Birol Ünel

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Inszeniert sich gerne selbst: Birol Ünel
Fotoquelle: Prometheus72/shutterstock.com
Birol Ünel
Geboren: 18.08.1961 in Silifke, Mersin, Türkei

Obwohl er schon seit 1988 auf der Kinoleinwand zu sehen ist, macht ihn erst die Rolle in "Gegen die Wand" (2004), für die er den Deutschen Filmpreis erhält, schlagartig bekannt. Doch mit dem Erfolg von Fatih Akins Drama kommen die Rollenangebote nicht en gros. Eher setzt die gegenteilige Entwicklung ein. Gerüchte und vorgefertigte Meinungen, die auf Vorurteilen gründen, sorgen dafür, dass er nur wenige Rollenangebote erhält und dass seine Karriere nicht den erwarteten Sprung macht.

Wenn man Fatih Akin und anderen Regisseuren Glauben schenken darf, dann ist es nicht einfach, mit Birol Ünel zu arbeiten. Er, dem es meisterhaft gelingt, das Dämonische vor der Kamera auszuleben, besitzt dieses Dämonische auch in sich selbst. Er ist ein Chaot, der sich nicht an Termine oder Regeln hält - und trotzdem (oder gerade deshalb) als genialer Schauspieler gilt, beliebt und begehrt ist. Hinter der aggressiven Hülle verbirgt sich Empfindlichkeit und Schwäche, er gilt als zärtlicher Rebell. Dass er beim Rebellieren schon mal die Zärtlichkeit vergessen hat, beweist sein Eintrag im Vorstrafenregister. In den Achtzigerjahren schlug er als aktives Mitglied der autonomen Szene Hannovers einen Neonazi zusammen.

Bleibt seinem Ruf treu

Nach mehr als 60 Film- und TV-Auftritten genießt er den Ruf schwierig zu sein, und sorgt dafür, dass er diesem Ruf treu bleibt. Er ist ein Hitzkopf und hat das unglaubliche Talent, seine Meinung direkt zu äußern, eckt damit an und liebt die Provokation. Er inszeniert sich selbst. Wenn er aus seiner Jugend erzählt oder Anekdoten aus seiner langjährigen Karriere von sich gibt, dann schmückt er die Tatsachen unterhaltend aus. Er ist nicht der Darsteller, der etwas zur Schau stellen möchte. Er will mit seinen Rollen Geschichten erzählen und das macht er auch im wirklichen Leben. Wo hört der Mensch Birol Ünel auf, wo fängt die Rolle an?

Seit seinem siebten Lebensjahr wohnt er, der zuvor bei seiner Großmutter in der Türkei aufwuchs, in Deutschland. Sein Türkisch ist nicht perfekt, eher spricht er ein gepflegtes Norddeutsch. Sein Handwerk lernt Birol Ünel an der Hochschule für Musik und Theater in Hannover und besucht dort unter anderem mit Matthias Brandt und Ulrike Folkerts eine Klasse. Schon während der Ausbildung zeigt sich eine gewisse Unzuverlässigkeit und von Beginn an gibt es Menschen, die ihn trotzdem unterstützen. Gleichzeitig zeigt sich sein Talent, das Pure und Authentische zu zeigen, womit er seinen Schauspiellehrer Peter Hommen überzeugt, der sich von dem Darsteller vollkommen begeistert zeigt. Auch von ihm erhält Birol Ünel, trotz einiger anfänglicher Schwierigkeiten, die volle Unterstützung. Und auch später ist Peter Hommen voll des Lobes, wenn die Sprache auf seinen ehemaligen Schüler kommt.

Bei einem Mann, der ein so intensives Leben lebt, vergisst man leicht, dass das Spiel vor der Kamera und auf der Bühne, die eigentliche Kunst ist, die man im Auge behalten sollte. Da verwundert es überhaupt nicht, dass sich gerade in seinem größten Erfolg, als Alkoholiker Cahit in "Gegen die Wand", so viele Gemeinsamkeiten zu seinem wirklichen Leben finden lassen. Eine gescheiterte Existenz, die versucht in den Selbstmord zu flüchten und auch das nicht auf die Reihe bekommt. Zwischen Rolle und Protagonist - soviel ist klar - gibt es viele Verbindungen. Unter anderem das Gefühl weder Deutscher noch Türke zu sein und sich schon gar nicht als "Vorzeigetürke" zu eignen. Dass Birol Ünel Schubladendenken ein Greuel ist, zeigt er schon zu Beginn seiner Karriere, als er von einer Schauspielagentur in die "Ausländerkartei" gesteckt wird und entsprechend wütend reagiert. Zwar hat er kein Problem damit, einen Türken zu spielen, doch geht es ihm in erster Linie um die Geschichte und nicht die Herkunft der Figur. Außerdem sieht er sich selber, als Sohn einer Iranerin und eines Aserbaidschaners, eher als multikulturellen Menschen und wünscht sich, dass Deutschland die Chance der multikulturellen Gesellschaft besser nutzt.

1989 verlässt Birol Ünel Hannover und zieht nach Ost-Berlin. Dort arbeitet er in seinem gelernten Beruf als Parkettleger, baut parallel die Theatergruppe im Tacheles auf, steht Mitte der Neunzigerjahre als Siegfried in Frank Castorfs "Die Nibelungen - Born Bad" auf der Bühne und spielt in Heiner Müllers "Der Bau". Auf der Leinwand folgen nach seinem Kinodebüt in Thomas Braschs "Der Passagier - Welcome to Germany" an der Seite von Tony Curtis kleinere Rollen. Meist wird er stereotyp als zwielichtiger Kerl besetzt. Bevor er mehrere Jahre lang mehr oder weniger zu einem charakterlosen Darsteller in TV-Serien wie "Tierarzt Dr. Engel", "SK Babies" und "Balko" deklassiert wird, sieht man Birol Ünel noch in Andy Bauschs "A Wopbobaloobop a Lopbamboom" (1989), ein film noir, der bei den Europäischen Filmfestspielen einen Nachwuchspreis erhält. Birol Ünel spielt einen jungen Frauenheld, der gerade aus dem Gefängnis entlassen wird. Bei den Dreharbeiten beweist er, dass er einen schwierigen Charakter besitzt und eckt mehrfach mit dem Regisseur an.

1997 sucht Heinrich Breloer die Idealbesetzung für die Rolle eines palästinensischen Terroristen für sein Dokumentarspiel "Todesspiel" und findet sie mit Birol Ünel. Auch bei diesen Dreharbeiten entwickelt er sich zum unberechenbaren Faktor. Sein Spiel ist intensiv und emotional, erneut steckt er viel seiner eigenen Persönlichkeit in die Rolle. Doch ganz gleich, wie schwierig die Dreharbeiten sind, mit seiner Darstellung überzeugt er vollkommen. Mit "Im Juli" kommt es 2000 zur ersten gemeinsamen Zusammenarbeit zwischen Fatih Akin und Birol Ünel.

Als die Rollenangebote nach "Gegen die Wand" ausbleiben, er offen von Ärger mit den deutschen Filmemachern spricht, zieht Birol Ünel nach Frankreich. Im Ausland begegnet man ihm vorurteilsfrei und nimmt ihn ganz anders wahr. 2005 steht er für die türkische Krimikomödie "Diebstahl alla Turca" vor der Kamera und 2006 sieht man ihn in Tony Gatlifs "Transylvania". Mit "Valerie", "Das Haus der schlafenden Schönen" (beide 2006), "Die Unerzogenen" (2007) und in Bernd Böhlichs "Der Mond und andere Liebhaber" (2008) an der Seite von Katharina Thalbach bleibt er aber auch in Deutschland präsent.

Weitere Filme und Serien mit Birol Ünel: "Strafmündig" (1985), "Pseudo", "Ein Fall für zwei" (TV-Serie, beide 1987), "Auf Achse" (TV-Serie, 1992), "Frankie" (1995), "Landgang für Ringo", "Friedemann Brix - Eine Schwäche für Mord" (TV-Serie), "Tatort - Lockvögel" (alle 1996), "Buddies", "Dealer", "Die Straßen von Berlin" (alle 1997), "Tatort - Engelchen flieg", "Der Clown" (TV-Serie), "Frankfurter Kreuz", "Schimanski - Geschwister", "Fremde Freundin", "Auslandstournee" (alle 1998), "Stille Nacht - Heilige Nacht", "Tatort - Offene Rechnung" (beide 1999), "Duell - Enemy at the Gates", "Der Puma - Kämpfer mit Herz" (TV-Serie), "Rotlicht - In der Höhle des Löwen" (alle 2000), "Planet Alex", "Der Fahnder" (TV-Serie), "Anam", "Brombeerchen" (alle 2001), "Inspektor Rolle - Staatsgeheimnis" (TV-Serie), "Alarm für Cobra 11 - Die Autobahnpolizei" (TV-Serie, beide 2002), "Tatort - Schattenlos", "Der Gestohlene Mond" (beide 2003), "Not a Lovestory", "König der Diebe", "Kalbin zamani" (alle 2004), "Sous les toits de Paris", "Krimi.de Erfurt" (TV-Serie, beide 2007), "Soul Kitchen" (2009), "Ich bin dann mal weg" (2015).


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