"Willkommen in der Nacht, Kollegen", sagt der Chef, bevor er zum Tanz bittet. Der "Donauwalzer" ist vielleicht nicht das Erste, was man zu hören erwartet, wenn sich der Arbeitstag aus den menschenleeren Regalen eines Großmarkts verabschiedet. Aber es wird noch besser: Gabelstapler tanzen Ballett zur Musik von Johann Strauss und sausen zwischen den Regalen hin und her. Erst nach einer ganzen Weile kommt der erste Mensch in Thomas Stubers wunderbarer Film-Lakonie "In den Gängen" ins Bild. Der Leipziger Regisseur verfilmte zum dritten Mal ein Drehbuch von Clemens Meyer, ebenfalls ein Leipziger (wenngleich in Halle/Saale geboren). Mit feiner Poesie beobachten sie den Alltag von Menschen, die gewöhnlicher nicht sein könnten. Und nicht interessanter.

"In den Gängen" spielt in einem riesigen Supermarkt auf der grünen Wiese, an einem Ort, der vertraut ist, weil man hundertmal dort war, und an einem Ort, der fremd ist, weil man ihn nie wirklich wahrgenommen hat. Hier bekommt Christian drei Kugelschreiber, ein Cutter-Messer und einen Arbeitskittel – diese Insignien machen ihn zum Teil der "work force". Franz Rogowski spielt ihn, einen Mann, der die Melancholie erfinden würde, wenn es sie nicht schon gäbe. Schöner schweigen kann niemand im Kino.

Christian ist der Frischling in einer verschworenen Gemeinschaft von Lagerarbeitern und stapelt ab sofort unter der Anleitung von Bruno (Peter Kurth) Getränkekisten. Sein Mentor zeigt Christian auch, wie man effektiv eine "Fuffzehn" einlegt, ohne dass es auffällt, bringt ihm das Staplerfahren bei und klärt ihn über Hierarchien und Besonderheiten im Kollektiv auf. So nannte man Teams früher in der DDR.

Die Verortung des Films in der ostdeutschen Provinz erklärt einige Besonderheiten der Menschen. Ihre Solidarität etwa, die heute Miteinander heißt und wieder als erstrebenswert gilt. Dennoch: "In den Gängen" ist keine DDR-Nostalgie, sondern ein warmherziger, universeller Film über Träume und Hoffnung, über Resignation und Routine.

In strengen Bildern und weiten Ausschnitten ist alles geordnet. Die Arbeiter und Arbeiterinnen funktionieren vor allem als Teil des Systems. Aber sie sind eben auch Menschen, warmherzig und füreinander da. Und sie verlieben sich: Der schweigsame Christian etwa hat ein Auge auf die "Süßwaren-Marion" (Sandra Hüller) geworfen. "Bist ja eine richtige Tratschtante", lächelt sie ihn spöttisch an, als er sie am Kaffeeautomaten anschweigt. Eine umwerfende Begegnung, präzise und wehmütig, die zeigt, worum es in diesem Film geht.

Clemens Meyer und Thomas Stuber, die für ihr gemeinsames Drehbuch auf der Berlinale 2015 den Deutschen Drehbuchpreis erhielten, sind nicht an dramatischer Zuspitzung interessiert, wo es keine dramatische Zuspitzung braucht. Wichtig ist ihnen das Leben. Das ist oft eintöniger, als man es sich eingesteht. Aber deswegen nicht weniger interessant. Vor allem aber ist es nicht weniger erzählenswert. "In den Gängen" ist ein Film über Menschen, die im Kino eigentlich nicht vorkommen. Bei Stuber und Meyer bekommen sie aber, was ihnen zusteht: die große Leinwand.

Quelle: teleschau – der Mediendienst