Die junge spanische Novizin Viridiana besucht ihren Onkel Don Jaime auf seinem Gut. Seit seine Frau vor 30 Jahren in der Hochzeitsnacht starb, lebt Don Jaime nur in den Erinnerungen an seine verlorene Liebe. Viridianas verblüffende Ähnlichkeit mit der Toten führt zu einer wahren Obsession. Er will und muss sie zu seiner Frau machen. Als sie ihn abweist, erhängt er sich. Viridiana fühlt sich schuldig an seinem Tod. Um Buße zu tun, holt sie Bettler, Landstreicher und Kranke auf das Gut, das sie und Don Jaimes unehelicher Sohn Jorge geerbt haben. Die Armen beuten Viridianas Mitleid skrupellos aus, feiern im Herrenhaus eine wüste Orgie und versuchen, sie zu vergewaltigen. Desillusioniert und in ihren Vorstellungen von einem tugendhaften Leben gescheitert, sucht Viridiana schließlich Zuflucht in einem Leben mit Jorge.

Radikale Bilder der Konfrontation von christlich motivierter Nächstenliebe mit Armut, Bosheit und Sittenverfall: Ausgerechnet "Viridiana" war der erste Film, den Buñuel überhaupt in seiner spanischen Heimat drehen konnte. Das Drehbuch wurde - in der Franco-Ära! - zwar von der Zensur noch genehmigt, der fertige Film aber zog sofort den Zorn der Mächtigen auf sich und wurde verboten. Seine Uraufführung fand 1961 auf dem Festival von Cannes statt und gewann, zusammen mit Henri Colpis "Noch nach Jahr und Tag", die Goldene Palme. In der Bundesrepublik erhielt "Viridiana" zwar den Preis der deutschen Filmkritik für das beste Drehbuch, kam aber erst nach etlichen Schnitten ins Kino. Gezielte, symbolträchtige Bildschocks, durchsetzt mit surrealistischen Elementen, geben dem provokanten Film eine beklemmende Eindringlichkeit. Höhepunkt ist das orgiastische Fest der Bettler: Buñuel gestaltete die Sitzordnung der Betrunkenen nach dem Vorbild von Leonardo da Vincis berühmten "Abendmahl" und lässt dazu Händels "Halleluja" spielen.

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