Der Neue: Ryan Gosling übernimmt als Blade Runner den Staffelstab von Harrison Ford.
Mit "Blade Runner 2049" gelang Denis Villeneuve eine treffliche Fortsetzung von Ridley Scotts Sci-Fi-Klassiker.

Blade Runner 2049

KINOSTART: 05.10.2017 • Science Fiction • USA (2017) • 163 MINUTEN
Lesermeinung
prisma-Redaktion
Originaltitel
Blade Runner 2049
Produktionsdatum
2017
Produktionsland
USA
Filmstudio
Alcon Entertainment, Columbia Pictures, Scott Free Productions, Bud Yorkin Productions, Torridon Films, 16:14 Entertainment
Budget
150.000.000 USD
Einspielergebnis
259.239.658 USD
Laufzeit
163 Minuten
Regie
Denis Villeneuve
Music
Hans Zimmer, Benjamin Wallfisch
Kamera
Roger Deakins, Imre Juhász, László Bille, Ádám Fillenz, Gusztáv Kirsch, Stephen Vaughan, Steve Unwin

Filmkritik

Was ist menschlich?
von Christopher Diekhaus

Regisseur Denis Villeneuve liefert mit Blade Runner 2049, der lange erwarteten Fortsetzung zu Ridley Scotts Science-Fiction-Klassiker von 1982, überwältigende wie stimmungsvolle Bilder. Vor allem Kameramann Roger Deakins hätte dafür endlich einen Oscar verdient.

Kann man einen Film besprechen, ohne Handlungselemente zu erwähnen? Eher nicht. Rezensionen brauchen konkrete Ansatzpunkte. Sind auf grobe Beschreibungen von Szenen und Entwicklungen angewiesen, die dem Leser die Argumentation des Kritikers vor Augen führen. Seine Sicht verständlich machen. Und allzu abstraktes Geschwurbel unterbinden. Insofern ist es schwierig, der Bitte nachzukommen, die Regisseur Denis Villeneuve bei den Pressevorführungen zu "Blade Runner 2049" über einen kurzen Vorabtext an die Journalisten richtete: Plot-Details sollten grundsätzlich nicht verraten werden, damit der Zuschauer den Film in vollen Zügen genießen könne.

Zentrale Wendungen und Überraschungen spielen im Folgenden selbstverständlich keine Rolle. Kleine Hinweise zum Inhalt sind aber doch erlaubt, um einen Rahmen abzustecken und nicht zuletzt Bezüge zu Ridley Scotts Science-Fiction-Klassiker "Blade Runner" herzustellen, der das Genre mit seiner originellen Optik revolutionierte. Zeigte das visionäre Ursprungswerk eine düstere, regenverhangene Zukunft im Jahr 2019, springt Villeneuves Fortsetzung drei Dekaden weiter.

Ryan Gosling trifft auf Harrison Ford

Auch 2049 präsentiert sich Los Angeles als übervölkerter, multi-ethnischer Moloch, der von finsteren Häuserschluchten und gigantischen Werbeflächen dominiert wird. Eine wenig lebenswerte Stadt, in der der Polizeibeamte K (Ryan Gosling), ein sogenannter Blade Runner, alte Replikanten jagt – künstliche Menschen, die schon vor langer Zeit aus dem Verkehr gezogen werden sollten, sich aber rechtzeitig in Sicherheit bringen konnten. Als der LAPD-Agent einen solchen Androiden auf einer abgelegenen Farm tötet, macht er durch Zufall eine gefährliche Entdeckung und erhält von seiner Vorgesetzten Joshi (resolut: Robin Wright) nur wenig später einen brisanten Ermittlungsauftrag. Dieser führt ihn auf die Spur des früheren Blade Runners Rick Deckard (Harrison Ford), der vor 30 Jahren verschwand.

Oberflächlich betrachtet, erzählt der Nachfolger zu Scotts 80er-Jahre-Meisterwerk eine klassische Detektivgeschichte. K, den Ryan Gosling betont grüblerisch verkörpert, muss eine bestimmte Person aufspüren und klappert dazu unterschiedliche Anlaufstellen ab, während im Hintergrund der einflussreiche Niander Wallace (unheimlich: Jared Leto) mithilfe seiner Handlangerin Luv (einprägsam: Sylvia Hoeks) eigene, unheilvolle Pläne verfolgt. Ähnlich wie im ersten Film dient das Handlungsgerüst vor allem als Aufhänger für eine existenzielle Reise, die sich mit den Fragen nach dem Menschsein und den Sehnsüchten der geächteten Replikanten befasst.

Statt temporeicher Sci-Fi-Action bevorzugen Villeneuve und das Drehbuchgespann Hampton Fancher (war schon am Skript des Vorgängers beteiligt) und Michael Green einen entschleunigten Erzählrhythmus, der die melancholische Grundstimmung verstärkt. Manche Dialoge werden bis zum Äußersten gedehnt. Stellenweise verleiht die Musik dem Geschehen einen regelrecht hypnotischen Anstrich. Und immer wieder biegen die Macher vom eigentlichen Ermittlungsstrang ab, um das spannende Verhältnis zwischen K und seiner Freundin Joi (Ana de Armas) zu ergründen: einer Unterhaltungssoftware, die als Hologramm in Erscheinung tritt.

Ein Film mit spektakulären Schauwerten

Bei aller Freude über die Abkehr vom üblichen Blockbuster-Krawall wird man in manchen Momenten das Gefühl nicht los, dass sich Villeneuve etwas zu sehr in seinen meditativen Ansatz verliebt hat. Hier und da hätte es wahrscheinlich nicht geschadet, das Tempo ein wenig anzuziehen, ohne in hektischen Aktionismus zu verfallen.

Mit "Blade Runner 2049" gelingt es dem frankokanadischen Regisseur nach seiner erfreulich unkonventionellen Science-Fiction-Parabel "Arrival" erneut, einen Film mit spektakulären Schauwerten zu kreieren. Vom Einstieg weg bietet das Klassiker-Sequel überwältigende Bilder von trostlosen Landschaften und einer düster-brodelnden Metropole, deren Bewohner von Konsumangeboten und digitalen Verlockungen umgeben sind.

Besonders in Erinnerung bleiben das minimalistisch gehaltene, aber dennoch wuchtige Hauptquartier des Antagonisten Wallace und die in gelblich-orangen Dunst gehüllten Überreste von Las Vegas. Schon bei Villeneuves ersten Hollywood-Arbeiten "Prisoners" und "Sicario" lieferte Kameralegende Roger Deakins grandiose Impressionen. Mit "Blade Runner 2049" setzt sich der Brite nun die Krone auf und hätte dafür nach 13 erfolglosen Nominierungen endlich eine Oscar-Trophäe verdient.

Quelle: teleschau – der Mediendienst

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