Celeste (Natalie Portman) geht bei einer ihrer Shows vollkommen aus sich heraus.
In "Vox Lux" beleuchtet Filmemacher Brady Corbet die Schattenseiten des Popstar-Daseins.

Vox Lux

KINOSTART: 25.07.2019 • Drama • USA (2018) • 114 MINUTEN
Lesermeinung
prisma-Redaktion
Originaltitel
Vox Lux
Produktionsdatum
2018
Produktionsland
USA
Budget
7.000.000 USD
Einspielergebnis
1.330.828 USD
Laufzeit
114 Minuten

Filmkritik

Blutbad als Karrierestart
Von Christopher Diekhaus

Im Musikerdrama "Vox Lux" steigt eine bei einem Amoklauf schwer verletzte Schülerin zu einem Popstar auf. Ruhm, Fall und Comeback-Versuch zeichnet der ambitionierte Film auf eigenwillige Weise nach.

Ihren bisherigen Karrierehöhepunkt erlebte Natalie Portman mit ihrer energiegeladenen Performance in Darren Aronofskys düsterem Ballett-Thriller "Black Swan" (2010). Ausgezeichnet wurde ihre kraftvolle Darbietung unter anderem mit einem Oscar und einem Golden Globe. Auch wenn ähnliche Weihen im Fall des Musikerdramas "Vox Lux" ausblieben, legt die wandelbare Schauspielerin hier einmal mehr eine fulminante Kostprobe ihres Könnens ab. Als abgestürzter, einem großen Comeback entgegenblickender Popstar drückt Portman dem zweiten Spielfilm des US-Amerikaners Brady Corbet ("The Childhood of a Leader") ihren Stempel auf – und überstrahlt mit ihrer lustvoll exaltierten Interpretation zuweilen die spannenden Ideen des vom Regisseur selbst verfassten Drehbuchs. Und das, obwohl sie erst nach rund einer Stunde auf der Bildfläche erscheint.

Die Grundzüge von Corbets Geschichte über die Schattenseiten des Showgeschäfts sind alles andere als originell. Einen eigenartigen Reiz bekommt die widerspenstige Erzählung jedoch durch kleine, feine Besonderheiten und ihre eher experimentelle Aufmachung. Markant und beunruhigend ist bereits der Startschuss für die steile Laufbahn der anfangs 13-jährigen Protagonistin Celeste (Raffey Cassidy), die einen Amoklauf an ihrer Schule schwer verletzt überlebt. Als sie bei einer Gedenkveranstaltung für die Opfer ein selbst geschriebenes Lied vorträgt, ist alle Welt ergriffen. Ihr feinfühliger Auftritt wird zu einem Hit, und schon kurz darauf klopft die Musikbranche an. Ihr neuer Manager (Jude Law) will Celeste durch das gefährliche Dickicht des plötzlichen Ruhms lotsen, kann sie vor den destruktiven Verlockungen des Starseins aber nicht bewahren.

Den Großteil dieser Ereignisse schildert "Vox Lux" in einem Kapitel, das den bedeutungsschwangeren Titel "Genesis" trägt. Ein zweiter großer Abschnitt, der unter der Überschrift "Regenesis" firmiert, zeigt eine erwachsen gewordene Celeste (nun verkörpert von Natalie Portman), die nach Skandalen und einem Karriereknick mit einem neuen Album durchstarten will. Dabei muss sie sich nicht nur mit ihrer von Eleanor aufgezogenen Tochter Albertine (ebenfalls gespielt von Raffey Cassidy), sondern auch mit einem Terroranschlag auseinandersetzen, der Bezüge zu ihrem früheren Schaffen erkennen lässt.

Die Faszination von blutigen Tragödien, die Abgründe der Unterhaltungsindustrie, der wild um sich greifende Celebrity-Wahn, Popmusik als Eskapismus – "Vox Lux" ist vollgepackt mit interessanten Themen und gibt sich betont ambitioniert. Nicht umsonst wird der Film im Abspann als ein exemplarisches Porträt für das 21. Jahrhundert beschrieben. Regisseur Corbet will anhand einer fiktiven Künstlerbiografie über die Auswüchse der Gegenwart berichten, wirft dem Zuschauer manchmal aber nur Stichworte vor die Füße.

Dennoch entfaltet seine zweite Regiearbeit in vielen Passagen eine irritierende Ausdruckskraft. Zum einen, weil Raffey Cassidy die Unsicherheit der jungen Celeste überzeugend in den Kinosaal transportiert und Natalie Portman als affektierte, angeknackste Diva eine wahrlich raumgreifende Show abzieht. Nicht weniger reizvoll sind die ungewöhnlichen Mittel, mit denen Corbet seine im Kern altbekannte Geschichte aufpoliert: Geisterhafte Kamerafahrten sorgen für handfestes Unwohlsein; ein in der Originalversion von Willem Dafoe gesprochener Erzähler greift regelmäßig erklärend in das Geschehen ein; einige Abschnitte werden im Zeitraffer wiedergeben; und mehr als einmal verengt sich das Bildformat. Hier und da überschreitet der Film sicherlich die Grenze zum Prätentiösen. Insgesamt vermittelt "Vox Lux" aber ein eindringliches Gefühl dafür, was es heißt, ein "private girl" in einer "public world" zu sein. So, wie es Celeste in einem ihrer Lieder besingt.


Quelle: teleschau – der Mediendienst

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