Die Halbwaisen Theo (Oakes Fegley) und Boris (Finn Wolfhard) freunden sich miteinander an.
John Crowley wagte sich an die Verfilmung des vielfach prämierten Meisterwerks "Der Distelfink" von Donna Tartt.

Der Distelfink

KINOSTART: 26.09.2019 • Drama • USA (2019) • 150 MINUTEN
Lesermeinung
prisma-Redaktion
Originaltitel
The Goldfinch
Produktionsdatum
2019
Produktionsland
USA
Laufzeit
150 Minuten
Regie

Filmkritik

Original und Fälschung
Von Gabriele Summen

In Donna Tartts vielschichtigem Meisterwerk "Der Distelfink" geht es immer wieder auch um den Unterschied zwischen Original und Fälschung in der Kunst. Regisseur John Crowley versucht, den Zauber des Originals in seiner Filmadaption einzufangen.

Über 1.000 Seiten lang ist Donna Tartts großartiger Roman "Der Distelfink", der 2013 vielen Menschen durchlesene Nächte bescherte und im Jahr darauf zu Recht den Pulitzer-Preis gewann. "Brooklyn"- Regisseur John Crowley wagte sich an die Verfilmung des komplexen Meisterwerks, das an die Entwicklungsromane von Charles Dickens erinnert. Virtuos sinniert die Autorin in ihrem Buch über Schicksal, Zufall, Trauma, Schuld, Identität und Tod, sowie den Trost, der unsterblicher Kunst innewohnt. Crowleys Filmadaption beginnt wie der Roman in Amsterdam, Theo (hoffnungslos fehlbesetzt: "Baby-Driver" Ansel Elgort) hängt in einem Hotelzimmer herum und denkt daran, Selbstmord zu begehen.

Unvermittelt landet man daraufhin in einer noblen Wohnung in Manhattan, in die der 13-jährige Theo (weitaus glaubwürdiger: Oakes Fegley) gebracht wird, nachdem er bei einem terroristischen Bombenanschlag im Metropolitan Museum seine Mutter verloren hat. In einem Täschchen verbirgt der Junge, der sich schuldig am Tod seiner geliebten Mutter fühlt, das kleine Gemälde des titelgebenden, zahmen Distelfinks. Carel Fabritius, ein Zeitgenosse Rembrandts, malte es 1654, kurz bevor er ebenfalls bei einer Explosion verstarb. Der unter Schock stehende Junge steckte das Bild, das seine Mutter sehr liebte, nach der Katastrophe im Museum einfach ein.

Häppchenweise erfährt der Betrachter, dass die Barbours, die ihn erst einmal aufnehmen, zur Familie eines Schulfreundes gehören. Theos Mutter war alleinerziehend, sein Vater hat sich aus dem Staub gemacht. Frau Barbour (Oscar-Gewinnerin Nicole Kidman) gelingt es, eine Beziehung zu dem traumatisierten Jungen aufzubauen.

Doch gilt es noch einen weiteren Handlungsfaden des Buches abzuarbeiten: Theos Freundschaft mit dem warmherzigen Antiquitätenhändler Hobie (Jeffrey Wright), dessen Geschäftspartner Blackwell bei der Explosion verstarb. Dort trifft Theo auch Blackwells etwa gleichaltrige Nichte Pippa wieder, die bei dem Anschlag neben ihm stand und sich nur langsam von ihren schweren Verletzungen erholt. Sie wird für ihn zur unerreichbaren Liebe seines Lebens.

Bald jedoch meldet sich Theos windiger Vater Larry (Luke Wilson). Er nimmt den Jungen mit nach Las Vegas, wo er mit seiner vulgären Geliebten Xandra (Sarah Paulson) in einer verlassenen Siedlung am staubigen Rande der Wüste lebt. Dort wiederum lernt Theo den gleichaltrigen, ukrainischen Jungen Boris kennen, eine Rolle, die von "Stranger Things"-Star Finn Wolfhard eigenwillig interpretiert wird. Die Freundschaft zwischen den beiden Halbwaisen wird ein Leben lang halten, und wieder kann der Schauspieler Aneurin Barnard, der später den erwachsenen Boris verkörpert, dem Kinderdarsteller nicht das Wasser reichen.

Die Beziehung zwischen dem naiven, traumatisierten Theo und dem ebenfalls geschädigten Boris, der von seinem Vater misshandelt wird, ist der interessanteste Part der Coming-of-Age-Geschichte. Auch hier liefert Kameramann Roger Deakins ("Blade Runner 2049"), traumhafte Bilder, die etwas von dem Geist der literarischen Vorlage atmen. Noch viel länger könnte man den beiden verlorenen Jungen zuschauen, wie sie rauchen, Bier trinken, Drogen einwerfen, aber auch einander den Halt geben, den sie so dringend benötigen. Allerdings wird die Drogensucht Theo nie mehr loslassen, ebenso wenig wie das gestohlene Bild.

Theos Zeit in der gottverlassenen Siedlung ist die einzige Passage des Films, in der man nicht das Gefühl hat, eher unterentwickelten Charakteren zuzuschauen. Drehbuchautor Peter Straughan lässt ansonsten von dem Text Tartts nur das Plotgerippe übrig. Der viel wichtigeren Zwischentöne beraubt, wirkt Crowleys zweieinhalb Stunden langer Film wie ein großes unzusammenhängendes Durcheinander, dessen Ende man irgendwann herbeisehnt. Allerdings ist das krimihafte Finale der schwächste Part eines ohnehin schwachen Films, den auch ein aufdringlicher Soundtrack dem Publikum nicht näher bringen kann. Am Ende wirkt Crowleys Film wie eine optisch passable Fälschung, die jedoch Lichtjahre vom Original entfernt ist.


Quelle: teleschau – der Mediendienst

Darsteller
Wird gern in Komödien besetzt: Luke Wilson.
Luke Wilson
Lesermeinung
Die US-amerikanisch-australische Schauspielerin und Filmproduzentin Nicole Mary Kidman ist am 20. Juni 1967 in Honolulu, Hawaii geboren worden.
Nicole Kidman
Lesermeinung
Weitere Darsteller

Neu im kino

Résistance – Widerstand
Drama • 2020
Supernova
Drama • 2021
The Last Duel
Drama • 2021
Die Pfefferkörner und der Schatz der Tiefsee
Kinderfilm • 2021
Bis an die Grenze
Drama • 2020
Mit "Keine Zeit zu sterben", dem 25. Film der Reihe, verabschiedet sich Daniel Craig von seiner Rolle. Die Dreharbeiten wurden bereits im Oktober 2019 abgeschlossen. Als Folge der Pandemie verzögerte sich der Kinostart jedoch mehrfach.
Keine Zeit zu sterben
Action • 2019
prisma-Redaktion
"Dune" ist bereits die zweite Verfilmung des legendären Science-Fiction-Romans.
Dune
Science-Fiction • 2021
prisma-Redaktion
Mit Shang-Chi steht erstmals ein asiatischer Superheld im Zentrum eines Marvel-Abenteuers.
Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings
Action • 2021
prisma-Redaktion
In vier Episoden erzählt "Doch das Böse gibt es nicht" von der Todesstrafe im Iran.
Doch das Böse gibt es nicht
Drama • 2020
prisma-Redaktion
Drama trifft Thriller trifft Groteske: "Promising Young Woman" mischt verschiedene Genres zu einem grandiosen Film.
Promising Young Woman
Thriller • 2020
prisma-Redaktion
Für die Fußball-Dokumentation "Nachspiel" begleiteten die Filmemacher Christoph Hübner und Gabriele Voss ihre Protagonisten mehr als 20 Jahre lang.
Nachspiel
Dokumentarfilm • 2019
prisma-Redaktion
"Kaiserschmarrndrama" ist die siebte Verfilmung eines Rita-Falk-Krimis rund um den Niederkaltenkirchener Ermittler Eberhofer.
Kaiserschmarrndrama
Komödie • 2020
prisma-Redaktion
Vom flanierenden Werbetexter zum Verliebten und in den Abgrund: Tom Schilling spielt Erich Kästners Romanfigur Fabian aus dem Jahre 1931. Der ungewöhnliche Historienfilm lief im Wettbewerb der Berlinale und wurde von der Kritik gefeiert.
Fabian oder der Gang vor die Hunde
Drama • 2021
prisma-Redaktion
Auf ein Neues! Die Antiheldentruppe Suicide Squad bekommt nach dem verunglückten ersten Leinwandauftritt von 2016 eine Frischzellenkur verpasst.
The Suicide Squad
Action • 2021
prisma-Redaktion
"Jungle Cruise" ist ein Film für viele Geschmäcker: Neben Action und Spannung bietet der Streifen von Jaume Collet-Serra auch jede Menge Witz und eine wohldosierte Portion Romantik.
Jungle Cruise
Komödie • 2021
prisma-Redaktion
Irgendwo steht immer ein Auto rum, das gefahren werden will: "Fast & Furious 9" macht einen Trip rund um die Welt und wagt sich sogar ins All.
Fast & Furious 9
Action • 2021
prisma-Redaktion
"Minari - Wo wir Wurzeln schlagen" wurde für sechs Oscars nominiert und gewann den Preis für die beste Nebendarstellerin.
Minari
Drama • 2020
prisma-Redaktion
Wie ein ehrgeiziger Unternehmer auf der Suche nach größeren beruflichen Erfolgen den Zusammenhalt seiner Familie riskiert, beleuchtet Sean Durkins Drama "The Nest - Alles zu haben ist nie genug".
The Nest - Alles zu haben ist nie genug
Drama • 2020
prisma-Redaktion
Erst im Kino, einen Tag später schon bei Disney+: "Black Widow" ist zurück.
Black Widow
Action • 2020
prisma-Redaktion
"Nomadland" gewann im Frühjahr drei Oscars - als bester Film, für die beste Regie sowie für die beste Hauptdarstellerin.
Nomadland
Drama • 2020
prisma-Redaktion
Godzilla und King Kong haben sich im vierten Teil der MonsterVerse-Reihe keine Nettigkeiten zu sagen.
Godzilla vs. Kong
Action • 2021
prisma-Redaktion
"Stowaway - Blinder Passagier" erzählt von einer möglicherweise bahnbrechenden Marsmission, auf der es kurz nach dem Start zu einem dramatischen Zwischenfall kommt.
Stowaway - Blinder Passagier
Science-Fiction • 2021
prisma-Redaktion
"Cats & Dogs 3 - Pfoten vereint!" setzt die Reihe, die vor 20 Jahren ihren Anfang nahm, fort.
Cats & Dogs 3 - Pfoten vereint!
Komödie • 2020
prisma-Redaktion
Trotz hochkarätiger Besetzung erreicht "A Quiet Place 2" nie die Intensität des viel gelobten Vorgängers von 2018.
A Quiet Place 2
Thriller • 2019
prisma-Redaktion
"Wonder Woman 1984" war zunächst nur bei Sky zu sehen und kommt nun auch in die Kinos.
Wonder Woman 1984
Action • 2020
prisma-Redaktion
In "Mortal Kombat" geht es äußerst brutal zur Sache.
Mortal Kombat
Action • 2021
prisma-Redaktion
In der Neuverfilmung von "Hexen hexen" verbreitet Anne Hathaway als Oberhexe Angst und Schrecken.
Hexen hexen
Komödie • 2020
prisma-Redaktion
"Und morgen die ganze Welt" erzählt von einer jungen Studentin, die sich der Antifa anschließt.
Und morgen die ganze Welt
Drama • 2020
prisma-Redaktion
Nina Hoss kümmert sich als "Schwesterlein" um ihren todkranken Filmbruder Lars Eidinger - kann aber weder den Krebs noch die Klischees besiegen.
Schwesterlein
Drama • 2020
prisma-Redaktion
Der Held der Kinderzimmer erobert die große Leinwand: "Yakari - Der Kinofilm".
Yakari - Der Kinofilm
Animationsfilm • 2020
prisma-Redaktion