Vor, zur Seite und wieder zurück: Der Tanz des Soldaten (Itay Exlroad) ist eine vortreffliche Parabel auf die ewig währende Sinnlosigkeit der Gewalt im Nahen Osten.
Auf der Stelle treten: "Foxtrot" erzählt von der unbarmherzigen Sinnlosigkeit des Alltags in Israel.

Foxtrot

KINOSTART: 12.07.2018 • Drama • IL / D / F (2017) • 113 MINUTEN
Lesermeinung
prisma-Redaktion
Originaltitel
Foxtrot
Produktionsdatum
2017
Produktionsland
IL / D / F
Laufzeit
113 Minuten
Regie

Filmkritik

Bizarre Szenen in visueller Brillianz
Von Andreas Fischer

Das Tor zur Hölle ist nur ein Klingeln entfernt: Als die Soldaten läuten, fällt die Mutter in Ohnmacht, der Vater in Agonie. Ihr Sohn Jonathan ist tot. Mit gerade mal 18 Jahren gefallen für sein Land, berichten die Militärs mit bürokratischer Empathie. Sie haben den Teufel im Schlepptau, der im neuen Film des Israelis Samuel Maoz ("Lebanon") das ganze Land diabolisch grinsend im Würgegriff hält. Eine Chance auf ein Entrinnen gibt es nicht: Maoz hat seinem neuen Film "Foxtrot" den Titel eines Standardtanzes gegeben. Beim Foxtrott landet man am Ende, egal wie man tanzt, immer am Ausgangspunkt.

Maoz tanzt seinen "Foxtrot" mit unbedingtem Stilwillen und einigen Finten, springt vor und zurück in der Zeit und landet am Ende doch wieder nur in der Hölle. Er hat seinen Film in drei Akte unterteilt, die sich in ihrer visuellen Ästhetik stark unterscheiden, in ihrer erzählerischen Dichte aber nicht und die sich in komplexer Beiläufigkeit mit Tabuthemen der israelischen Gesellschaft auseinandersetzen. "Foxtrot" aber nur als Kritik am Militärgehabe Israels zu sehen, wäre zu kurz gegriffen.

Natürlich ist es befremdlich, wie durchchoreografiert die Abläufe in der Armee sind, wenn ein Soldat stirbt. Die Überbringer der Todesnachricht mögen höflich und betroffen sein, sie folgen aber nur einem Protokoll, das Gefallene zu Märtyrern macht. Der Tod ist für sie Routine, dass sich die Hinterbliebenen ihres Schmerzes irgendwie erwehren müssen, haben sie vergessen zu akzeptieren.

Dem Schmerz entkommen sie nicht

Dafna (Sarah Adler) und Michael (Lior Ashkenazi) gehen sehr unterschiedlich mit der Nachricht vom Tod ihres Sohnes um. Die Mutter flieht vor dem Schmerz in eine anhaltende Ohnmacht, der Vater wütet gegen sich selbst, den Familienhund und Verwandte. Dem Schmerz entkommen sie aber nicht, genauso wenig, wie die Zuschauer. Maoz verweigert dem Publikum mit präzisen Bildern die Distanz, bevor er im zweiten Akt die Zeit zurückdreht und der Film weiter und heller wird.

An einem unwirtlichen Grenzposten zwischen Westjordanland und Israel verrichtet Jonathan (Yonatan Shiray) seinen Dienst. Auf beiden Seiten des Schlagbaums ist nichts außer Staub. Das Kamel, das täglich zweimal vorbeitrottet, darf die Grenze ungehindert passieren, die wenigen Menschen werden streng und mit vorschriftsmäßigen Demütigungen kontrolliert. Viel zu tun haben die vier Soldaten, allesamt noch grün hinter den Ohren, nicht. Sie versinken in Langeweile wie ihr Wohncontainer im Morast.

Wut und Hass sind Alltag

Trotzdem ahnt man in jeder Einstellung, dass etwas Schreckliches passieren wird. Wut und Hass sind Alltag im Nahen Osten, darunter leiden Israelis und Palästinenser gleichermaßen. Und sie sind auch gleichermaßen hilflos – was Maoz in einer sehr eindrücklichen Szene zeigt, die das ganze Trauma der Jugend auf beiden Seiten in wenigen Filmminuten konzentriert.

Wut, Trauer und Hilflosigkeit – im Schlussakt bleibt Dafne und Michael nur ein Joint, um damit klarzukommen. Den Teufel können sie damit freilich nicht vertreiben. Der ist bislang immer noch Teil der Raison d'Être in diesem Landstrich, dem nur zu wünschen ist, dass er sich irgendwann von all den sinnlosen Wunden erholt, die sich die Menschen dort gegenseitig zufügen.

Quelle: teleschau – der Mediendienst

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