Andrea Berntzen übernimmt die Hauptrolle der 18-jährigen Kaja.
Erik Poppes Drama "Utøya 22. Juli" erzählt von dem Massaker, bei dem Anders Breivik 2011 in Norwegen 69 Jugendliche ermordete.

Utoya 22. Juli

KINOSTART: 20.09.2018 • Drama • N (2018) • 98 MINUTEN
Lesermeinung
prisma-Redaktion
Originaltitel
Utøya 22. Juli
Produktionsdatum
2018
Produktionsland
N
Budget
688.960 USD
Laufzeit
98 Minuten
Regie

Filmkritik

Kann Horror zu real sein?
Von Maximilian Haase

Erik Poppe verfilmt mit "Utøya 22. Juli" in Echtzeit das Massaker, bei dem Anders Breivik 2011 in Norwegen 69 Jugendliche ermordete. Ob durch den Film die Empathie für die Opfer steigt oder der Voyeurismus bedient wird, muss jeder Zuschauer am Ende selbst für sich entscheiden.

Zweimal nur sieht man ihn in diesem Film, unscharf und verwackelt aus der Ferne, einem todbringenden Teufel ähnlich, anonym und unbegreiflich. Die Rede ist von Anders Breivik, jenem Rechtsextremen, der am 22. Juli 2011 bei einem Feriencamp der sozialdemokratischen Arbeiterpartei auf der norwegischen Insel Utøya ein blutiges Massaker verübte. Ideologisch aufgepeitscht und ausgestattet mit wahnhaftem Hass auf alles Linke und Fremde, richtete dieser Massenmörder 69 vor allem jugendliche Menschen brutal hin. Die Bestialität dieser Tat ohne dokumentarische oder kommentierende Ergänzung auf die Leinwand zu bringen – dies versuchte Erik Poppe mit seinem in Echtzeit erzählten Drama "Utøya 22. Juli", das auf der diesjährigen Berlinale Premiere feierte. Ein Wagnis zwischen Schock, Empathie und Zynismus.

Wie vom real existierenden Horror erzählen? Seit Jahrzehnten wird diese Frage auch im Film immer wieder aufgeworfen, vom Holocaust-Drama bis zum Kriegsthriller. Nicht selten behilft man sich mit dokumentarischer Einordnung, mit erklärenden Passagen, mit viel Dialog. Nicht so der norwegische Regisseur Erik Poppe, der sich in seinem kontrovers diskutierten Drama dem größten Alptraum seines Heimatlandes, den Anschlägen vom 22. Juli 2011, auf polarisierende Weise nähert.

Erzählt wird der Angriff Anders Breiviks, dessen Name im Film nicht ein einziges Mal fällt, aus Sicht der ahnungslosen Opfer, die sich für einige Tage zum Zelten 30 Kilometer vor Oslo auf der kleinen Insel Utøya treffen. Hauptprotagonistin ist die 18-jährige Kaja (Andrea Berntzen), die mit ihrer jüngeren Schwester Emilie (Elli Rhiannon Müller Osbourne) und den anderen Jugendlichen anfangs noch über die Geschehnisse in der Hauptstadt diskutiert, die sie über Handy mitbekommen. Am Nachmittag hatte eine Autobombe, ebenfalls gezündet durch Breivik, acht Menschen getötet. Es entspinnen sich kurze politische Debatten – bevor der Horror über die friedliche Insel hereinbricht. Schüsse fallen. Verwirrung herrscht. Dann die pure Angst.

Fortan dominieren in dem sprachlos machenden Film, den Poppe ohne Schnitt in Echtzeit im bekannten Found-Footage-Stil filmt, nur noch markerschütternde Schreie, beklemmende Panik, das angespannte Atmen der Charaktere in Todesangst. Auszuhalten ist das kaum. Die Kamera bleibt nah an Kaja, die verzweifelt versucht, ihre Schwester zu finden, sich im Wald zu verstecken, zu entkommen. Immer wieder sind Schüsse aus allen Richtungen zu hören, immer wieder trifft Kaja auf verängstigte Grüppchen, auf wegrennende Freunde, auf Leichen.

Dass die Figuren fiktiv sind und lediglich auf den verdichteten Erlebnissen der echten Opfer basieren, tut der bisweilen – im positiven wie negativen Sinne – unerträglichen Dramatik des Werks keinen Abbruch. Dafür sorgen das herausragend umgesetzte Kamerawackeln, die gleichsam körperlich wirkende Nähe der fantastisch aufspielenden Hauptdarstellerin, deren Blick mal begleitend, mal eins zu eins eingefangen wird. Vor allem aber ist es das extrem bedrückende Sounddesign, das den Schrecken des Ausweglosen, Unkontrollierbaren derart realistisch einfängt, dass man die beklemmende Atmosphäre auf Utøya tatsächlich annähernd zu begreifen glaubt. Wie man diese fehlende Distanz nun bewertet – das ist der springende Punkt.

Denn ob Poppes Wagnis gelingt, kann in diesem Fall beinahe nur dem subjektiven Empfinden nach entschieden werden: Im besten Fall lässt "Utøya 22. Juli" den Schrecken und die Todesangst jener 72 Minuten derart eindringlich nachvollziehen, dass aus der Identifikation mit den Opfern über den permanenten Schock Empathie erwächst, die einem – trotz fehlender Einordnung – die Brutalität des Faschismus und Menschenhasses klar wie nie vor Augen führt. Im schlechtesten Fall jedoch entspinnt sich für die Zuschauer auf der Leinwand ein fast kontextfreies Found-Footage-Horrorstück, das durch gnadenlosen Voyeurismus in Mark und Bein geht, den heute mehr denn je realen politischen Hintergrund der Tat aber nur als zynische Materialvorlage nutzt.


Quelle: teleschau – der Mediendienst

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