Die neue Kraftfülle bringt Captain Marvel (Brie Larson) ordentlich Scherereien ein.
Es ist Zeit für neue Heldinnen: Endlich darf mit "Captain Marvel" eine Frau antreten, um die Menschheit zu retten. Obwohl die das in den vom Machismo geprägten 1990er-Jahren wahrscheinlich nicht einmal verdient hätte.

Captain Marvel

KINOSTART: 07.03.2019 • Action • USA (2019) • 132 MINUTEN
Lesermeinung
prisma-Redaktion
Originaltitel
Captain Marvel
Produktionsdatum
2019
Produktionsland
USA
Budget
152.000.000 USD
Einspielergebnis
1.127.287.899 USD
Laufzeit
132 Minuten
Music

Filmkritik

Jetzt kommen die Frauen
Von Andreas Fischer

"Captain Marvel" ist die erste Marvel-Verfilmung mit einer Superheldin im Mittelpunkt. Und mit der ist nicht gut Kirschen essen.

Ein Innehalten ist im Marvel Cinematic Universe nicht vorgesehen. Mit "Captain Marvel" kommt bereits der 21. Film der Superhelden-Reihe ins Kino. Und trotzdem ist der neueste Ableger eine Premiere: Zum ersten Mal steht eine weibliche Heldin, gespielt von Oscar-Gewinnerin Brie Larson ("Raum"), im Mittelpunkt. Zeit wird's: Die gesellschaftlichen Debatten gehen auch an Marvel nicht vorüber. Dass Captain Marvel ausgerechnet jetzt im Kino auftaucht, hat freilich andere Gründe als #MeToo. Sie soll später im Frühjahr in "Avengers: Endgame" den Kampf gegen Thanos aufnehmen. Und der kann sich warm anziehen: Die Frau kommt nicht, um Kriege zu führen, sondern um sie zu beenden. Das passende Werkzeug dafür ist sie selbst.

Nick Fury (Samuel L. Jackson) hatte Captain Marvel am Ende von "Avengers: Infinity Wars", am Ende der Hoffnung, mit einem altmodischen Pager angefunkt. Sein Hilferuf erreicht eine durchaus komplizierte Frau. Das Regieduo Anna Boden und Ryan Fleck gibt ihrer Titelheldin genügend Zeit und Raum, sich zu entwickeln und stellt der vielschichtigen Hauptdarstellerin Brie Larson einen prominenten Cast (Ben Mendelsohn, Jude Law, Annette Bening, Lashana Lynch und in Nebenrollen Lee Pace und Djimon Hounsou) an die Seite. Die Filmemacher haben bislang Independent-Filme und TV-Serien gedreht: Sie wissen, wie wichtig es ist, hin und wieder das Tempo zu drosseln, nehmen dafür eine gewisse Sperrigkeit in Kauf. Es dauert etwas, bis "Captain Marvel" in Gang kommt. Dann aber richtig.

Wie gesagt, Carol Danvers ist keine einfache Person. Sie leidet unter einer Form von Amnesie, ihre Vergangenheit besteht aus Puzzleteilen, die erst im Laufe des Films ein Bild ergeben: Wer bin ich? Was kann ich? Wo komme ich her? Danvers' Identitätsfindung und Selbstbestimmung sind die erzählerische Klammer eines Films, der trotzdem vor allem ein actionreiches Spektakel ist, das sich nahtlos ins Marvel-Universum einreiht und ihm ein paar neue, ein paar nette und ein paar überflüssige Details hinzufügt.

Klar, die Welt dreht sich auch weiter, ohne zu wissen, warum die Avengers Avengers heißen. Aber Carol Danvers hat diesen Ausdruck von Hochachtung verdient, den ihr S.H.I.E.L.D.-Chef Nick Fury entgegenbringt. Dabei haben die beiden keinen guten Start, bei ihrem Aufeinandertreffen Mitte der 1990er-Jahre. Die eine rotzfrech, der andere misstrauisch, müssen sie eine Strategie entwickeln, damit die Erde nicht zum Kollateralschaden im Krieg zwischen den Kree und den Skrull wird, zweier hochgradig technologisierter Alienrassen, während die Welt zu Klängen von Nirvana, No Doubt und TLC mit Modemgeschwindigkeiten das Internet entdeckt und mit faltbaren Stadtplänen Ausflugs- und Angriffsziele sucht.

Dass sich Fury und Danvers zusammenraufen in dieser Sci-Fi-Mischung aus bittersüßem Buddy-Movie und wendungsreichem Agententhriller, bei dem sich die Grenzen zwischen Gut und Böse immer wieder verschieben, ist Ehrensache. Dass beide über sich und andere hinauswachsen, weil sie ihre Stärken erkennen und sich Fehler eingestehen, ist keine Selbstverständlichkeit. Immer wieder war Danvers gesagt worden, was sie alles nicht kann: von Macho-Piloten bei der U.S. Air Force, von ihrem Ausbilder (Jude Law), von der Supreme Intelligence (Annette Bening), die über den Kree-Planeten herrscht. Auch Fury hatte seine Zweifel.

Die Erkenntnis, dass Captain Marvel nichts und niemandem etwas beweisen muss, weil sie eine Frau ist, zieht sich wie ein roter Faden durch den Film – mit rotzigem Grundton und wissendem Lächeln. Man hätte freilich mehr daraus machen können als eine hübsche Parabel vom Hinfallen und Wiederaufstehen kurz vor Danvers' Transformation in ihre unbesiegbare Captain-Marvel-Form. Aber immerhin ist nun klar, wer demnächst im Marvel-Universum das Sagen hat. Zeit wird's.

Einer wird das leider nicht mehr erleben: "Captain Marvel" ist der erste Film, den die im November 2018 verstorbene Marvel-Legende Stan Lee nicht mehr im Kino sehen kann. Die Macher haben ihm gleich zu Beginn einen würdigen Abschied bereitet, und seinen üblichen Cameo-Auftritt hat Lee auch noch.


Quelle: teleschau – der Mediendienst

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