Jahrhundertfrauen

KINOSTART: 18.05.2017 • Drama • USA (2016) • 119 MINUTEN
Lesermeinung
prisma-Redaktion
Originaltitel
20th Century Women
Produktionsdatum
2016
Produktionsland
USA
Filmstudio
Annapurna Pictures, Archer Gray, Modern People
Budget
7.000.000 USD
Einspielergebnis
5.816.211 USD
Laufzeit
119 Minuten
Regie
Mike Mills
Music
Roger Neill
Kamera
Sean Porter, Jason Oldak, Bonnie Osborne, Merrick Morton, Michael Merriman, Gunther Campine
von Florian Blaschke

Wer kann schon von sich sagen, eine Hollywood-reife Familie zu haben? Nicht in dem Sinne, dass sie vor der Kamera bestehen würde, sondern eine Familie, die genügend Stoff liefert für wirklich großartige Filme. Mike Mills, Regisseur und Drehbuchautor, kann das. Und so hat er sich, nachdem er in der Tragikomödie "Beginners" mit Ewan McGregor die Geschichte seines Vaters erzählt hat, jetzt an seine Mutter gewagt und ihr mit "20th Century Women" ein Denkmal gesetzt. Und sich selbst gleich mit.

Ein Denkmal deshalb, weil dieser Film eigentlich nur eine einzige nennenswerte Schwäche hat: den deutschen Titel. Während "20th Century Women" wörtlich übersetzt "Frauen des 20. Jahrhunderts" heißt, hat Mills Streifen hierzulande den anmaßenden, nach Hera Lind klingenden Titel "Jahrhundertfrauen" bekommen. Unnötig, aber Schwamm drüber. Alles andere an diesem Film ist hinreißend.

Beginnen wir mit dem Cast: Die umwerfende Annette Bening spielt die 55 Jahre alte Dorothea, die im Kalifornien des Jahres 1979 versucht, ihren Sohn Jamie (Lucas Jade Zumann) großzuziehen. Alleinerziehend. Eine Rolle, in der Bening aufgeht und die sie mit unbändigem Leben füllt, mit kleinen Gesten, die ihre Unsicherheit demonstrieren, mit einer Mimik zwischen dem Selbstbewusstsein eines stolzen, selbstbewussten Menschen, in dem dennoch die ganze Zeit der Zweifel rumort, und mit Blicken, in denen die ganze Geschichte ihres Lebens liegt, von der Geburt 1924 bis zu ihrem Tod 1999, dem Jahr, an dem sie an Lungenkrebs sterben wird, wie sie dem Zuschauer verrät.

Wie kann man einen Jungen zum Mann erziehen, wenn kein Vater da ist?

Womit wir schon beim nächsten Punkt wären, der diesen Film so einzigartig macht: der Erzählweise. Denn eigentlich ist "Jahrhundertfrauen" gar kein klassischer Spielfilm. Immer wieder verlässt Mike Mills dieses Genre, in dem er aneinandergereihte dokumentarische Schnipsel einfügt, die dem Zuschauer etwas über die Zeiten erzählen, die für die Figuren wichtig waren oder sind, in dem er seine Protagonisten einander in Kurzbiografien vorstellen lässt oder indem er Alltagsgegenstände aus ihrem Besitz vorstellt, in Fotografien, in etwa so wie Dorotheas Mitbewohnerin Abbie (Greta Gerwig) versucht, ihr Leben und das Leben der anderen in Fotos festzuhalten.

Drei der fünf wichtigen Rollen sind damit schon vorgestellt. Blieben noch Jamies beste Freundin Julie (Elle Fanning), ein sensibler Teenager, der auf der einen Seite von seiner Mutter ständig in die von ihr selbst geleitete Selbsthilfegruppe gezwungen wird, auf der anderen Seite aber gerade entdeckt, was das Leben so alles zu bieten hat. Sex vor allem. Aber auch Rollenbilder. Und dann wäre da noch William (Billy Crudup), der ebenfalls bei Dorothea wohnt und vor allem damit beschäftigt ist, das Haus zu renovieren.

Nun ist Jahrhundertfrauen, wie eingangs erwähnt, ein Film über Mills Mutter. Man könnte also annehmen, Annette Bening spiele die Hauptrolle, und in gewisser Weise ist das auch so. Und doch steht in der Geschichte, die Mills erzählt, der 14-jährige Jamie im Mittelpunkt. Und die Frage, die sich seine Mutter die ganze Zeit stellt: Wie kann man einen Jungen zum Mann erziehen, wenn kein Vater da ist? Und: Wie wird aus diesem Mann ein Mensch, dem Gleichberechtigung und andere wichtige Werte dieser Zeit etwas bedeuten?

Um hier nicht auf sich allein gestellt zu sein, holt sich Dorothea eben jene beiden schon erwähnten Frauen mit ins Boot: Abbie und Julie. Sie bittet Dorothea, ihr bei der Aufgabe zu helfen, Jamie ein wenig an die Hand zu nehmen, ihm etwas von ihren Erfahrungen und ihrer Haltung mit auf den Weg zu geben. Und so unterschiedlich die beiden sind, so unterschiedlich fallen auch die Ergebnisse aus: die eigensinnige, emanzipierte und immer leicht nervöse Abbie auf der einen und die dezent lolitahafte, suchende und ein wenig in Jamie verschossene Julie auf der anderen Seite.

Ein Film wie eine kleine, gesellschaftshistorische Ausstellung

Jamie versucht mit alledem, das da auf ihn einprasselt, irgendwie fertig zu werden und das, was ihm die Frauen raten, auch anzunehmen. Und in den Momenten, in denen er das tut, ist Jahrhundertfrauen am besten. Wenn er von einer Prügelei nach Hause kommt, Dorothea ihm das geschundene Gesicht verarztet, nach dem Grund für den Streit fragt und Jamie antwortet: "Klitorale Stimulation", dann steckt in dieser kurzen Sequenz schon fast das ganze Geheimnis dieses Films: Es ist ein feministischer Film, von einem Mann geschrieben und gedreht, der den Feminismus ernst nimmt und für wichtig hält, der gleichzeit aber auch den Humor nicht scheut, manchmal subtil, manchmal etwas vordergründiger, und der bis heute wichtige Fragen aufwirft: nach Gleichberechtigung, Sexualität, dem weiblichen Körper und gesellschaftspolitischen Themen wie eben dem weiblichen Orgasmus oder der Menstruation und ihrer Wirkung auf den Mann und die Gesellschaft.

Dabei funktioniert Jahrhundertfrauen durch die Mischung an Szenen und den Schnitt wie eine Collage, auf der anderen Seite aber wirkt der Film in manchen Sequenzen auch wie eine kleine, gesellschaftshistorische Ausstellung, in der die Protagonisten vorgestellt werden wie historische Figuren, wie Stellvertreter ihrer Generationen oder bestimmter Archetypen, und in denen ihre Lebensumstände und die Orte und Gegenstände, in denen sie sich bewegen und die sie umgeben, angelegt sind wie Ausstellungsobjekte.

Dass Jahrhundertfrauen in Deutschland ausgerechnet am Donnerstag nach dem Muttertag startet, mag Zufall sein. Doch einen passenderen Zeitpunkt hätte sich der Verleih nicht aussuchen können. Dieser warmherzige, manchmal bissige, im Umgang mit seinen Figuren respektvolle und in Bildern, Musik und den Dialogen so anrührende und nachhaltig emotionale Film zeigt nämlich vor allem eins: Mike Mills verehrt seine Mutter. Und Annette Bening zeigt uns, warum die 70er-Jahre und eine Rolle wie die der Dorothea auch heute noch wichtig sind und diskutiert werden sollten. Und: Warum dieser Film es verdient hätte, ein Kassenschlager zu werden.

Darsteller

Macht sich rar auf der Leinwand: Hollywood-Schauspielerin Annette Bening
Annette Bening
Auf der Karriereleiter geht's aufwärts: Billy Crudup.  
Billy Crudup
Steht bereits seit (Klein-)Kindertagen vor der Kamera: Elle Fanning.
Elle Fanning
Multitalent: Greta Gerwig
Greta Gerwig
Weitere Darsteller
Lucas Jade Zumann Alison Elliott Thea Gill Vitaly Andrew LeBeau Olivia Hone Waleed Zuaiter Curran Walters Darrell Britt-Gibson Alia Shawkat Nathalie Love Cameron Protzman Victoria Bruno John Billingsley Cameron Gellman Finnegan Seeker Bell Zoë Nanos Lauren Foley Gareth Williams J. Francisco Rodriguez Zoë Worth Finn Roberts Laura Slade Wiggins Rick Gifford Paul Tigue Matthew Foster Kirk Bovill Victoria Hoffman Christina Offley Randy Ryan Diana Bostan Toni Gaal Tanya Young Hans-Peter Thomas Kai Lennox Paul Messinger Eric Wentz Samantha Gros Britt Sanborn Alexis Milan Turner Catherine Zelinsky Boyce Buchanan Kyle Olivia Green Sam Marsh Antonia Marie Vivino Sara Pelayo Annabelle Lee Avi Boyko Tyler Leyva Cameron Simon Jesse Sanes Sam Bosson Ian Logan Patrick Pastor Trent Bowman Justin Rivera Desmond Shepherd Joshua Burge Daniel Dorr Christopher Carroll Hayden Gold Alex Wexo Pete Mason Padraic Cassidy Matthew Cardarople Toni Christopher Jacob Peacock Casey Burke

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