In Jason Reitmans sehenswertem Politdrama verkörpert Hugh Jackman den hoch gehandelten Demokraten Gary Hart, dem eine mutmaßliche Affäre zum Verhängnis wurde.

Vielen Menschen dürfte die sogenannte Lewinsky-Affäre, infolge derer sich Bill Clinton einem Amtsenthebungsverfahren stellen musste, noch bestens in Erinnerung sein. Weniger bekannt ist vor allem hierzulande der Skandal, über den der hoch gehandelte demokratische Politiker Gary Hart im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen von 1988 stolperte. Das von Jason Reitman ("Tully") inszenierte biografische Drama "Der Spitzenkandidat" beleuchtet den Weg zu seinem überraschenden Absturz und bemüht sich um eine Darstellung aus diversen Perspektiven.

Der Film beginnt mit einem Rückschlag: Im Jahr 1984 unterliegt der US-Senator Gary Hart (Hugh Jackman) bei den Vorwahlen der Demokraten seinem Parteigenossen Walter Mondale, der schließlich als Präsidentschaftsanwärter gegen den Republikaner Ronald Reagan ins Rennen geht – und scheitert. Einige Jahre später nimmt Hart einen zweiten Anlauf und bewirbt sich erneut um die Kandidatur für das höchste Amt im Staat. Seine Chancen stehen dieses Mal äußerst gut. Doch dann bringen den ehrlich und rechtschaffen auftretenden Familienvater Berichte über eine angebliche Beziehung mit der jungen Donna Rice (Sara Paxton) in große Erklärungsnot.

Reitmans Aufarbeitung der Ereignisse legt die Karten schon am Anfang offen auf den Tisch. Harts politische Karriere wird durch die Diskussionen über die mutmaßliche Affäre ein jähes Ende finden. Wie es dazu kommt, zeichnet der Film aus unterschiedlichen Blickwinkeln nach, die dem Zuschauer ein Gefühl für die damaligen Befindlichkeiten geben. Seinen erzählerischen Ansatz lässt der Regisseur bereits zum Auftakt in seine Inszenierung einfließen. Ohne große Vorbemerkungen wird das Publikum in den Abend von Harts erster Niederlage hineingeworfen, wobei die Kamera in einer ausgeklügelten Plansequenz zahlreiche Menschen in den Fokus rückt, Gespräche aufgreift, um dann zu anderen Personen weiterzuziehen.

Auch wenn der von Hugh Jackman angemessen charismatisch verkörperte Politiker im Zentrum steht, eröffnet sich ein Panorama, das mehrere Beteiligte ins Rampenlicht treten lässt. Dokumentiert werden etwa das Wirken von Harts Wahlkampfteam, dem mit Bill Dixon (herrlich knorrig: J. K. Simmons) ein alter Hase vorsteht, und die fiebrigen Recherchen der Journalisten, die den Spitzenkandidaten in die Knie zwingen. Aufrichtiges Interesse zeigt der Film auch für die bemitleidenswerte Donna Rice, die sich auf einmal im öffentlichen Kreuzfeuer wiederfindet. Ihr Schicksal nehmen Reitman und seine Koautoren Matt Bai und Jay Carson zum Anlass, um, zumindest ansatzweise, sexistische Denkmuster anzuprangern und Überlegungen zum Machtmissbrauch in den Raum zu stellen.

Angesichts der vielen auftretenden Figuren schafft es das Politdrama nicht, allen in gleichem Maße gerecht zu werden. Der Spießrutenlauf, den Harts Familie, besonders seine Ehefrau Lee (Vera Farmiga), nach Bekanntwerden der Vorwürfe über sich ergehen lassen muss, ist eine spannende Facette, kommt aber leider etwas kurz. Ein wenig genauer hätte der Film außerdem den Protagonisten zeichnen können, der die Anschuldigungen resolut zurückweist und seinen Kampf um die Nominierung stur weiterführen will.

"Der Spitzenkandidat" verhebt sich mitunter an seinen Ambitionen und kommt zu einem leicht abrupt wirkenden Ende, führt dem Betrachter unter dem Strich allerdings anschaulich vor Augen, wie im Präsidentschaftswettstreit um die bestmögliche Inszenierung gerungen wird und wie die politische Berichterstattung mit der angeblichen Hart-Affäre eine starke Boulevardisierung erlebt. Die Frage, ob sich ein fähiger Politiker tatsächlich wegen einer mutmaßlichen außerehelichen Liaison als Staatsoberhaupt disqualifiziert, reicht Reitman an den Zuschauer weiter und sorgt so dafür, dass man auch nach dem Kinobesuch noch über das Gesehene nachdenkt.


Quelle: teleschau – der Mediendienst