Der junge Israeli Yoav (Tom Mercier) sucht in Paris nach einer neuen Identität.
Der israelische Filemacher Nadav Lapid gewann für "Synonymes" den Goldenen Bären.

Synonymes

KINOSTART: 05.09.2019 • Drama • F, D, IL (2019) • 124 MINUTEN
Lesermeinung
prisma-Redaktion
Originaltitel
Synonymes
Produktionsdatum
2019
Produktionsland
F, D, IL
Budget
2.500.000 USD
Einspielergebnis
242.483 USD
Laufzeit
124 Minuten
Regie
Kamera

Filmkritik

Versuch einer Selbstentwurzelung
Von Diemuth Schmidt

"Synonymes", der Gewinnerfilm des Goldenen Bären 2019, erzählt von einem jungen Israeli, der in Paris nach einer neuen Identität sucht. Regisseur Nadav Lapid verarbeitet in dem großartigen Werk eigene Erlebnisse.

Sich die eigene Identität wie einen Tumor aus dem Leib reißen: Angetrieben von diesem radikalen Verlangen suchte der Regisseur Nadav Lapid nach seinem Militärdienst in Israel einst in Frankreich nach einer neuen Heimat. Ein Selbstversuch, der ihn zu dem äußert rätselhaften, aber sehr faszinierenden Film "Synonymes" inspirierte, mit dem er bei der letzten Berlinale den Goldenen Bären gewann.

Der Film beginnt mit einem jungen Mann, der mit Rucksack auf dem Rücken durch Paris läuft. Yoav (Tom Mercier) erscheint zunächst wie ein ganz normaler Tourist. Doch schon die Wohnung in einem prächtigen Pariser Stadthaus, in der er unterkommt, wirkt seltsam. Sie ist komplett leer und ungeheizt, ein unfreundlicher Empfang. Der Israeli beschließt, eine Dusche im Bad zu nehmen. Als er tropfnass aus der Wanne kommt, sind alle seine Sachen verschwunden. Eine symbolische Geburt: Bibbernd und nicht ganz ohne Schrecken beginnt hier für ihn das erwünschte neue Leben. Panisch läuft er ins Treppenhaus und klopft nackt an die Türen der Nachbarn. Hilfe findet er bei einem jungen Pärchen, das sein künftiges Französischwerden tatkräftig unterstützen wird.

Ich bin, was ich spreche – auf diesem Weg versucht Yoav, seine Herkunft völlig auszulöschen. Er verweigert sich dem Hebräischen und redet selbst mit Landsleuten nur noch Französisch. Dabei bildet er rund um ein Thema Synonymketten. Wo andere ein oder zwei Adjektive verwenden würden, legt Yoav los. Der Staat Israel ist für ihn "vulgär, obszön, ignorant, schmutzig, idiotisch, widerlich, schändlich, verachtenswert, scheußlich, erbärmlich, abstoßend, verachtungsvoll, bestialisch und böse". Eine wackelige Handkamera begleitet ihn, während er durch das regnerische Paris läuft und sich die Vokabeln einhämmert. Die Sehenswürdigkeiten bleiben unscharf im Hintergrund. Die schnell aneinandergereihten Wörter beschreiben seine Eindrücke, seinen Seelenzustand. Das ungewöhnliche Vokabellernen und das Sprechen mit Synonymen verleihen dem Film einen poetischen Rhythmus.

Die Geister der Vergangenheit wird Yoav so schnell nicht los. In der israelischen Botschaft findet er eine Stelle als Wachmann und wird täglich mit dem Irrsinn, dem er zu entfliehen versucht, konfrontiert. Als Alternative bietet sich ihm dann ein Job als Nacktmodell für einen Künstler an. Gleichzeitig bleiben seine intensiveren Kontakte zu den Einheimischen hauptsächlich auf das gelangweilte, reiche Pariser Paar Caroline (Louise Chevillotte) und Emile (Quentin Dolmaire) beschränkt, mit dem sich ganz im Geiste der Nouvelle Vague eine Dreiecksgeschichte entwickelt.

Den besonderen Reiz von "Synonymes" macht die Beobachtung der verloren und zugleich sehr willensstark wirkenden Hauptfigur Joav aus, der von dem umwerfenden Newcomer Tom Mercier mit einer starken körperlichen Präsenz und einnehmenden Anmut gespielt wird. Yoav umgibt etwas Entrücktes. Er hat ein eigenes Frankreichbild, genau wie der Regisseur selbst, der sich damals vor allem von Persönlichkeiten wie Napoleon, Zinédine Zidane und Jean-Luc Godard angelockt fühlte. Dieses Empfinden bringt Nadav Lapid mit seinem speziellen Humor im Film auf den Punkt, wenn er Joav auf die Frage, wen er denn in Frankreich kenne, sagen lässt: "Celine Dion".

Lapid erforscht in "Synonymes" mit provokativer künstlerischer Eigenwilligkeit die Frage nach erzwungener Vaterlandsliebe und Hass auf die Heimat, die sich zwischen den Erfahrungen beim Militär in Israel und dem Singen der Marseillaise im Einbürgerungskurs in Paris universeller zeigt als vermutet. Ein pulsierendes Filmerlebnis, auf das sich einzulassen lohnt.


Quelle: teleschau – der Mediendienst

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