In den gediegenen Reihenhäusern eines Brüsseler Vororts dreht sich das Leben um die ganz normalen Dinge. Auch für Maxime (Kacey Mottet Klein) und Mélanie (Galatéa Bellugi), zwei 15-jährige Teenager. Feiern gehen, sich verlieben, für Maxime der Fußball – damit lassen sich die Tage gut füllen, es ist das kleine Glück, das hier wohnt. Bis es jäh unterbrochen wird, dass Mélanie schwanger ist.

Diese Nachricht bricht nicht nur über die beiden Jugendlichen urplötzlich herein, auch für den Zuschauer ist sie nach nur wenigen Szenen einfach da. Kein Vorgeplänkel, keine herleitende Dramaturgie, und damit setzt Regisseur Guillaume Senez gleich zu Anfang ein Zeichen für das, was "Keeper" dann über 96 Minuten durchhält: eine lakonische, stille, zurückhaltende Erzählweise.

Das ist umso erstaunlicher, als die Geschichte um Maxime und Mélanie unglaublich viel Stoff bietet. Das Verhalten der beiden Jugendlichen, die ihr Geheimnis für mehrere Wochen für sich behalten, die Reaktion von Mélanies Mutter (Laetitia Dosch), die Senez als Gegenpol zu Maximes Eltern (Catherine Salée und Sam Louwyck) positioniert, und hinter all dem die Frage, wie alt Menschen sein müssen, um Verantwortung übernehmen zu können. Und zu wollen.

Alles nur ein Spiel?

Maxime stellt sich das eigentlich gar nicht so schwierig vor. Gerade erst ist er zum Auswahltraining eines großen Fußballvereins eingeladen worden, und als erfolgreicher Torwart sollte es doch ein Leichtes sein eine kleine Familie durchzubringen.

Und Mélanie? Inszeniert die Entscheidung über ihre gemeinsame Zukunft und die ihres Kindes als Spiel. Als sie mit Maxime auf der Kirmes ist, überredet sie ihn, sein Glück an einem Greifautomaten zu versuchen. Zieht er den Elefanten aus der Maschine, behalten sie das Kind, so ihr Versprechen. So leicht kann das sein mit den Entscheidungen.

Schon die Schauspieler, die Senez für seinen Film gecastet hat, beeindrucken. Kacey Mottet Klein, der mit "Home" von Ursula Meier seinen Durchbruch hatte, legt in all die Emotionen, die seinen Charakter überfluten, eine so gnadenlose Gereiztheit, dass man sich selbst in die eigene Pubertät zurückversetzt fühlt. Und Galatéa Bellugi gibt Mélanies Jugendlichkeit so viel Wärme, aber auch so viel Unsicherheit, dass auch diese überzuspringen scheint auf den Zuschauer. Dazu Laetitia Dosch als ihre Mutter, die selbst sehr jung schwanger geworden ist und ein bodenständiger, fast ein wenig apathischer Sam Louwyck.

Quälende Pausen und Schmerz

Guillaume Senez' wichtigstes Stilmittel ist, dass er sich in der Behandlung seiner Protagonisten auffallend zurückhält. Die Kamera von Denis Jutzeler wirkt wie ein unsichtbarer, stiller Beobachter, durch die keine Bewertung stattfindet, keine Positionierung. Lediglich in der Konzentration auf Maxime als ungewöhnliche Hauptfigur einer solchen Geschichte nimmt Senez in einer gewissen Art und Weise Stellung. Ansonsten lässt er seine Darsteller allein, ohne ihnen den Rücken zu kehren.

Mit all diesen Mitteln gelingt Senez so etwas wie ein zeitgenössischer Gegenentwurf zu "La Boum - Die Fete - Eltern unerwünscht", ein lakonisches Porträt der Jugend in unserer Zeit – unspektakulär, aber bewegend. "Keeper" traut sich, auf allzu viele Klischees zu verzichten, er traut sich Pausen zu, quälende Pausen, und er setzt auf Protagonisten, die neben dem Alltäglichen auch die Provokation beherrschen, den Schmerz.

Im Zentrum steht dabei die Frage nach den Entscheidungen, die wir im Leben treffen, nach so etwas wie einem moralischen, aber auch einem emotionalen Kompass. Dieser leitet alle Figuren in "Keeper", doch seine Ausrichtung ist bei allen Figuren anders. Doch auch hier, und das hält Senez bis zum Ende durch, bewertet er nicht, sondern schaut zu. Und vielleicht führt genau diese Haltung am Ende dazu, dass der Zuschauer sich auf Augenhöhe wähnt, in der Realität – obwohl es Kino ist.