Der Gangster Zhou Zenong (Hu Ge) ist auf der Flucht.
"Der See der wilden Gänse" ist ein vor allem visuell beeindruckender Neo-Noir aus China.

Der See der wilden Gänse

KINOSTART: 27.08.2020 • Drama • CHN (2019) • 111 MINUTEN
Lesermeinung
prisma-Redaktion
Originaltitel
Nanfang chezhan de juhui
Produktionsdatum
2019
Produktionsland
CHN
Laufzeit
111 Minuten

Filmkritik

Wuhan im Neonlicht
von Sven Hauberg

In Diao Yinans Cannes-Beitrag "Der See der wilden Gänse" wird Wuhan zur Stadt der Gangster und Ausgestoßenen. Ein flirrender Film von betörender Düsternis.

"Das Treffen am Südbahnhof" – diesen nicht ganz so poetischen Titel trägt "Der See der wilden Gänse" im chinesischen Original. Aber er passt, weil hier, an einem Busbahnhof in der Stadt Wuhan, der epische Gangsterfilm von Diao Yinan seinen Anfang nimmt. Wuhan, das ist jene Millionenstadt am Jangtse, die die Welt seit Anfang des Jahres mit dem Ursprung des Coronavirus verbindet. Im Film aber ist Wuhan eine in Neonlicht getauchte Stadt der Halbwelt, ein Moloch, in dem Kleinganoven ihr Unwesen treiben und Prostituierte von einem besseren Leben träumen.

An besagtem Busbahnhof treffen der Gangster Zhou Zenong (Hu Ge) und die Prostituierte Liu Aiai (Lun-Mei Kwei) aufeinander. Er ist auf der Flucht. Die Polizei ist ihm dicht auf den Fersen, weil seine Bande den Tod eines Polizisten zu verantworten hat. Sie, die ihre Kunden am See der Wilden Gänse trifft, soll ihm helfen. Zhou möchte, dass seine Frau die Belohnung erhält, die auf seinen Kopf ausgesetzt ist. Fünf Jahre hat er sie nicht mehr gesehen, und Liu soll ihn nur zu ihr führen. Doch nicht nur die Polizei ist hinter Zhou her, auch die rivalisierenden Banden von Wuhan wollen seinen Kopf. Und ob er Liu wirklich trauen kann, daran bekommt Zhou schnell Zweifel.

Vor sechs Jahren, im Jahr 2014, gewann Regisseur Diao Yinan mit "Feuerwerk am helllichten Tag" in Berlin den Goldenen Bären. Die kalte Schneelandschaft des chinesischen Nordens von damals ist in "Der See der wilden Gänse" nun der Wärme des Südens gewichen, die bei Nacht aber immer wieder in unterkühltes Neonlicht getaucht wird.

Die Geschichte, die Diao Yinan erzählt, ist komplex und oft nur schwer zu durchschauen. Das nimmt seinem Neo-Noir-Film etwas von der Wucht des Vorgängers. Die Bilder jedoch, die er nun auf die Leinwand bringt, sind erneut gewaltige, betörende Kompositionen aus Licht und Dunkelheit. Aus der modernen Metropole Wuhan macht er eine geheimnisvolle Welt des "Jiang Hu" – "Flüsse und Seen", das bedeutet "Jiang Hu" wörtlich, das sind seit Jahrtausende jene Orte in der chinesischen Mythologie, an die sich die Ausgestoßenen der Gesellschaft zurückziehen. Das chinesische Martial-Arts-Kino hat diese uralte Idee in die Gegenwart geholt, bei Diao Yinan wird "Jiang Hu" nun zur Parallelwelt der Moderne.

Mit "Der See der wilden Gänse" zeigt Diao einmal mehr, warum er der neben Jia Zhangke wohl wichtigste Autorenfilmer Chinas ist. Und dass Wuhan mehr ist als die Stadt des Virus – ein flirrender, faszinierender Ort, zumindest dann, wenn man ihn mit dem richtigen Licht, also mit Dunkelheit und Neonkälte, überzieht.

Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH

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