Joseph Vilsmaier

Der Regisseur hinter der Kamera: Vilsmaier würde gerne alles selber machen Vergrößern
Der Regisseur hinter der Kamera: Vilsmaier würde gerne alles selber machen
Joseph Vilsmaier
Geboren: 24.01.1939 in München, Deutschland

"Was willst du mit der alten Bäuerin?" wurde Joseph Vilsmaier gefragt, als er sich 1988 in "Herbstmilch" an die Verfilmung der Lebenserinnerungen einer bayerischen Landfrau begab. "Dieser Schmarrn interessiert keinen Menschen." Vilsmaier blieb standhaft und feierte mit dem Film den gelungenen Brückenschlag vom Kameramann (etwa für "Die merkwürdige Lebensgeschichte des Friedrich Freiherrn von der Trenck, 1972, oder auch einige "Tatort"-Episoden) zum Regisseur. Von da an war er berühmt. "Herbstmilch" ist Vilsmaiers Visitenkarte, auch heute noch. Denn fast alle seine Filme atmen den Odem der Geschichte. Sein Lieblingsfach, schon in der Schule.

Aber er ist kein verhinderter Studienrat, der sich zum Film verirrt hat. Vilsmaier haucht den tristen Lehrbüchern Leben ein und verankert Historie an menschlichen Schicksalen. So in "Stalingrad" (1992), die Geschichte von vier jungen Soldaten, die erkennen müssen, dass sie im Kessel von Stalingrad eingeschlossen sind; so in dem preisgekrönten "Comedian Harmonists" (1997), ein Film über das Schicksal und den kometenhaften Aufstieg der gleichnamigen Männergesangsgruppe, die in den Zwanziger- und Dreißigerjahren in Deutschland und international gefeiert wurde, 1934 aber unter dem Druck der Nazis aufgeben musste; und so war es auch bei "Marlene" (2000) oder "Der letzte Zug" (2006).

Die Deportation oder auch die Dietrich drängten sich als Filmstoff auf, aber keiner wagte sich heran. Vilsmaier tat es. "Das entscheide ich immer aus dem Bauch heraus", sagt er, "für 'Herbstmilch','Stalingrad' oder die 'Harmonists' habe ich mich in nur zehn Minuten entschlossen." Doch die Kritiker sitzen bei jedem neuen Vilsmaier stets mit spitzem Bleistift in den Kinosesseln. "Kommerzielles Gespür für Biedermeier-Seelen" hielt man ihm vor, "dampfenden Naturalismus" und "Naivität". Hätte er doch besser Geschichtslehrer werden sollen? Nein. Er ist einer der wenigen Deutschen, dessen Produkte auch im Ausland auf offene Augen stoßen: "Comedian Harmonists" lief etwa in den USA. Und Vilsmaier arbeitet weiter an seinem Traum, dem Acadamy Award. "Ich liebe Preise", sagt Vilsmaier, "wenn der Oscar kommt, räume ich für ihn mein ganzes Trophäenregal leer."

Nach dem Filmstart von "Marlene" (mit Katja Flint) hatte er allerdings keinen Grund zu feiern, die Kritik verriss den Streifen. Feiern, das kann er besonders gut. Heino Ferch ("Comedian Harmonists") kennt den Sepp: "Er kann bis morgens um sechs feiern und steht fit um sieben Uhr in einem Eisbach. Joseph ist ein Tier." Kondition verlangt er aber auch seinen Schauspielern ab. Doch immer auf seine amüsante Art, spürte schon "Harmonist" Heinrich Schafmeister: "Sepp macht die Arbeit zur Feier und die Feier zur Arbeit." Joseph Vilsmaier war von 1986 bis zu ihrem Tod mit der Schauspielerin Dana Vávróva verheiratet, die auch in seinen Filmen "Comedian Harmonists", "Rama dama" (hier war die Geburt von Tochter Theresa zu sehen), "Schlafes Bruder" (Deutscher Filmpreis, Oscar-Nominierung, Golden-Globe-Nominierung), "Stalingrad" und "Herbstmilch" mitspielte.

Seine Kindheit verbrachte er in Pfarrkirchen (Niederbayern) und in München. Zwischen 1953 und 1961 absolvierte er eine Ausbildung in den kameratechnischen Abteilungen bei Arnold & Richter (ARRI), im Studiobetrieb und im Kopierwerk. Gleichzeitig studierte er am Münchner Konservatorium Musik mit dem Schwerpunkt Klavier. 1961 wurde er bei der Bavaria Film in Geiselgasteig als Kameraassistent eingestellt, ab 1972 arbeitete Joseph Vilsmaier als Kameramann.

Weitere Filme von und mit Joseph Vilsmaier: "Charlie und Louise - das doppelte Lottchen" (1993), "Und keiner weint mir nach" (1996) mit Vilsmaier-Tochter Janina, "Hunger - Sehnsucht nach Liebe" (1996, Produzent), "Leo & Claire" (2001) mit Michael Degen, Suzanne von Borsody, Franziska Petri, "Bergkristall" (2004), "Vera - Die Frau des Sizilianers", "Der Weihnachtsbrei" (beide 2005), "Der letzte Zug", "Das Weihnachts-Ekel" (2006), "Die Gustloff", "Die Geschichte vom Brandner Kaspar" (beide 2008), "Nanga Parbat" (2009), "Das Leben ist zu lang" (2010, Darsteller), "Russisch Roulette" (Regie, 2011), "Bavaria - Traumreise durch Bayern" (Regie, 2012).


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