Als eine Mischung aus politischer Parabel und sarkastischem Superhelden-Epos wird "Jupiter's Moon" angepriesen. Einen Flüchtling mit Superkräften auszustatten, ist wirklich eine formidable Idee. Theoretisch.

Der ungarische Filmemacher Kornél Mundruczó verarbeitet in diesem übersinnlichen Krimi-Drama Erfahrungen, die er im Vorfeld einer Theaterinstallation machte. Als sich Europa am Anfang der sogenannten Flüchtlingskrise befand, quartierte er sich als Vorbereitung für seine Inszenierung von Schuberts "Winterreise" einige Tage im Flüchtlingslager Bicske ein, das damals gerade eingerichtet wurde. Gleichzeitig betont der Ungar aber, dass er keinen Film über Flüchtende drehen wollte. Die gegenwärtige Situation diene ihm vielmehr als Kontext dafür, über Wunder nachzudenken. Sachliche und politische Kunst sei für ihn immer eher uninteressant gewesen.

Dennoch lässt er den jungen Syrer Aryan Dashni (Zsombor Jéger) mit seinem Vater Muraad (David Yengibarian) über die serbische Grenze nach Ungarn fliehen. Kaum betreten sie das neue Land, wird auf sie geschossen. Aryan wird getroffen. Der Polizist Laszlo (György Cserhalmi) sucht verzweifelt nach einem Mann mit Schusswunden, findet aber keinen, weil der junge Syrer statt zu sterben zu schweben beginnt. In der Krankenabteilung des Flüchtlingscamps bemerkt Dr. Gabor Stern (Merab Ninidze) das Wunder. Dieses kommt ihm sehr gelegen, denn der junge Mann verfügt über kein soziales Umfeld und ist auf Hilfe angewiesen. So verdingt sich Stern, der wegen eines Kunstfehlers suspendiert ist und in Geldproblemen steckt, als Vermarkter des talentierten Flüchtlings.

In dieser Geschichte steckt viel Potenzial, denn der Fokus liegt auf den Moralvorstellungen der Personen, die die Gebenden sein sollten, denen es so gut geht, dass Menschlichkeit möglich wäre. "Danke mir, nicht Gott", sagt Stern einmal zu seinem Schützling, den er als Zirkusnummer durch die Krankenzimmer seiner reichen Klienten führt. Wer mir etwas einbringt, der darf bleiben. Das wäre ein heißes Eisen. Doch dann schweift der Regisseur ab, erhebt den Jungen zur Christusfigur und schwadroniert über die Gottlosigkeit des Landes. Es geht auf weltfremde Weise um Engel und Wunder. Mundruczó, der häufig in Deutschland am Theater arbeitet, schwelgt in seinen übernatürlichen Elementen, liebt auch das klassische Action-Genre und inszeniert inbrünstig wiederkehrende Verfolgungsjagden, bei denen der Polizist stets einen Schritt zu spät kommt.

Der Superheld darf als Engel der Lüfte durch die Geschichte fliegen, aber seine erzählt er nicht. Er ist ein feingeistiger Mensch, der sich mit dem korrupten, abgehalfterten Arzt einlassen muss, der nur seinen Vorteil sucht. Als wäre dem Regisseur während des Drehens noch viel zu viel eingefallen, weiß er sich nicht mehr zu entscheiden, wovon er erzählen will. Den jungen Syrer vergisst er jedenfalls, und das mag als einzige zynische Facette dieses Films stehen bleiben.

"Jupiter's Moon" ist eine zweistündige Flucht, inhaltlich tritt das zerfaserte Drama jedoch schmerzlich auf der Stelle. Gewaltiges Verzetteln auf Nebenschauplätzen und dramaturgische Schwächen sind schon ein dickes Brett auf der Sollseite. Was aber fast noch schwerer wiegt, ist, dass Mundruczó nie von diesen beiden Menschen erzählt. Menschlichkeit fehlt in dieser surrealen und unrealistischen Erzählung zu jeder Zeit.


Quelle: teleschau – der Mediendienst