Joan (Sophie Cookson) hat nicht die Absicht, ihr Land zu verraten. William Mitchell (Freddie Gaminara) will sie aber genau dazu überreden.
"Geheimnis eines Lebens" erzählt eine wahre, schier unglaubliche Geschichte.

Geheimnis eines Lebens

KINOSTART: 04.07.2019 • Drama • GB (2018) • 102 MINUTEN
Lesermeinung
prisma-Redaktion
Originaltitel
Red Joan
Produktionsdatum
2018
Produktionsland
GB
Laufzeit
102 Minuten

Filmkritik

Die rote Joan
Von Peter Osteried

Kann man den Frieden bewahren, indem man das eigene Land verrät? Eine Engländerin glaubte einst daran und spionierte für den KGB. "Geheimnis eines Lebens" erzählt nun ihre Geschichte.

Es ist eine wahre Geschichte, von der sich die Schriftstellerin Jennie Rooney für ihren Roman "Geheimnis eines Lebens" inspirieren ließ: Die britische Sekretärin Melita Norwood war über mehr als 40 Jahre hinweg als Agentin für verschiedene russische Geheimdienste tätig, nahm jedoch niemals einen Lohn, sondern handelte aus Überzeugung. Weil sie die Sowjetunion als junges Experiment verstand, das Gleichheit förderte, aber von den Westmächten bedroht war. Darum half sie bei der Beschaffung von Unterlagen, die den Sowjets den schnelleren Bau der Atombombe und damit das Erreichen eines Gleichgewichts des Schreckens erlaubten.

Überführt wurde Norwood erst in den 1990er-Jahren, auf eine Anklage verzichtete die britische Regierung. Die Autorin Rooney war von Norwoods Leben fasziniert, entschied sich aber, nicht die Realität abzubilden, sondern die Geschichte mit fiktiven Figuren zu erzählen – und sie dabei vielleicht ein wenig zu romantisieren. Denselben Weg geht nun auch die Verfilmung: Aus Melita Norwood wird im Film Joan Stanley.

"Geheimnis eines Lebens" beginnt damit, dass die alt gewordene Joan (Judi Dench) wegen Hochverrats verhaftet wird. Man verhört sie und konfrontiert sie mit den Erkenntnissen, die man mithilfe eines russischen Überläufers gesammelt hat. Während Joan mit den Beamten spricht, schwenkt der Film immer wieder in die Vergangenheit zurück und zeigt, wie aus einer jungen Frau (nun gespielt von Sophie Cookson) eine Aktivistin wurde, die ihr Land verriet, das aber aus hehren Motiven heraus tat. Zuerst sieht man sie im Jahr 1938 als Physik-Studentin in Cambridge, die sich in den aus Russland stammenden Leo (Tom Hughes) verliebt.

Die Atombombe verändert alles

Es sind die zarten Bande einer Romanze, die den anfänglichen Teil des Films ausmachen. Auf der einen Seite steht die naive Studentin, auf der anderen der charismatische Liebhaber mit den revolutionären Ideen. Mit Beginn des Krieges glaubt er, dass die totale Vernichtung auch eine Chance mit sich bringt, um eine neue, bessere Zivilisation zu erschaffen. Ein Traum, der Leo bis zum Ende hin beflügelt, den er aber zerbrechen sieht, weil der reale Kommunismus seinem Ideal nicht mal ansatzweise nahekommt.

Die Beziehung der beiden ungleichen Figuren ist interessant, weil sie kurz und leidenschaftlich ist, die Liebenden danach aber immer wieder umeinanderkreisen – auch wenn sowohl Joan als auch der Zuschauer das Gefühl bekommen, dass er sie nur ausnutzt. Joan wehrt sich jedoch dagegen, von Leo instrumentalisiert zu werden.

Sie arbeitet in einer Forschungseinrichtung, in der die britische Atombombe entwickelt wird. Premierminister Churchill versprach, sämtliche Forschung mit den Russen zu teilen, brach aber sein Wort. Leo versucht, Joan dazu zu bringen, das zu tun, was Churchill nicht konnte: das vermeintlich Richtige. Aber noch ist sie die treue Staatsbürgerin, die zum Hochverrat nicht bereit ist. Bis die Amerikaner ihre Bombe fertiggestellt haben und der Abwurf auf Hiroshima und Nagasaki alles verändert. Die Welt gerät ins Ungleichgewicht; die einen haben die Bombe, die anderen wollen sie – und wer sie nicht hat, läuft Gefahr, so zu enden wie die Japaner, die sich zur bedingungslosen Kapitulation bereiterklären mussten.

Dass man Judi Dench immer noch im Kino sehen kann, ist eine Freude. Vor einiger Zeit fürchtete die große britische Schauspielerin, dass sie nicht mehr würde spielen können, weil ihre Sehkraft immer schlechter wurde. Die 84-Jährige hat in "Geheimnis eines Lebens" die deutlich kleinere Rolle der beiden Joans, aber eine der besten Szenen: Ganz am Schluss des Films tritt sie, wie einst die echte Melita Norwood, in den Vorgarten ihres Hauses und erklärt gegenüber der Presse ihr Handeln.

Sophie Cookson als junge Joan versteht es, den jugendlichen Esprit, aber auch diesen Moment des Verlusts der Unschuld zu zeigen, der dazu führte, dass sie zur Verräterin wurde. Eine Verräterin, deren Taten es aber möglicherweise zu verdanken ist, dass dem Zweiten Weltkrieg nicht ein dritter folgte.

"Geheimnis eines Lebens" ist exzellent gefilmt und wartet mit einer abwechslungsreichen, die Dramatik befeuernden Struktur aus zeitgenössischer und vergangener Handlung auf. Dies ist ein starkes, ganz und gar auf die Schauspieler setzendes Drama – so wie man es von dem Theater-Profi Trevor Nunn auch erwarten darf.


Quelle: teleschau – der Mediendienst

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