Wenn Leute schon beim schnellen Vorübergehen am Poster erkennen sollen, dass das hier kein klassischer Animationsfilm für Kinder ist, sondern einer für Erwachsene, dann macht man es wohl mit so einem Titel: "Die kleine Amélie oder Der Charakter des Regens" – deutlicher geht es kaum. Das schreit schon von Weitem "Kunst" und "Kultur" und "Poesie", der Film zielt ganz sicher nicht auf ein Mainstreampublikum. Aber er wird sicher seine Liebhaber und Liebhaberinnen finden.
Es ist gewiss nicht nur der Titel. "Die kleine Amélie" handelt von japanischen Volksmärchen über Kobolde und Gespenster, von Entfremdung, Entwurzelung und Trauma, von schmerzhaften Begegnungen mit dem Tod. Und eben von diesem kleinen Mädchen Amélie, das bis zu ihrem zweiten Geburtstag in einem "vegetativen Zustand" wie in einer Blase lebt und von sich selbst annimmt, eine Göttin zu sein. Ein gutes Jahr nach ihrem Geburtstag wird Amélie verstanden haben, dass sie doch keine Göttin ist. Ausgangspunkt für diese Erkenntnisreise wird ein schweres Erdbeben, das ihre Blase platzen lässt und die ganze Familie – Belgier, die in Japan leben – ordentlich durchschüttelt.
Bei "Die kleine Amélie oder Der Charakter des Regens" handelt es sich um ein Gemeinschaftsprojekt von Maïlys Vallade und Liane-Cho Han (jeweils Animation, Storyboard, Regie), das 2025 in Cannes Premiere feierte, später bei zahlreichen weiteren Festivals lief und durchgehend viel Applaus erntete. Die Adaption des autobiografischen Romans "Metaphysik der Röhren" von Amélie Nothomb war für einen Golden Globe und einen Oscar als bester Animationsfilm nominiert. Und auch wenn primär ein erwachsenes Publikum angesprochen wird: Kinder dürfen zum gemeinsamen Staunen und Träumen natürlich trotzdem mit ins Kino – "Die kleine Amélie" ist freigegeben ab sechs Jahren.