Das Drama "Félicité" punktet mit einer umwerfenden Véro Tshanda Beya als Hauptdarstellerin und einer spannenden ersten Hälfte. Dann jedoch verliert sich der Film von Alain Gomis in archaischen Rollenvorstellungen. Ärgerlich!

"Du wolltest eine starke Frau sein, du wolltest es der Welt zeigen. Du hast dir was vorgemacht – sieh' dich jetzt an!", brüllt der hartherzige Ex-Mann die stolze und unabhängige Félicité an, als sie ihn um Geld für die lebensnotwendige OP ihres gemeinsamen Sohnes bittet. Dann jagt er sie zum Teufel. Tief taucht man ein in Alain Gomis' Drama "Félicité" und in die fremde, schwierige Welt seiner gleichnamigen der Titelfigur. Lange fiebert man mit der alleinerziehenden Sängerin mit, die anmutig und hinreißend von der kongolesischen Theaterschauspielerin Véro Tshanda Beya verkörpert wird, welche in ihrer ersten Filmrolle zu sehen ist. Der französisch-senegalesische Regisseur schickt sie auf eine kräftezehrende Odyssee durch die von Misswirtschaft und Korruption ausgelaugte Hauptstadt des Kongo.

Das auf der diesjährigen Berlinale mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnete Drama beginnt mit einem Auftritt der Sängerin in einer schummrigen Bar in Kinshasa. Die Kamera klebt an Félicités selbstbewussten Gesicht und der Zuschauer begreift sofort: Diese Frau weiß sich zu behaupten.

Der nächste Morgen beginnt mit einem Ärgernis: Félicités Kühlschrank ist abermals defekt, ihr anhänglicher Verehrer Tabu (Papi Mpaka), ein häufig betrunkener Weiberheld, kommt mal wieder vorbei und verspricht ihr, möglichst günstig ein gebrauchtes Ersatzteil zu besorgen. Der vielsagende, leise Running Gag um den vermaledeiten Kühlschrank wird den Zuschauer noch durch den ganzen Film begleiten.

Doch die wirkliche Hiobsbotschaft folgt auf den Fuß: Félicités 14-jähriger Sohn Samo (Gaetan Claudia) hatte einen schweren Unfall. Dicht folgt nun die von Céline Bozon geführte Handkamera der besorgten Mutter durch die heruntergekommenen Straßen der kongolesischen Hauptstadt, die von einer ausbeuterischen Diktatur gezeichnet wurde, bis zum überfüllten Krankenhaus. Das Bein ihres Sohnes muss dringend operiert werden, doch das wird die Mutter in einem Land ohne Krankenversicherung eine horrende Stange Geld kosten, die Félicité nun in der bewegenden und spannenden ersten Hälfte des Films aufzutreiben versucht.

Sogleich beginnt sie stoisch, ohne jedoch je ihre Würde zu verlieren, Schulden einzutreiben, ihre Musikerkollegen um solidarische Beträge zu bitten und sich Geld zusammenzuborgen. Selbst von Samos nichtsnutzigem Erzeuger und einem zwielichtigen, wohlhabenden Mann, der sie schlägt und dem sie sich dennoch vor die Füße wirft, lässt sie sich letztlich nicht demütigen. Umsonst: Samo verliert das Bein dennoch.

Schwer nachvollziehbarer zweiter Teil

Schlagartig ändert sich Tempo und Stimmung des Films, der Sohn hängt depressiv in der Wohnung auf der Couch, Félicité wirkt zunehmend überfordert und melancholisch. Und nun passiert etwas, was einen unschönen, altbackenen Schatten auf die elektrisierende erste Hälfte des Films wirft, in der man eine wunderbar unabhängige Frauenfigur kennenlernen durfte.

Die nun erschöpfte und beinah gebrochene Frau findet im schwer nachvollziehbaren zweiten Teil des Films Trost nur noch bei einem irgendwie mythisch aufgeladenen Okapi. Das ist zwar verwirrend, aber nicht halb so ärgerlich wie die Erkenntnis, dass Alain Gomis seine erst so starke Félicité nun doch in die schützenden Arme eines Mannes treibt, eines nichtsnutzigen noch dazu. Ohne Kerl geht's eben doch nicht, scheint uns Gomis sagen zu wollen. Nicht einmal bei einer Kämpferin wie Félicité.

Quelle: teleschau – der Mediendienst