bette Davis?
Zwei Jahre nach ihrer nicht-Nominierung, 1936, gewann die Schauspielerin einen Oscar. Diesmal allerdings wollte sie gar nicht zur Verleihung gehen. Der Grund: der Boykottaufruf der „Screen Actors Guild“. Allerdings zwang sie der Studioleiter Jack Warner zur Anwesenheit. Aus Protest erschien sie in einem schlichten Kleid, das sie aus einem alten Kostüm hatte anfertigen lassen.
Zu allem Überfluss kam ihr Co-Star Franchot Tone, in den sie unglücklich verliebt war, in Begleitung seiner Ehefrau und Bettes größter Rivalin Joan Crawford. Bette warf Joan vor, ihr den Mann ausgespannt zu haben. Applaus bekam sie keinen von ihr – sondern nur Spott für ihr „schickes Kleid“. Vermutlich keine allzu glückliche Preisverleihung für Bette Davis. Aber die Ehe zwischen Joan und Franchot hielt nur vier Jahre, vielleicht tröstete Bette das nachträglich ein bisschen.
And the winner is Joan Crawford
Joan und Bette führten ihre Rivalität vor und hinter der Kamera mehrere Jahrzehnte erbittert weiter. 1946 gewann Joan Crawford den Oscar in der Kategorie beste Hauptdarstellerin in und als „Mildred Pierce“ (dt. „Solange ein Herz schlägt“). Eigentlich war Bette Davis für diese Rolle vorgesehen gewesen, doch sie lehnte ab. Erst als zweite Wahl durfte also Joan die Rolle verkörpern. Von der Grippe niedergestreckt nahm sie im Krankenbett ihren Oscar entgegen.
Streit der Rivalinnen geht in die nächste Runde
1962 standen die beiden Feindinnen für „Was geschah wirklich mit Baby Jane?“ vor der Kamera. Eine Oscar-Nominierung erhielt nur Bette Davis. Joan Crawford gab alles, um Bettes Sieg zu verhindern. Sie startete eine Schmutzkampagne gegen sie und bot an, für jede Schauspielerin, die nicht persönlich an der Preisverleihung 1963 teilnehmen könne, die Trophäe in Empfang zu nehmen. Anne Bancroft wurde als beste Hauptdarstellerin im Film „Licht im Dunkeln“ ausgezeichnet und Joan nahm den Oscar für Bancroft entgegen. Sie posierte sogar auf Fotos an Annes Stelle neben anderen Gewinnern.
„Der Pate“ verweigert seinen Oscar
1973, der Goldjunge ist inzwischen 45 Jahre alt, wird Marlon Brando als bester Hauptdarsteller verkündet. Aus der Menge erhebt sich jedoch nicht er, sondern eine junge Frau in einem Wildlederkleid und Mokassins. „Ich vertrete Marlon Brando heute Abend“, erklärt die indigene Schauspielerin und Aktivistin Sacheen Littlefeather. „Er hat mich gebeten, Ihnen mitzuteilen, dass er diese großzügige Auszeichnung leider nicht annehmen kann. Der Grund dafür ist die Behandlung der amerikanischen Ureinwohner durch die Filmindustrie.“ Für ihre aktivistische Rede erntete sie Applaus, aber auch Buhrufe.
Erst 2022 kurz vor Littlefeathers Tod entschuldigte sich die Academy für die Verweigerung der Annahme ihres Aktivismus’ und lobte ihren Mut. Die Schauspielerin hatte jahrelang Anfeindungen einstecken müssen. Auch ihre Karriere hatte irreparablen Schaden genommen.
Der Flitzer
Ein Jahr später, 1974, schlich sich der Redenschreiber Robert Opel als angeblicher Pressevertreter in die Veranstaltung. Gerade als David Niven die Präsentatorin Elizabeth Taylor ankündigte, flitzte Opel splitterfasernackt und mit einem Peace-Zeichen über die Bühne. Er durfte im Anschluss sogar an der Pressekonferenz teilnehmen. Dort erklärte er: „Die Leute sollten sich nicht schämen, nackt in der Öffentlichkeit zu sein. Außerdem ist es eine verdammt gute Möglichkeit, eine Karriere zu starten.“
Tatsächlich wurde er über Nacht berühmt und trat in Talkshows auf. Später arbeitete er als Fotograf für das LGBTQ+-Magazin „The Advocate“. Leider blieb ihm kaum Zeit, seine Karriere zu starten, denn nur fünf Jahre später, 1979, wurde er bei einem Raubüberfall erschossen. Er blieb bis heute der einzige Flitzer bei den Oscars. Doch 2024 griff der Schauspieler John Cena Opels Body-Positivity-Akt auf, indem er nackt, mit nur einem Umschlag vor seinem besten Stück, die Bühne betrat.
Oscar-Verbannungen
Bis heute betont die Academy, politisch neutral zu sein. Dass sich dieser Wunsch in der Praxis kaum halten lässt, zeigt allein die kleine Auswahl an Skandalen in diesem Artikel. 1993 griff sie allerdings hart durch und verbannte Susan Sarandon, Tim Robbins und Richard Gere lebenslänglich von der Preisverleihung. Denn die drei nutzten die Oscar-Bühne, um über politische Themen zu sprechen, die ihnen am Herzen lagen. Sarandon und Robbins sprachen über die Behandlung von HIV-positiven Haitianern, während Richard Gere Chinas Invasion in Tibet anprangerte. Als Sarandon 1996 für „Sein letzter Gang“ in der Kategorie beste Hauptdarstellerin gewann, gefolgt von Robbins’ Sieg für den besten Nebendarsteller im Jahr 2004 für „Mystic River“, durften sie wieder teilnehmen. Es ist unbekannt, ob Richard Geres Verbot noch gültig ist.
Ohrfeigen-Eklat
Will Smith ist ebenfalls für zehn Jahre von den Oscars ausgeschlossen. Der Moderator Chris Rock machte sich 2022 über Jada Pinkett Smiths Glatze lustig. Spott über die Erkrankung seiner Ehefrau (kreisrunder Haarausfall) wollte der Schauspieler nicht dulden. Es gab für ihn kein Halten mehr. Vor Wut kochend schritt dieser zur Bühne, um Rock eine zu verpassen. Die Konsequenzen seines Fehlverhaltens bekam er erst nach der Preisverleihung zu spüren. Davor wurde er nämlich noch als bester Hauptdarsteller geehrt.
Inzest-Küsse
Im Jahr 2000 gestand Angelina Jolie auf offener Bühne, als sie den Academy Award als beste Nebendarstellerin gewann: „Ich bin so verliebt in meinen Bruder. Er hat mich umarmt und mir gesagt, dass er mich liebt, und ich weiß, dass er sich für mich freut.“ Gemeint ist damit wirklich ihr älterer Bruder James Haven. Auf der Vanity-Fair-Aftershowparty wurden die beiden in flagranti erwischt: Sie küssten sich innig auf den Mund! In Wahrheit ist das sogar ihr zweiter Red-Carpet-Kiss gewesen. Den ersten gaben sie bei den Golden Globes ein paar Monate zuvor zum Besten. Als die Inzestgerüchte laut wurden, dementierte Jolie diese. Sie empfinde für ihren Bruder nichts als geschwisterliche Liebe.
Sexueller Übergriff
Zu einem weiteren Kuss-Eklat kam es 2003 zwischen Halle Berry und Adrien Brody. Der Schauspieler gewann die begehrte Trophäe als bester Hauptdarsteller. Im Freudentaumel nahm er den Oscar von Halle Berry entgegen und nutzte die Gelegenheit: Er küsste sie. Überrumpelt machte die Schauspielerin mit. Später jedoch wurde Brody für diese Aktion verurteilt und trägt nun neben einem Oscar den Ruf eines übergriffigen Mannes.
Sexistische Musical-Nummer
Zehn Jahre später geht es unangemessen weiter. Während der Preisverleihung geben Comedians, Schauspielerinnen und Sänger immer wieder Acts zum Besten, um das Publikum bei Laune zu halten. Übers Ziel hinausgeschossen ist 2013 Seth MacFarlane mit seiner Musical-Nummer: „We saw your Boobs“ (dt. „Wir sahen eure Brüste“). Darin singt er zur Eröffnung über Schauspielerinnen, die Nacktszenen gedreht haben. Auch Scarlett Johanssons Nacktbilder erwähnt er, die tragischerweise an die Öffentlichkeit gerieten. Die aufgezählten Schauspielerinnen im Publikum zeigten sich wenig begeistert. Das sexistische Opening löste Debatten über Misogynie bei den Academy Awards aus, die bis heute anhalten.
Falscher bester Film
2017 kam es zu einer verhängnisvollen Verwechslung der Umschläge, in denen die Karten stecken, die die Gewinnernamen enthalten. Moderator Warren Beatty verkündete „La La Land“ als besten Film. Leider hielt er ein Duplikat des Umschlags in den Händen, der Emma Stone als beste Hauptdarstellerin kürte. Erst, als der Cast bereits auf der Bühne war, mischte sich die Academy ein. La-La-Land-Produzent Jordan Horowitz trat ans Mikrofon und verkündete: „Es tut mir leid, es gibt einen Fehler. ‚Moonlight‘ ihr habt den besten Film gewonnen.“
#OscarsSoWhite
2015 und 2016 wurden zwei Jahre hintereinander nur weiße Schauspielerinnen und Schauspieler nominiert, obwohl es durchaus oscarwürdige Leistungen von People of Color gegeben hätte. Vorwürfe wurden laut, die Academy habe ein Rassismusproblem. Tatsächlich ist man dort als filmschaffende Person Mitglied auf Lebenszeit, wodurch ältere weiße Herren vorherrschen. Jedoch wurde auf die Vorwürfe reagiert und die Academy lud nach und nach mehr internationale und jüngere Schauspieler und Schauspielerinnen in ihren Mitgliederkreis ein.
Dennoch ist die Anzahl von Preistragenden of Color gering. In 97 Jahren gingen lediglich 23 Oscars an sie.
Bittersüße Siege
1940 gewann Hattie McDaniel als erste Afroamerikanerin einen Oscar für ihre Nebenrolle in „Vom Winde verweht“. Es blieb ein bittersüßer Sieg, denn sie musste während der Preisverleihung in der letzten Reihe, getrennt von den übrigen Nominierten, sitzen. Zudem war sie dort die einzige schwarze Person. Sie brauchte eine Sondergenehmigung, um überhaupt anwesend sein zu dürfen. Der Eintritt zur Aftershowparty wurde ihr jedoch verweigert, obwohl sie eingeladen war.
Es dauerte weitere 51 Jahre, bis wieder eine Afroamerikanerin einen Oscar gewann: Whoopi Goldberg sahnte ihn ab, für ihre Nebenrolle in „Ghost“. Und 2002 gewann endlich eine schwarze Frau, Halle Berry, den Oscar als beste Hauptdarstellerin. Bis heute ist sie auch die einzige in dieser Kategorie.
2023 gewann jüngst Da’Vine Joy Randolph einen Oscar als beste Nebendarstellerin. Nur fünf Männer of Color sind als bester Hauptdarsteller bisher ausgezeichnet worden: Sidney Poitier (1964), Denzel Washington (2002), Jamie Foxx (2005), Forest Whitaker (2007) und Will Smith (2022).
Eine Sache war da doch noch …
Genau! Seit 1989 heißt es – mit einer Ausnahme im Jahr 2010 – meistens: „And the Oscar goes to …“ Aber warum ist das so? „And the winner is …“ impliziert, dass alle, die leer ausgehen, Verlierer seien. Die Aufmerksamkeit soll auf die Ehrung und Würdigung künstlerischer Leistung gelenkt werden und weg vom Wettstreit unter Filmschaffenden. Denn auch die Nominierten haben Leistungen erbracht, die es wert sind, geschätzt zu werden. Leider erlebten Joan Crawford und Bette Davis diese Änderung nicht mehr. Und ob es etwas geändert hätte – wer weiß das schon?
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