Er ist unter den Charakterdarstellern einer der ganz Großen: Michel Piccoli. Ungemein vielseitig strahlt der hochaufgeschossene Mann Dominanz und Kraft aus und hat durchaus etwas vom Salonlöwen. Auch in kleineren Rollen ist er somit kaum zu übersehen. Doppelbödige Figuren sind sein besonderes Metier. Auf den ersten Blick eher harmlos, brodelt unter dieser anscheinend ruhigen Oberfläche ein gefährliches Gemisch: kriminelle Energien, Leidenschaften, Obsessionen, Zynismen und Gemeinheiten. So wird der seriöse Herr in Lackschuhen mit den grauen Schläfen in "Trio Infernal" (1974) zum eiskalt berechnenden Monster, das seine Opfer hemdsärmelig in Salzsäure aufzulösen versucht. So wird aus dem biederen Fensterputzer der Anarchist "Themroc" (1972), der die Polizisten am Spieß brät und dann frisst. So entpuppt sich der ehrenwerte Stadtrat und Schlossverwalter in "Blutige Hochzeit" (1973) als cooler Giftmischer, der seine kränkelnde Frau los werden will, um der Geliebten näher zu sein. Rollen, die von aufrichtiger Menschlichkeit geprägt sind, bleiben die Ausnahme. Etwa als Onkel Fuchs und sich sorgender Ehemann von Marianne Sägebrecht in der düsteren NS-Chronik "Martha und ich" (1990).

Weit über 200 Filme hat der vielbeschäftigte Franzose inzwischen gedreht, der 1944 zum Film kam und parallel dazu mit einem Bein auch immer im Theater stand, bis auf eine längere Bühnenpause in den 70er Jahren. Die französische Mutter ist Klavierlehrerin, der italienische Vater Geiger. Als Schuljunge geht er auf ein Renommier-Internat bei Compiegne, später während des Krieges auf die Ecole alsacienne in Correze. 1942 zurück in Paris ans College Saint Barbe. Schon früh entdeckt Michel die Liebe zum Theater, gemeinsam mit Jean-Claude Pascal und Michel Auclair spielt er das erste Mal in Andersens "Des Kaisers neue Kleider" - damals ist er elf.

Der Schauspielschüler bei Madame Andree Bauer-Therond arbeitet wie besessen von früh bis abends. Nach dem Krieg, 1947 - es ist eine künstlerisch bedeutende Zeit -, tritt Piccoli an verschiedenen Pariser Theatern auf, spielt neben Martine Carol, die später seine Partnerin in Christian-Jaques "Nathalie" ist. Er ist Bewunderer von Louis Jouvet und Georges Douking, dem großen Magier des französischen Theaters, bei dem er in mehreren Stücken spielt. In dem Theatre Babylone trifft er auf die erste Lebenspartnerin Eleonore Hirt: Sie spielen in Strindbergs "Fräulein Julie", heiraten bald, doch die Ehe hält nicht lang.

Seit 1954 ist Piccoli Mitglied der Compagnie von Madeleine Renaud und Jean-Louis Barrault und spielt am TNP unter Jean Vilar. Nach einer Nebenrolle in Christian-Jaques "Das Geheimnis der Berghütte" (1945) wird Piccoli bei Louis Daquin Kinoschauspieler. Eine kreative Zeit beginnt. Piccoli spielt Theater und tritt in Filmen auf. Michèle Morgan ist Partnerin als Jeanne d'Arc und sie ist "Marie Antoinette". Jean Renoir sieht ihn auf der Bühne und engagiert ihn für eine kleine Rolle in "French Cancan". Dann begegnet Piccoli Paul Paviot, einen der großen Kino-Artisten Frankreichs.

Paviot spezialisiert sich auf Parodien des amerikanischen Trivial-Genrekinos und Piccoli ist schon bei seinem Kurzfilm "Terreur en Oklahoma" (1951) dabei, spielt bei ihm Frankensteins Monster in "Torticola contre Frankensberg", ist in "Saint-Tropez für immer" mit von der Partie und ist der schöne Cowboy Tommy und G-man Slim Spring in "Chicago Digest" (alle 1952). Dann lernt Piccoli Luis Buñuel kennen. Der sucht einen kleinen, jungen, rundlichen Priester für "Pesthauch des Dschungels". Piccoli ist groß, schlank und mit 30 nicht mehr der Jüngste. Er bewirbt sich und erhält die Zusage, eine große Freundschaft beginnt. Und als Jean-Luc Godard Piccoli 1963 für seinen Film "Die Verachtung" mit Brigitte Bardot unter Vertrag nimmt, beginnt der kommerzielle Durchbruch.

Auftritte mit vielen international bekannten Filmstars folgen: Jeanne Moreau, Catherine Deneuve (1966: "Belle de jour - Schöne des Tages"), Stephane Audran, Jane Fonda, Marlène Jobert, Lea Massari, Andréa Ferréol (1973: "Das große Fressen"), Mascha Gonska, Liv Ullmann, Jane Birkin, Ornella Muti (1975: "Die letzte Frau"), Claudia Cardinale, Isabelle Huppert, Hanna Schygulla, Susan Sarandon (1979: "Atlantic City, USA"), Nathalie Baye, Anouk Aimée, Juliette Binoche und seit Mitte/Ende der 60er Jahre natürlich Romy Schneider" (1976: "Mado", 1969: "Die Dinge des Lebens", 1970: "Das Mädchen und der Kommissar", 1981: "Die Spaziergängerin von Sans-Souci").

Als doppelgesichtiger, geistig verstörter Richter Mauro Ponticelli in "Der Sprung ins Leere" (1979) wird Piccoli 1980 in Cannes (Goldene Palme) ausgezeichnet. Zwei Jahre später folgt in Berlin ein Darstellerpreis (Silberner Bär) für seine Rolle als menschenverschleißender Kaufhausdirektor Bertrand Malair in "Eine merkwürdige Geschichte" (1981). Als Erbe und unpolitischer Müßiggänger gefällt Piccoli in "Eine Komödie im Mai" (1989, mit Miou Miou). 1992 kommt er in dem Meisterwerk "Die schöne Querulantin" (mit Emmanuelle Béart) als Maler Frenhofer in die Kinos. Piccoli kann noch einmal alle Register seiner Darstellerkunst ziehen: den liebenswerten Mann, das eiskalte Ekel, den Zyniker und den Verzweifelten. Michel Piccoli war in zweiter Ehe (1966 - 1977) mit der Chansonette Juliette Greco und ist seit 1980 in dritter Ehe mit Ludovine Piccoli verheiratet.

Und über die wenigen Liebesbeziehungen dazwischen - Stillschweigen. Das nährt den Klatsch: Wie war das mit Martine Carol, Annie Girardot, der Bardot, Jane Fonda, Catherine Deneuve - oder vor allem was war mit Romy Schneider?! Und dann kamen Jane Birkin und Sandrine Bonnaire dazu. Politisch steht Michel Piccoli wie Juliette Greco, seine Freunde Simone Signoret und Yves Montand, Simone de Beauvoir und Jean Paul Sartre der französischen KP nahe, doch er ist gegen jede Art von politischem Machtverhalten, lehnt alles Diktatorische im Osten wie im Westen ab. So engagiert er sich für Wolf Biermann, als man ihn aus der DDR ausweist. Engagement zeigt sich vor allem aber im Beruf: Er produziert Filme junger Regisseure und verhilft ihnen zu einer Chance im Dschungel der modernen Kino-Produktion.

Weitere Filme mit Michel Piccoli:

Die Vierziger Jahre
"Vor Tagesabbruch", "Le Parfum de la dame en noir" (beide 1949)

Die Fünfzigerjahre
"Ohne Angabe der Adresse" (1951), "Interdit de séjour" (1953), "Alles um mich ist Musik", "Ernst Thälmann - Führer seiner Klasse", "Das Große Manöver", "Les Mauvaises rencontres" (alle 1955), "Die Hexen von Salem", "Tabarin" (beide 1957), "Nacht über Paris", "Sonntagsfreunde" (beide 1958), "Das Weib und der Verdammte" (1959)

Die Sechzigerjahre
"Reporter, Mord und Mannequins", "Die Spur führt nach Caracas", "Die Jungfrauen von Rom" (alle 1960), "Hinter fremden Fenstern", "Hauteclaire" (TV), "La Chevelure" (alle 1961), "Nacht der Erfüllung", "Der Teufel mit der weißen Weste", "Fumée, histoire et fantaisie", "Climats" (alle 1962), "Adieu Philippine" (1963), "Tagebuch einer Kammerzofe", "Schräger Charme und tolle Chancen", "Agenten lassen bitten" (alle 1964), "Romy. Anatomie eines Gesichts" (Doku), "Brennt Paris?", "Lady L.", "Les Ruses du diable", "Marie Soleil", "Verführungen", "Le Coup de grâce", "Compartiment tueurs", "Café Tabac" (alle 1965), "Der Krieg ist vorbei", "Les Créatures", "Schornstein Nr. 4", "La Curée" (alle 1966), "Die Mädchen von Rochefort", "Un homme de trop", "Mon amour, mon amour", "Don Juan", "Benjamin - Aus dem Tagebuch einer männlichen Jungfrau" (alle 1967), "La Prisonnière", "Dillinger ist tot", "Diabolik", "La Chamade - Herzklopfen", "Topas" (alle 1968), "Die Milchstraße", "L'Invitata" (beide 1969)

Die Siebzigerjahre
"L'Invasion", "Drei auf der Flucht" (beide 1970), "L'Udienza" (1971), "Der zehnte Tag", "Allein mit Giorgio" (beide 1971), "La Femme en bleu", "César und Rosalie" (Erzähler), "Der diskrete Charme der Bourgeoisie", "Das Attentat" (alle 1972), "Far West", "Grandeur nature", "Berühre nicht die weiße Frau" (alle 1973), "Das Gespenst der Freiheit", "Der dritte Grad", "Vincent, François, Paul und die anderen" (alle 1974), "Leonor", "Die letzte Frau", "Quartett Bestial" (alle 1975), "Nouvelles de Henry James" (TV-Serie), "Die wilden Mahlzeiten", "Todo modo", "F comme Fairbanks" (alle 1976), "L'Imprécateur", "Das gefährliche Spiel von Ehrgeiz und Liebe", "Verwöhnte Kinder", "La Part du feu" (alle 1977), "Lautlose Angst", "Strauberg ist da", "Lecture" (TV-Serie), "La Petite fille en velours bleu" (alle 1978), "Salto nel vuoto", "Leichen muss man feiern, wie sie fallen", "Wer die Zügel hält", "Verwirrung der Gefühle" (TV), "Der Preis fürs Überleben", "Le Divorcement" (alle 1979)

Die Achtziger Jahre
"Zucker, Zucker" (1980), "La Fille prodigue", "Der Maulwurf" (beide 1981), "Kopfjagd - Preis der Angst", "Oltre la porta", "Une chambre en ville", "Que les gros salaires lèvent le doigt!!!", "Passion", "Il Generale dell'armata morte" (auch Buch), "Gli Occhi, la bocca", "Flucht nach Verennes" (ungenannt, alle 1982), "Gefährliche Züge" (1983), "Viva la vie - Es lebe das Leben", "Success Is the Best Revenge", "Gefahr im Verzug" (alle 1984), "Partir, revenir", "La Fausse suivante" (TV), "Adieu, Bonaparte" (alle 1985), "Le Paltoquet", "Das weite Land", "Die Nacht ist jung" (alle 1986), "La Rumba", "L'Homme voilé", "Maladie d'amour", "Die Mondscheingasse" (TV), "Come sono buoni i bianchi", "Blanc de Chine" (alle 1987), "Le Conte d'hiver" (1988, TV), "Les Grandes familles" (1989, TV-Serie)

Die Neunzigerjahre
"Le Voleur d'enfants", "Die Equilibristen", "Das Schicksal des Freiherrn von Leisenbohg", "Contre l'oubli", "Le Bateau de Lu" (alle 1991), "Ein Affenzirkus", "From Time to Time", "Le Souper" (Stimme), "La Vie crevée", "Archipel" (alle 1992), "La Cavale des fous", "Rupture(s)" (beide 1993), "Engel in Schwarz", "Hundert und eine Nacht", "Tödliches Geld - Das Gesetz der Belmonts", "Train de nuit", "Der Emigrant", "Bête de scène" (alle 1994), "Beaumarchais - Der Unverschämte", "Party", "Tykho Moon", "Die Reisegefährtin", "Genealogien eines Verbrechens" (alle 1996), "Le prince des imposteurs", "Ein Mann in Nöten", "Eine Leidenschaft in der Wüste" (alle 1998), "Le plus beau pays du monde" (Stimme), "Libero Burro", "París Tombuctú" (alle 1999)

Seit 2000
"Les Acteurs", "A propósito de Buñuel" (Doku), "Alles Bestens (Wir verschwinden)" (alle 2000), "Ich geh' nach Hause" (2001), "Göttliche Intervention - Eine Chronik von Liebe und Schmerz" (Stimme im Original2002), "Das Geheimnis der Frösche" (Stimme im Original), "Die kleine Lili", "Un homme, un vrai", "Ce jour-là" (alle 2003), "Mal de mer" (2004), "Espelho Mágico" (2005), "Les toits de Paris", "Belle toujours" "Jardins en automne" (alle 2006), "Le roi Lear", "Sous les toits de Paris", "Boxes", "Rencontre unique", "Die Herzogin von Langeais" (alle 2007), "Myster Mocky présente" (TV-Serie, eine Folge), "De la guerre" (beide 2008), "I skoni tou hronou", "L'insurgée", "Dust of Time" (alle 2009), "Romy" (2010), "Habemus Papam" (2011), "Holy Motors" (2012).

Außerdem führte Piccoli bei folgenden Filmen Regie: "Contre l'oubli" (1991), "Train de nuit" (1994, auch Buch), "Voilà - Eine schöne Familie" (1997, auch Buch) und "La plage noire" (2001, auch Buch) und "Das Leben ist eine Orgie" (2005).