Madeleine (Martine Chevallier, links) und Nina (Barbara Sukowa) sind seit vielen Jahren ein Paar.
"Wir beide" erzählt eine berührende und hochspannende Liebesgeschichte.

Wir beide

KINOSTART: 06.08.2020 • Drama • F/L/B (2019) • 96 MINUTEN
Lesermeinung
prisma-Redaktion
Originaltitel
Deux
Produktionsdatum
2019
Produktionsland
F/L/B
Filmstudio
Paprika Films, Tarantula, Artémis Productions, VOO, BeTV, Shelter Prod
Einspielergebnis
208.723 USD
Laufzeit
96 Minuten
Regie
Filippo Meneghetti
Music
Michele Menini
Kamera
Aurélien Marra

Filmkritik

Gegen jede Chance
von Christian Gehl

Barbara Sukowa und Martine Chevallier spielen ein Paar, das seine Liebe jahrzehntelang geheim hält – bis der Druck entweichen muss. Mit seinem ersten Spielfilm "Wir Beide" gelingt Filippo Meneghetti ein erstklassiges Psychodrama.

Es kommt nicht häufig vor, dass Filmemacher ein Thema finden, dass auf der Kinoleinwand noch nie behandelt wurde. Was angesichts der schieren Menge an Produktionen, die wir allein in Deutschland jedes Jahr zu sehen bekommen, im Kino oder als Stream, nun wahrlich kein Wunder ist. Aber Filippo Meneghetti hat es geschafft – ein italienischer Regie-Debütant, der seit einigen Jahren in Frankreich lebt und in "Wir beide" zwei ältere Frauen in Szene setzt, die seit Jahrzehnten ineinander verliebt sind, aber noch nie jemandem etwas davon erzählt haben. Das ist neu. Vor allem deshalb, weil der Film nicht in den verdrucksten 50er-Jahren spielt, als so ein erzwungenes Versteckspiel üblich gewesen ist, sondern heute, in sexuell wesentlich aufgeklärteren Zeiten. Aber Meneghetti zeigt vollkommen glaubwürdig, und das ist sein großes Verdienst, wie und warum sich manche Verhaltens- und Denkweisen auch über ein ganzes Leben nicht zu ändern vermögen, warum die Mauern im Kopf einfach nicht fallen.

Nina (Barbara Sukowa) liebt Madeleine (Martine Chevallier), und Madeleine liebt Nina. Das war schon immer so, oder doch zumindest seit einem Aufenthalt in Rom vor vielen Jahrzehnten, als die beiden sich kennenlernten. Nun sind sie alt geworden, Madeleines Mann ist gestorben, ihre beiden Kinder sind erwachsen. Jetzt will Madeleine es endlich wagen: mit Nina nach Rom ziehen, an den Ort ihrer Träume. Doch dafür braucht sie Geld, also will sie ihr Pariser Appartement verkaufen und dies bei einem Treffen mit Tochter, Sohn und Enkelkind auch öffentlich verkünden. Nur, es gelingt ihr nicht, die Worte wollen ihr nicht aus dem Mund. Und damit nimmt das Drama seinen Lauf.

Mix aus Liebesfilm und Psycho-Thriller

Was nach öffentlich-rechtlichem Problemfilm klingt, entfaltet sich zu einem gekonnten Mix aus Liebesfilm und Psycho-Thriller, komplett mit Türspion-Aufnahmen, wie man sie aus "Rosemaries Baby" kennt. Die Außenwelt wird zur Bedrohung, die meisten Szenen spielen sich in Zimmern ab, ohne dass "Wir beide" aber zu einem drögen Kammerspiel verflacht. Die Kamera ist immer in Bewegung, nutzt die unterschiedlichen Lebenswelten der beiden Frauen – sie wohnen sich direkt gegenüber, nur durch den Gang getrennt -, um ihre Charaktere zu definieren. Hier Madeleine, die großbürgerlich aufgewachsene Grande Dame, die zwischen ihren zahlreichen Erinnerungsstücken zu ersticken droht, dort Nina, die leicht hippiehafte Lebefrau, in deren Wohnung es deutlich luftiger zugeht. Doch trotz Laissez-faire-Einstellung und einer jahrzehntelangen Beziehung – wenn es darum geht, ihre Liebe öffentlich zu machen, versagen beide. Was auch an den deutlich spießigeren Nachkommen von Madeleine liegt. Mehr kann hier nicht verraten werden, nur so viel: Die 90 Minuten lohnen sich.

"Wir beide" ist ein spannendes Psychodrama, das sein gesellschaftspolitisches Thema nicht allzu hoch hängt, sondern von überraschenden Handlungssprüngen, einer lebhaften Kameraführung, vor allem aber von zwei exzellenten Hauptdarstellerinnen lebt, die alle potenziellen Hürden mit Bravour meistern. Und dank der intelligenten Regie dürfen sie, von zwei, drei Momenten abgesehen, ganz ohne Sentimentalität, Kitsch und schlechte Bettszenen auskommen.

Darsteller

Barbara Sukowa
Weitere Darsteller
Martine Chevallier Léa Drucker Jérôme Varanfrain Muriel Bénazéraf Denis Jousselin Aude-Laurence Clermont Biver Eugenie Anselin Hervé Sogne Daniel Trubert Tara Klassen Alice Lagarde Augustin Reyes Cécile Dessillons Stéphane Robles Jerôme Tewes Denis Jousselin Aude-Laurence Clermont Biver Jerôme Tewes

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