Inszeniert sich gerne selbst: Birol Ünel
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Birol Ünel

Lesermeinung
Geboren
18.08.1961 in Silifke, Mersin, Türkei
Gestorben
03.09.2020 in Berlin
Sternzeichen
Biografie

Obwohl er schon seit 1988 auf der Kinoleinwand zu sehen war, machte ihn erst die Rolle in "Gegen die Wand" (2004), für die er den Deutschen Filmpreis erhielt, schlagartig bekannt. Doch mit dem Erfolg von Fatih Akins Drama kamen die Rollenangebote nicht en gros. Eher setzte die gegenteilige Entwicklung ein. Gerüchte und vorgefertigte Meinungen, die auf Vorurteilen gründen, sorgten dafür, dass er nur wenige Rollenangebote erhielt und dass seine Karriere nicht den erwarteten Sprung machte.

Wenn man Fatih Akin und anderen Regisseuren Glauben schenken darf, dann war es nicht einfach, mit Birol Ünel zu arbeiten. Er, dem es meisterhaft gelang, das Dämonische vor der Kamera auszuleben, besaß dieses Dämonische auch in sich selbst. Er warein Chaot, der sich nicht an Termine oder Regeln hielt - und trotzdem (oder gerade deshalb) als genialer Schauspieler galt, beliebt und begehrt war. Hinter der aggressiven Hülle verbarg sich Empfindlichkeit und Schwäche, er galt als zärtlicher Rebell. Dass er beim Rebellieren schon mal die Zärtlichkeit vergessen hat, beweist sein Eintrag im Vorstrafenregister. In den Achtzigerjahren schlug er als aktives Mitglied der autonomen Szene Hannovers einen Neonazi zusammen.

Blieb seinem Ruf treu

Nach mehr als 60 Film- und TV-Auftritten genoss er den Ruf schwierig zu sein, und sorgte dafür, dass er diesem Ruf treu blieb. Er war ein Hitzkopf und hatte das unglaubliche Talent, seine Meinung direkt zu äußern, eckte damit an und liebte die Provokation. Er inszenierte sich selbst. Wenn er aus seiner Jugend erzählte oder Anekdoten aus seiner langjährigen Karriere von sich gab, dann schmückte er die Tatsachen unterhaltend aus. Er war nicht der Darsteller, der etwas zur Schau stellen möchte. Er wollte mit seinen Rollen Geschichten erzählen und das machte er auch im wirklichen Leben. Wo hört der Mensch Birol Ünel auf, wo fängt die Rolle an?

Seit seinem siebten Lebensjahr wohnte er, der zuvor bei seiner Großmutter in der Türkei aufwuchs, in Deutschland. Sein Türkisch war nicht perfekt, eher sprach er ein gepflegtes Norddeutsch. Sein Handwerk lernte Birol Ünel an der Hochschule für Musik und Theater in Hannover und besuchte dort unter anderem mit Matthias Brandt und Ulrike Folkerts eine Klasse. Schon während der Ausbildung zeigte sich eine gewisse Unzuverlässigkeit und von Beginn an gab es Menschen, die ihn trotzdem unterstützten. Gleichzeitig zeigte sich sein Talent, das Pure und Authentische zu zeigen, womit er seinen Schauspiellehrer Peter Hommen überzeugte, der sich von dem Darsteller vollkommen begeistert zeigte. Auch von ihm erhielt Birol Ünel, trotz einiger anfänglicher Schwierigkeiten, die volle Unterstützung. Und auch später war Peter Hommen voll des Lobes, wenn die Sprache auf seinen ehemaligen Schüler kam.

Bei einem Mann, der ein so intensives Leben lebte, vergisst man leicht, dass das Spiel vor der Kamera und auf der Bühne, die eigentliche Kunst ist, die man im Auge behalten sollte. Da verwundert es überhaupt nicht, dass sich gerade in seinem größten Erfolg, als Alkoholiker Cahit in "Gegen die Wand", so viele Gemeinsamkeiten zu seinem wirklichen Leben finden lassen. Eine gescheiterte Existenz, die versucht in den Selbstmord zu flüchten und auch das nicht auf die Reihe bekommt. Zwischen Rolle und Protagonist - soviel ist klar - gibt es viele Verbindungen. Unter anderem das Gefühl weder Deutscher noch Türke zu sein und sich schon gar nicht als "Vorzeigetürke" zu eignen. Dass Birol Ünel Schubladendenken ein Greuel war, zeigte er schon zu Beginn seiner Karriere, als er von einer Schauspielagentur in die "Ausländerkartei" gesteckt wurde und entsprechend wütend reagierte. Zwar hatte er kein Problem damit, einen Türken zu spielen, doch ging es ihm in erster Linie um die Geschichte und nicht die Herkunft der Figur. Außerdem sah er sich selber, als Sohn einer Iranerin und eines Aserbaidschaners, eher als multikulturellen Menschen und wünschte sich, dass Deutschland die Chance der multikulturellen Gesellschaft besser nutzt.

1989 verließ Birol Ünel Hannover und zog nach Ost-Berlin. Dort arbeitete er in seinem gelernten Beruf als Parkettleger, baute parallel die Theatergruppe im Tacheles auf, stand Mitte der Neunzigerjahre als Siegfried in Frank Castorfs "Die Nibelungen - Born Bad" auf der Bühne und spielte in Heiner Müllers "Der Bau". Auf der Leinwand folgten nach seinem Kinodebüt in Thomas Braschs "Der Passagier - Welcome to Germany" an der Seite von Tony Curtis kleinere Rollen. Meist wurde er stereotyp als zwielichtiger Kerl besetzt. Bevor er mehrere Jahre lang mehr oder weniger zu einem charakterlosen Darsteller in TV-Serien wie "Tierarzt Dr. Engel", "SK Babies" und "Balko" deklassiert wurde, sah man Birol Ünel noch in Andy Bauschs "A Wopbobaloobop a Lopbamboom" (1989), ein film noir, der bei den Europäischen Filmfestspielen einen Nachwuchspreis erhiel. Birol Ünel spielte einen jungen Frauenheld, der gerade aus dem Gefängnis entlassen wird. Bei den Dreharbeiten bewies er, dass er einen schwierigen Charakter besaß und eckte mehrfach mit dem Regisseur an.

1997 suchte Heinrich Breloer die Idealbesetzung für die Rolle eines palästinensischen Terroristen für sein Dokumentarspiel "Todesspiel" und fand sie mit Birol Ünel. Auch bei diesen Dreharbeiten entwickelte er sich zum unberechenbaren Faktor. Sein Spiel war intensiv und emotional, erneut steckte er viel seiner eigenen Persönlichkeit in die Rolle. Doch ganz gleich, wie schwierig die Dreharbeiten waren, mit seiner Darstellung überzeugte er vollkommen. Mit "Im Juli" kam es 2000 zur ersten gemeinsamen Zusammenarbeit zwischen Fatih Akin und Birol Ünel.

Als die Rollenangebote nach "Gegen die Wand" ausblieben, er offen von Ärger mit den deutschen Filmemachern sprach, zog Birol Ünel nach Frankreich. Im Ausland begegnete man ihm vorurteilsfrei und nahm ihn ganz anders wahr. 2005 stand er für die türkische Krimikomödie "Diebstahl alla Turca" vor der Kamera und 2006 sah man ihn in Tony Gatlifs "Transylvania". Mit "Valerie", "Das Haus der schlafenden Schönen" (beide 2006), "Die Unerzogenen" (2007) und in Bernd Böhlichs "Der Mond und andere Liebhaber" (2008) an der Seite von Katharina Thalbach blieb er aber auch in Deutschland präsent.

Weitere Filme und Serien mit Birol Ünel: "Strafmündig" (1985), "Pseudo", "Ein Fall für zwei" (TV-Serie, beide 1987), "Auf Achse" (TV-Serie, 1992), "Frankie" (1995), "Landgang für Ringo", "Friedemann Brix - Eine Schwäche für Mord" (TV-Serie), "Tatort - Lockvögel" (alle 1996), "Buddies", "Dealer", "Die Straßen von Berlin" (alle 1997), "Tatort - Engelchen flieg", "Der Clown" (TV-Serie), "Frankfurter Kreuz", "Schimanski - Geschwister", "Fremde Freundin", "Auslandstournee" (alle 1998), "Stille Nacht - Heilige Nacht", "Tatort - Offene Rechnung" (beide 1999), "Duell - Enemy at the Gates", "Der Puma - Kämpfer mit Herz" (TV-Serie), "Rotlicht - In der Höhle des Löwen" (alle 2000), "Planet Alex", "Der Fahnder" (TV-Serie), "Anam", "Brombeerchen" (alle 2001), "Inspektor Rolle - Staatsgeheimnis" (TV-Serie), "Alarm für Cobra 11 - Die Autobahnpolizei" (TV-Serie, beide 2002), "Tatort - Schattenlos", "Der Gestohlene Mond" (beide 2003), "Not a Lovestory", "König der Diebe", "Kalbin zamani" (alle 2004), "Sous les toits de Paris", "Krimi.de Erfurt" (TV-Serie, beide 2007), "Soul Kitchen" (2009), "Ich bin dann mal weg" (2015).

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