Autumn (Sidney Flanigan) ist ungewollt schwanger - in ihrem Provinzkaff kann sie aber ohne Zustimmung ihrer Eltern nicht abtreiben.
Wem gehört ihr Körper? In "Niemals Selten Manchmal Immer" will eine 17-Jährige selbst über eine Abtreibung entscheiden und büxt nach New York City aus.

Niemals Selten Manchmal Immer

KINOSTART: 01.10.2020 • Drama • USA (2020) • 102 MINUTEN
Lesermeinung
prisma-Redaktion
Originaltitel
Never Rarely Sometimes Always
Produktionsdatum
2020
Produktionsland
USA
Laufzeit
102 Minuten

Filmkritik

Der letzte Ausweg
Von Andreas Fischer

In ihrem kraftvollen Drama "Niemals Selten Manchmal Immer" erzählt Eliza Hittman mit selten gesehener Empathie von einer 17-Jährigen auf Abtreibungsodyssee in New York City.

Eigenverantwortlich zu handeln, das gehört sozusagen zur DNA der USA. Allerdings ist es mit der Selbstbestimmung nicht mehr weit her in dem Land, das einst den "American Dream" erfunden hat. Vor allem nicht für Frauen. "He makes me do things I don't wanna do, he makes me say things I don't wanna say", singt Autumn (Sidney Flanigan) zu Beginn von Eliza Hittmans meisterlichem Film "Niemals Selten Manchmal Immer" in der Aula ihrer Highschool in einem Kaff irgendwo in Pennsylvania. Über ihr Leben kann sie nicht selbst bestimmen, über ihren Körper auch nicht. Das machen Männer. "Schlampe" bekommt sie dann auch aus dem Publikum entgegengespuckt – und niemand unternimmt etwas dagegen. Nicht einmal ihre Eltern.

Wie soll Autumn ihnen erzählen, dass sie schwanger ist? Geschweige denn ihre Erlaubnis für eine Abtreibung bekommen? Die ist in Pennsylvania zwingend erforderlich, wenn Minderjährige Schwangerschaften beenden wollen. Autumn hat keine Wahl, als in einen anderen Bundesstaat zu fahren, und steigt mit ihrer patenten Cousine Skylar (Talia Ryder) in den Bus nach New York.

Zwar sind Abtreibungen in den USA seit den 1970er-Jahren generell legal. Wie lange das so bleiben wird, steht nicht erst seit dem Tod von Ruth Bader Ginsburg und der aktuellen Kontroverse um die Besetzung des freigewordenen Platzes am Obersten Gericht der USA in den Sternen. Die Konservativen machen seit Jahren erfolgreich mobil gegen liberale Abtreibungsgesetze, erst im vergangenen Jahr haben einige Bundesstaaten restriktive Regelungen verabschiedet.

Das ist der gesellschaftliche Kontext, in den Eliza Hittmans Film eingebettet ist. Die Regisseurin lässt sich weder zu Dramatisierungen noch zu politischen Statements hinreißen. Sie zeigt und beschreibt einfach, was los ist in dem Land. Aufdringliche Kunden, Entblößungen, ungewollte Umarmungen – "Niemals Selten Manchmal Immer" erzählt fast schon beiläufig von männlichem Machtmissbrauch, ohne den Fokus auf die Aggressoren zu legen. Im Mittelpunkt steht eine 17-jährige Teenagerin, die selbst über ihren Körper bestimmen will.

"Niemals Selten Manchmal Immer" wirft einen konkreten, fast schon dokumentarischen Blick auf den Status quo der Gesellschaft und begleitet seine Protagonistin mit einer im Kino selten gesehenen Empathie auf einer Odyssee, die viel Mut erfordert und sie körperlich und seelisch an die Grenzen führt. In New York geht den Mädchen das Geld aus, sie müssen sich die Nächte zwischen Spielhallen, Coffeeshops und Subway-Stationen um die Ohren schlagen. Die Abtreibung ist schwieriger als gedacht, bürokratische Hindernisse tauchen auf.

Der Filmtitel bezieht sich auf einen Fragenkatalog, den die Mitarbeiterinnen in der Abtreibungsklinik abarbeiten. Es geht um sexuelle Erfahrungen, aber auch um erfahrenen Missbrauch: Autumn kann einige Fragen routiniert mit "niemals", "selten", "manchmal", "immer" beantworten. Bei einigen anderen aber wird sie gezwungen, ihre bisherige Normalität zu hinterfragen: Diese stille, kraftvolle und schwer erträgliche Szene wurde in einer einzigen langen Einstellung gedreht, sodass man keines der Gefühle verpassen kann, die Autumn übermannen. Das Schöne aber ist, dass sie auf der Rückfahrt endlich wieder entspannt einschlafen kann.


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH

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