Am Anfang fliegt ein Bild durch die Luft, darauf in Ölfarben verewigt der verstorbene Gatte von Catherine Weldon (Jessica Chastain). Die New Yorker Malerin hat es selbst in einen Fluss geworfen und damit ihre Vergangenheit. Jetzt macht sie sich auf den Weg in den Westen. Sie will selbst ein Bild malen: von einem Mann, der noch viel wichtiger werden wird in ihrem Leben. Häuptling Sitting Bull vom Stamm der Sioux. Regisseurin Susanna White erzählt in "Die Frau, die vorausgeht" von einer wahren Begebenheit, die sich 1890 in den Vereinigten Staaten abgespielt hat – fiktionalisiert als gut gemeinter Botschaftswestern mit romantischen Andeutungen.

Miss Weldon hat tatsächlich gelebt. Sie hieß zwar nicht Catherine, sondern Caroline, hat sich aber als emanzipierte Frau in einer Zeit für Indianerrechte eingesetzt, in der die indigene Bevölkerung von der US-Regierung den Todesstoß bekam. Chauvinismus, Rassismus und Frauenfeindlichkeit sind die großen Themen des Films, der sich kritisch mit historischen Wahrheiten auseinandersetzt und Amerikas Umgang mit Entrechteten anklagt.

Die Sinne schärfen für die Gräuel, zu denen Menschen fähig sind, das ist ein hehres Unterfangen. Man kann die unsäglichen Unmenschlichkeiten auch nicht oft genug anprangern. Damals waren es die Indianer, die ihrer Freiheit beraubt wurden, heute sind es die Immigranten aus Mittelamerika, denen man die Kinder entreißt.

In epischen Breitbandbildern von wahrhaftigem Westernformat erzählt "Die Frau, die vorausgeht" eine Story, die stets das Gute will, aber bisweilen nur das Belanglose schafft. Da stapft also Miss Weldon erstmal eigensinnig und stur meilenweit durch die staubige Prärie, zieht einen riesigen Koffer hinter sich her und lässt sich auch nicht davon beeindrucken, von einem schweigsamen Indianer bestohlen zu werden.

Sie ist stark, sie geht ihren Weg, der sie trotz vieler Widerstände vonseiten des Militärs, allen voran eines zynischen Colonels (Sam Rockwell), zu Sitting Bull (Michael Greyeyes) führt: Der Häuptling ist genauso stattlich, wie Catherine schön ist. Ein stolzer Mann, der mit stoischer Ruhe Kartoffeln anbaut. Das findet er nicht erquicklich, hat sich aber gezwungenermaßen mit dem Leben im Reservat arrangiert.

Eine aufgeklärte Frau und ein (scheinbar) gebrochener Mann: Susanna White lässt die Geschichte von der Vernichtung der indianischen Kultur wortreich von zwei Menschen erzählen, die beide vom weißen Mann nicht ernst genommen werden. Es ist eine Geschichte von Dämonen der Vergangenheit, aber auch von Emanzipation und demokratischen Prozessen als Form des Widerstands gegen die Kürzung der Lebensmittelrationen und den geplanten Landraub der Regierung.

"Es ist schwer, tapfer zu sein", sagt Weldon einmal dem einst fremden Indianerhäuptling, der längst ein Freund wurde. Ihr Miteinander ist eine reizvolle Konstellation, die einen modernen Blick hinter die Westernoberfläche ermöglicht. Da mag man der "Frau, die vorausgeht" dann sogar verzeihen, dass die Menschen, die sich auflehnen, in Hollywood schöner und heroischer sind, als sie es in der Wirklichkeit waren.

Quelle: teleschau – der Mediendienst