Moosa (Navid Mohammadzadeh, links) will von Gerichtsmediziner Dr. Nariman (Amir Agha'ee) wissen, woran sein Sohn gestorben ist.
"Eine moralische Entscheidung" ist spannendes und emotionales Kino aus dem Iran.

Eine moralische Entscheidung

KINOSTART: 20.06.2019 • Drama • IR (2017) • 103 MINUTEN
Lesermeinung
prisma-Redaktion
Originaltitel
No Date, No Sign
Produktionsdatum
2017
Produktionsland
IR
Laufzeit
103 Minuten

Filmkritik

Leben und Sterben in Teheran
Von Sven Hauberg

Großes Kino aus Teheran: "Eine moralische Entscheidung" stellt Fragen nach Schuld und Verantwortung und ist dabei spannend wie ein Thriller.

In Vahid Jalilvands neuem Film ist Teheran eine Stadt, in der mancher Bewohner so arm ist, dass er vergammeltes Fleisch essen muss. Moosa ist einer dieser Menschen. Mit Frau und Kindern wohnt er in einem Verschlag, einen festen Job scheint er nicht zu haben. Wer ist schuld daran, dass Moosa so leiden muss? Die Regierung? Moosa selbst? Oder gar Donald Trump? Regisseur Jalilvand versucht erst gar nicht, eine Antwort auf diese Frage zu geben. Schuld ist bei ihm eine ambivalente Kategorie. "Eine moralische Entscheidung" heißt der zweite Spielfilm des 1976 geborenen Regisseurs, und man sollte sich vom Titel, der an Kant gemahnt, nicht täuschen lassen. "Eine moralische Entscheidung" ist ein hoch spannendes Stück Kino, das irgendwo zwischen Drama, Thriller und Gesellschaftskritik pendelt.

Eben jener Moosa (Navid Mohammadzadeh) fährt zu Beginn des Films mit Frau und zwei Kindern auf einem viel zu kleinen Motorrad durch das nächtliche Teheran. Seinen Weg durch die staugeplagte Stadt bahnt sich auch der Gerichtsmediziner Dr. Nariman (Amir Agha'ee), in einem importierten Mittelklassewagen allerdings. Als er unsanft überholt wird, weicht er aus und streift Moosas Motorrad. Der achtjährige Amid, der hinten auf dem Motorrad saß, wird leicht verletzt. Dr. Nariman untersucht ihn an Ort und Stelle, findet nichts, schickt Moosa und Amid aber ins Krankenhaus – ein Rat, den Moosa ignorieren wird. Am nächsten Tag ist Amid tot, sein Leichnam landet in der Gerichtsmedizin von Dr. Nariman.

Der Mediziner, ein gewissenhaft arbeitender Mann, der sich schon mal weigert, schlampige Berichte seiner Kollegen gegenzuzeichnen, steht vor einem Dilemma. Sein Wagen war nicht versichert, und dass er Schuld trägt am Tod des Achtjährigen, steht für ihn fest. Seiner Kollegin Sayeh (Hedieh Tehrani) sagt er, er kenne die Familie des Jungen, über Details aber schweigt er sich aus. Sayeh übernimmt die Obduktion und stellt fest, dass Amid an einer Lebensmittelvergiftung gestorben ist. Er hatte offenbar verdorbenes Fleisch gegessen.

Die Geschichte, die "Eine moralische Entscheidung" erzählt, könnte hier zu Ende sein. So leicht aber macht es Regisseur Vahid Jalilvand weder dem Publikum noch seiner Hauptfigur. Dr. Nariman will sich mit der so logisch klingenden Erklärung für Amids Tod nicht abfinden. Amir Agha'ee spielt den verzweifelten Mann mit einer stoischen Gelassenheit, die tief blicken lässt, auch wenn man nur wenig erfährt über den verschlossenen Doktor. Fast meint man, er wolle unbedingt die Schuld auf sich nehmen, so wie es Menschen gibt, die sich selbst verletzen, um sich ihrer Selbst bewusst zu werden.

Familienvater Moosa, der zugeben muss, vor Tagen ein Huhn auf einem Schlachthof für ein paar Cent nur erworben zu haben, will Rache nehmen an denen, die er für den Tod seines Kindes verantwortlich macht. Wie oft im iranischen Film (zuletzt etwa in "A Man of Integrity" von Mohammad Rasoulof) rückt "Eine moralische Entscheidung" die Korruption, die das Land fest im Griff hat, in den Fokus. Regisseur Jalilvand klagt das an, aber mit den Mitteln des Thrillers.

Explizit politisch ist der Film dabei nicht. Die Probleme, die Jalilvand in der iranischen Gesellschaft ausmacht, verhandelt er anhand einer Geschichte, die auf den ersten Blick überall spielen könnte, die universell menschlich ist. Jalilvand steht damit in der Tradition großer iranischer Regisseure wie Ashgar Farhadi ("Nader und Simin", "The Salesman"). Wie bei ihm ist seine Kritik subtil, wird auf die persönliche Ebene verlagert. Das macht ihn weniger angreifbar, seine Botschaft aber umso gewaltiger. Wo es keine Gerechtigkeit gibt, ist der Mensch ein trauriger Kämpfer.


Quelle: teleschau – der Mediendienst

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