Mit ihm fängt alles an: Ein Mann (Jan-Eje Ferling) wird vom Neid verzehrt, weil er glaubt, sein Schulkamerad denke, er sei etwas Besseres. Kurz danach reißt die Einkaufstüte.
Verwirrt, verloren, verlebt: Roy Andersson geht in "Über die Unendlichkeit" existenziellen Fragen nach und findet heiter-melancholische Antwortmöglichkeiten.

Über die Unendlichkeit

KINOSTART: 17.09.2020 • Drama • S / D / N (2019) • 77 MINUTEN
Lesermeinung
prisma-Redaktion
Originaltitel
Om det oändliga
Produktionsdatum
2019
Produktionsland
S / D / N
Budget
4.700.000 USD
Einspielergebnis
434.977 USD
Laufzeit
77 Minuten

Filmkritik

Tristesse im Führerbunker
Von Andreas Fischer

Roy Andersson entdeckt in den Grausamkeiten des Lebens eine ganz eigene Poesie und lässt ein Dutzend merkwürdiger Gestalten "Über die Unendlichkeit" sinnieren.

Künstlich ist die Welt, aber sie ist die unsere: Dazu hat sie der schwedische Filmemacher Roy Andersson in seinen Filmen "Songs From The Second Floor" (2000), "Das jüngste Gewitter" (2007) und dem Venedig-Gewinner "Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach" (2014) gemacht. Im vierten Teil seiner Trilogie – nach Anderssons eigener Zählweise – ist das nicht anders. "Über die Unendlichkeit" nennt er seine neue Reflexion über das Wesen des Menschen treffend und lässt seine vom Dasein verschütteten Figuren in artifiziellen Tableaus über das Leben und alles, was dazugehört, nachdenken.

Ein schnaufender Alter lamentiert über einen erfolgreichen Schulfreund, der nicht mal mehr grüßt. Ein Mann versteckt all seine Habseligkeiten unter der Matratze, weil die Banken nichts taugen. Ein Priester alpträumt von seiner eigenen Kreuzigung, wird aber vom Psychiater unsanft aus der Praxis geworden, weil der noch einen Bus erwischen muss. Ein älteres Paar fummelt vor dem Grab des Sohnes einen Blumenstrauß aus der so gar nicht frustfreien Verpackung.

Mal makaber, mal drollig, mal verstörend schleppen bleich geschminkte Menschen ihre Ängste durch die Tage. Unzufrieden und verunsichert, müde von ihrer Existenz, wirken sie aus Raum und Zeit gefallen. Was sie aber gar nicht sind. Auch wenn die Farben fehlen in Anderssons monochromer Welt, die er wie in seinen vorangegangenen Filmen als Gemälde inszenierte, die er mit aberwitziger Detailversessenheit durchkomponiert hat und in denen sich nun Menschen zurechtfinden müssen, die jegliche Orientierung verloren haben.

Man wandelt durch eine Galerie der absurden Alltäglichkeiten, die lose Bezug aufeinander nehmen: Eine Frau wartet am Bahnhof, wird aber nicht abgeholt, und Adolf Hitler ist in seinem Bunker auch nicht sehr fröhlich. Und dann ist da ja noch die Frage, ob man öffentlich traurig sein darf und andere Menschen mit seinen Tränen belästigen. Oder sollte man seinen Gefühlen nur heimlich in den eigenen vier Wänden nachgeben? Darüber diskutieren die Passagiere in einem Bus, der deswegen nicht vorankommt.

Die Menschen in Anderssons Kinokosmos haben alle etwas verloren, einen Sohn, den Glauben, Träume. Ihre poetische Sinnsuche, ist aber gar nicht so hoffnungslos, wie sie auf den ersten Blick scheint. Auch wenn Roy Andersson ein Meister der Tristesse ist. Die aber ist vor allem kunstvoll inszeniert und lässt Raum für eigene Gedanken – und für ein Liebespaar, das über den Trümmern einer zerbombten Stadt schwebt und weiß, dass es unzerstörbar ist.

Das Leben nämlich lässt sich trotz aller ihm innewohnenden Vergeblichkeiten nicht unterkriegen. Es ist schön. Davon zeugt "Über die Unendlichkeit" – so zärtlich und traurig, so einfühlsam und hintergründig wie es nur Roy Andersson erzählen kann, der seine mal schillernden, mal entrückten Vignetten von einer Erzählstimme aus dem Off verknüpfen lässt. Er hat sich dafür Scheherazade zum Vorbild genommen, jene Märchenerzählerin aus dem Orient, für die "Tausendundeine Nacht" lang Geschichten zu erzählen eine pure Überlebensstrategie war.

Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH

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