J.R.R. Tolkiens Geschichten begeistern seit mehr als 80 Jahren ganze Generationen von Lesern - "Tolkien" erzählt nun, woher der Autor (Nicholas Hoult) seine Ideen nahm.
Das Biopic "Tolkien" erzählt vom Leben und Wirken des "Herr der Ringe"-Autors J.R.R. Tolkien.

Tolkien

KINOSTART: 20.06.2019 • Biopic • USA (2019) • 112 MINUTEN
Lesermeinung
prisma-Redaktion
Originaltitel
Tolkien
Produktionsdatum
2019
Produktionsland
USA
Budget
16.000.000 USD
Einspielergebnis
8.654.322 USD
Laufzeit
112 Minuten

Filmkritik

Mittelerde im Schützengraben
Von Markus Schu

Feuerspeiende Drachen auf dem Schlachtfeld: Das Biopic "Tolkien" erkundet, was den "Herr der Ringe"-Schöpfer zu seinen weltberühmten Fantasy-Geschichten inspiriert hat.

Seine Geschichten über mutige Halblinge, Elben und Zwerge kennt fast jeder – doch wer war der Mann hinter "Der Herr der Ringe" und "Der Hobbit"? Spätestens seit den monumentalen Verfilmungen seiner Romane durch Regisseur Peter Jackson ist auch der Name J.R.R. Tolkien (wieder) weltweit ein Begriff – aktuell werkelt Amazon sogar an einer TV-Serie, die auf Tolkiens Werk basiert. Der britische Autor und Philologe (1892 – 1973) beeinflusste die moderne Fantasy-Literatur wie kein Zweiter. Mit einer Detailfülle, die ihresgleichen sucht, entwarf Tolkien ein ganzes Universum mit eigenständiger Sprache und Mythologie. Was ihn selbst beim Erschaffen dieser Geschichten inspirierte, davon erzählt nun das Biopic "Tolkien".

Der Erste Weltkrieg ist in vollem Gange, an der Somme tobt ein unerbittlicher Stellungskrieg zwischen den Truppen des deutschen Kaiserreichs und jenen der britisch-französischen Entente. Mittendrin ein junger Akademiker: J.R.R. Tolkien (stark: Nicholas Hoult, "X-Men: Dark Phoenix"). Auf der Suche nach seinem besten Freund irrt er fiebernd durch die Schützengräben – begleitet von einem Soldaten, der auf den Namen Sam hört ... – Jahre zuvor: Der gebildete John Ronald Reuel Tolkien wächst gemeinsam mit seinem Bruder als Waisenkind auf und tut sich schwer damit, soziale Kontakte zu knüpfen. Doch schnell wird klar: Er und die drei kunstinteressierten Jungs, die er an der Schule kennenlernt, werden bald unzertrennlich sein.

Der finnische Regisseur Dome Karukoski ("Helden des Polarkreises") versucht sich gemeinsam mit dem Autoren-Duo David Gleeson und Stephen Beresford an einer Deutung der Lebensgeschichte Tolkiens: Was hat den Schriftsteller zu seinem literarischen Schaffen inspiriert? In zwei parallelen Handlungssträngen erzählen sie das Leben des Genies. Zum größten Teil findet sich der Zuschauer in Tolkiens Jugendjahren wieder und wird Zeuge der schulischen und universitären Ausbildung des Autors. Andererseits springt der Film immer wieder in die Zeit ab 1914, als Tolkien zum Kriegsdienst gerufen wird und dabei Situationen durchlebt, die ihn für sein ganzes Leben prägen. Das tatsächliche Schreiben der Mittelerde-Geschichten wird nur kurz angerissen – allerdings in der denkbar schönsten Art und Weise: "Tolkien" zeigt, wie der Autor die legendären Anfangszeilen seines ersten Romans "Der Hobbit" zu Papier bringt.

Parallelen zwischen Autor und Werk

J.R.R. Tolkien selbst verwehrte sich zwar zeitlebens einer historischen oder biografischen Deutung seiner Erzählungen, doch es ist klar, dass seine Kunst die Erfahrungen reflektierte, die er im Laufe seines Lebens sammelte. Dies ist auch die narrative Grundannahme von Karukoskis Film. So erinnert die Männer-Gemeinschaft von Tolkien und seinen Freunden an das Hobbit-Quartett aus Frodo, Sam, Pippin und Merry. Und es verwundert nicht, dass der Regisseur seinen fiebrigen Helden inmitten der Barbarei auf dem Schlachtfeld Drachen, Ritter und geisterhafte Gestalten imaginieren lässt.

Auch wenn diese Rückschlüsse auf Tolkiens Kriegserlebnisse etwas plakativ und suggestiv anmuten: Wenn der junge Offizier schemenhaften Wesen gegenübersteht, die an den Unhold Sauron und seine Getreuen gemahnen oder die zerstörerische Kraft von Flammenwerfern mit feuerspeienden Drachen assoziiert wird, dann sitzt man mit Gänsehaut im Kinosessel.

Was den Film neben den visuellen Highlights besonders ansprechend macht, ist die Verdichtung auf die zahlreichen Konflikte im Laufe von Tolkiens Werdegang. So muss er sich zwischen der Liebe seines Lebens und einer akademischen Laufbahn entscheiden, einige Jahre später steht dann wiederum seine berufliche Zukunft auf dem Spiel. Obwohl man ahnt oder sogar weiß, dass alles gut für ihn ausgehen wird, fiebert man dennoch mit – dem starken Drehbuch sei Dank. Auch für große Emotionen ist Platz, denn das Herzstück des Films ist die berührende Romanze zwischen Tolkien und seiner großen Liebe Edith, die von Lily Collins ("Spieglein, Spieglein") exzellent verkörpert wird.

Sicher, man ertappt sich oftmals bei der Frage, ob sich all das tatsächlich so abgespielt hat. Doch "Tolkien" ist kein Dokumentarfilm, sondern eine Filmbiografie. Eine Fiktionalisierung und Zuspitzung realer historischer Ereignisse ist nahezu unabdingbar. So ergibt sich eine interessante Parallele: Nicht nur Tolkien selbst musste lernen, dass es beim Schreiben um mehr geht als um die simple Aneinanderreihung wohlklingender Wörter; auch die Filmemacher haben sich kreative Wege überlegt, um dem Publikum mehr zu präsentieren als eine stumpfe Abfolge biografischer Fakten. Denn nur so können Wörter wie Szenen mit Sinn und Leben gefüllt werden – und mit Magie. Was nun stimmt oder nicht, ist im Endeffekt also gar nicht zwingend relevant. Denn letztendlich wartet "Tolkien" mit einer so schlichten wie klugen Erkenntnis auf: Kunst entsteht nicht im Vakuum.


Quelle: teleschau – der Mediendienst

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