Die Oscar-Verleihung wird mit Spannung erwartet. Das liegt zum einen an der Kunst. Zum anderen an einer höchst brisanten Debatte.

Eine anrührend zerbrechliche Putzfrau (Sally Hawkins), die sich in ein fischähnliches Fabelwesen verliebt. Ein brutaler CIA-Agent, der die sensible Kreatur in einem wissenschaftlichen Labor foltert und sich als das eigentliche Monster entpuppt. Der verzweifelte Kampf für eine ebenso ungewöhnliche wie scheinbar aussichtslose Liebe mitten im Amerika des Kalten Krieges. Das bildgewaltige Fantasy- Drama "Shape of Water - Das Flüstern des Wassers" ist mit 13 Nominierungen der diesjährige Oscar-Favorit. Damit ist Guillermo del Toros märchenhaftes Epos der zehnte Film überhaupt in der fast 90-jährigen Geschichte der Academy Awards, der mit so vielen Nominierungen bedacht wird. Die mitreißende Liebesgeschichte holte bereits bei den Filmfestspielen in Venedig den Goldenen Löwen als bester Film und zwei Golden Globes. Ob "Shape of Water" bei der diesjährigen Oscar-Verleihung in der Nacht vom 4. auf den 5. März 2018 (live im TV) die begehrten Trophäen in den wichtigen Kategorien "Bester Film", "Beste Regie" und "Beste Hauptdarstellerin" abräumt, bleibt abzuwarten.

Preis fürs Lebenswerk

Schließlich ist die Konkurrenz groß, nicht nur für Protagonistin Sally Hawkins. Sie tritt unter anderem gegen Frances McDormand an, die mit ihrer fulminanten Darstellung einer trauernden Mutter auf Rachefeldzug in "Three Billboards Outside Ebbing, Missouri" nominiert ist. Die bittere Tragikomödie hat Chancen auf insgesamt sieben Oscars, darunter in der Königskategorie "Bester Film". Weitere Favoriten sind Christopher Nolans Kriegsfilm "Dunkirk" mit acht Nominierungen, das biografische Drama "Die dunkelste Stunde" mit Gary Oldman in der Rolle des britischen Premiers Winston Churchill (sechs Nominierungen) und das ebenfalls sechsfach nominierte Liebesdrama "Der seidene Faden" mit Daniel Day-Lewis.

Als heißeste Publikumslieblinge werden Greta Gerwigs Coming-of-Age-Geschichte "Lady Bird" (fünf Nominierungen) und Jordan Peeles brillante Horrorsatire "Get Out" (vier Nominierungen) gehandelt. Der erste Gewinner steht bereits fest: Schauspiellegende Donald Sutherland bekommt den Oscar für sein Lebenswerk.

Nachdem Fatih Akins NSU-Drama "Aus dem Nichts" bei den Nominierungen für den "Besten fremdsprachigen Film" überraschend leer ausgegangen war, dürfen einige andere Deutsche auf Hollywoods höchsten Preis hoffen. Die Regisseure Jakob Schuh und Jan Lachauer gehen mit ihrem Zeichentrickfilm "Revolting Rhymes" ("Es war einmal ... nach Roald Dahl") in der Sparte "Animierter Kurzfilm" ins Rennen um die 90. Academy Awards. In der Kategorie "Bester Live-Action-Kurzfilm" treten Katja Benrath und Tobias Rosen mit ihrem Beitrag "Watu Wote/All Of Us" an. Der Star-Komponist Hans Zimmer könnte eine weitere goldene Trophäe mit nach Hause nehmen: Er holte mit der Filmmusik für Christopher Nolans Kriegsdrama "Dunkirk" seine elfte Nominierung. In der Kategorie "Visuelle Effekte" ist unter anderem der Deutsche Gerd Nefzer für seine Arbeit in "Blade Runner 2049" nominiert.

Diesmal ohne Pannen?

Doch nicht nur hinsichtlich der Preisträger wird die Nacht auf den 5. März 2018 – in diesem Jahr hoffentlich ohne peinliche Pannen wie die Verwechslung des Siegerfilms im Vorjahr – mit Spannung erwartet. Gesellschaftspolitisch ist die 90. Verleihung auch höchst brisant. Nachdem im Vorjahr etliche Hollywoodgrößen den Abend nutzten, um ihrem Protest gegen US-Präsident Donald Trump Ausdruck zu verleihen, werden die diesjährigen Oscars ganz im Zeichen der #MeToo-Debatte stehen. Wie eindrucksvoll das aussehen könnte, haben zahlreiche Stars bei den diesjährigen Golden Globes demonstriert. Viele Schauspielerinnen und Schauspieler zeigten sich ganz in Schwarz gekleidet auf dem roten Teppich, um ein deutliches Zeichen gegen sexuelle Belästigung in der US-Unterhaltungsindustrie zu setzen. Oscar-Moderator Jimmy Kimmel kündigte bereits an, den im Oktober öffentlich gewordenen Skandal um den gefallenen US-Filmmogul Harvey Weinstein auf der Bühne zum Thema zu machen. Der Wandel, dem sich die alteingesessene Oscar-Akademie derzeit unterzieht, dürfte durch den Hashtag #MeToo beschleunigt werden. Bereits nach den Protesten gegen die Diskriminierung nicht weißer Filmschaffender im Jahr 2016 kündigte der Verband drastische Veränderungen an. Kurz darauf öffnete sich die Akademie für eine Rekordzahl junger, weiblicher und nicht weißer Mitglieder und führte schärfere Richtlinien gegen Sexismus und Diskriminierung ein. Durchaus möglich, dass die Neuzugänge die vielen Würdigungen weiblicher Filmschaffender in diesem Jahr beeinflusst haben.

Am aufsehenerregendsten ist zweifellos die Premiere in der Kategorie "Beste Kamera". Mit Rachel Morrison ("Mudbound") ist erstmals in der Geschichte der Academy Awards eine Kamerafrau nominiert. Regisseurin Greta Gerwig ("Lady Bird") hat als fünfte Frau überhaupt die Chance, den Oscar für die beste Regie zu holen. Nicht nur in der außergewöhnlichen Bandbreite der ausgewählten Filme setzen die Mitglieder der Akademie auf Vielfalt. Auch die Nominierung afroamerikanischer Schauspieler wie Denzel Washington ("Roman J. Israel, Esquire") und Newcomer Daniel Kaluuya ("Get Out") in der Kategorie "Bester Hauptdarsteller" sowie Octavia Spencer und Mary J. Blige als "Beste Nebendarstellerin" lassen hoffen, dass die verknöcherten Strukturen tatsächlich allmählich aufbrechen.